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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.12.2010

Der Sprung auf die Bühne

Kabarettist Marc-Uwe Kling und sein Känguru

Von Elmar Krämer

Marc-Uwe Kling (Kling)
Marc-Uwe Kling (Kling)

Wer sich in der Kleinkunstszene umtut, der stößt immer wieder auf Autoren, die große Karrieren auf kleinen Bühnen begonnen haben. So einer ist auch Marc-Uwe Kling, der für seine Radiokolumne "Neues vom Känguru" mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde.

Berlin Kreuzberg: Direkt neben der alten Markthalle in der Pücklerstraße findet man das Weltrestaurant Markthalle. Wer hier am Damenklo vorbeigeht, eine steile Kellertreppe hinunter und in einem düsteren Gang um zwei Ecken herum, der steht unvermittelt vor dem "Privatclub" – einem Musikclub mit Kellergewölbe:

"Und hier fand die erste Lesebühne statt, wo ich mitgemacht und die ich auch mitgegründet habe. Die war immer dienstags und hieß die Überflüssigen. Ich hab da noch studiert, aber dann immer mehr angefangen, andere Sachen zu schreiben als Hausarbeiten."

Und das hat sich gelohnt: Marc-Uwe Kling hat den Sprung von der Kellerbühne ins Rampenlicht geschafft. Inzwischen füllt der passionierte Mützenträger mit seinem Programm aus Kurzgeschichten und "politischen Liebesliedern", wie er sie nennt, regelmäßig das Mehringhoftheater in Berlin und andere Clubs im ganzen Land.

Songausschnitt: "Sag mal wo nimmst Du deine Ideen her und ist das auswendig lernen eigentlich schwer? Und kennst Du auch andere Künstler also ich mein einen wichtigen und hast du auch einen Beruf - also ich mein einen Richtigen und musst du deine Plakate selber kleben? Kann man davon leben?"

Die Gitarre im Arm, auf dem Kopf die für ihn obligatorische Mütze - Mark-Uwe Kling fühlt sich wohl auf der Bühne – und er kann davon leben. Er ist kein Marktschreier - eher ein stiller und sehr präziser Beobachter. Auch optisch ist Mark-Uwe Kling der unauffällige Typ: kurze dunkle Haare, Dreitagebart, groß und schlank – Typ Philosophiestudent. Der nette Kerl von nebenan eben.

1982 wird er als jüngstes von vier Kindern in Stuttgart geboren. Seine Eltern sind Speditionskaufleute, sein Vater Hobbymusiker. Marc-Uwe spielt Klavier und Gitarre, hat eine ganz normale Kindheit:

"Ich habe lustigerweise sehr viel Fußball gespielt, was mich ja heute gar nicht mehr interessiert, aber damals war das das Ding."

Mit 20 zieht es ihn nach Berlin. Die Stadt mit der jetzt offenen Mauer bietet vielfältige Möglichkeiten, das Leben zu Gestalten – abwechslungsreich und bunt:

"Ich hab angefangen Philosophie zu studieren, dann hab ich’s abgebrochen, hab was anderes studiert, dann hab ich wieder Philosophie studiert und dann hab ich’s noch mal abgebrochen – ich finde, das passt ganz gut zu einem Philosophiestudium."

Eigentlich will Marc-Uwe Kling sowieso lieber Filme machen:

"Ich hab auch ein paar Kurzfilme gedreht hier in Berlin und dann irgendwann festgestellt, dass Filme machen unglaublich anstrengend ist."

Doch die Szenen, die er in Berlin erlebt, müssen raus – er schreibt Kurzgeschichten. Und Lieder. Die sind auch direkter als Filme: Nachmittags geschrieben, abends auf der Bühne vorgelesen oder gesungen. Immer wieder im Mittelpunkt seiner Geschichten: das Leben in der Wohngemeinschaft. Seine Mitbewohner sind allesamt vom Kurzgeschichten- und Lesebühnenvirus infiziert. So wird die WG zur kreativen Kommune:

"Da saßen wir alle in unseren Zimmern und haben die Geschichten geschrieben und dann gingst du halt ins Nebenzimmer und hast gesagt: Hier, ist fertig, hör dir das mal an. Das hatte ganz lustige Effekte – die Intertextualität war sehr stark, um das mal so zu formulieren, das heißt es konnte sein, dass eine Figur aus Sebastians Text auch in meinem Text aufgetaucht ist und natürlich sind wir auch selber immer wieder gern gesehene Protagonisten gewesen in den Geschichten."

Im wirklichen Leben hat Marc-Uwe Kling sich mittlerweile aus der Wohngemeinschaft verabschiedet – aber sein Bühnen-Ich lebt immer noch in einer WG – einer ganz besondern, mit einem Känguru:

"Das Känguru ist Kommunist, es isst sehr gerne Schnapspralinen, es hört gern Nirvana und es lässt sich nichts gefallen."

Ausschnitt aus der Show:

"Nur weil ich ein Känguru bin, glauben sie also, dass ich aus Australien komme? Und jeden Moslem schieben sie wohl nach Mekka ab und jeden Schwarzen nach Schwarzafrika? – Verdammter Rassist.

- Soso, ein Rassist bin ich also - nur weil ich dafür sorge, dass Deutschland lebenswert bleibt?

- Er wendet sich an mich: Sie als Deutscher, denken sie dasselbe über mich?

- Nein, für mich sind sie eher wie der tragische Held in Sophokles bekanntestem Stück.

- Genau, ein tragischer Held – so sehe ich mich auch manchmal. Na gut, dann gehen sie mal, aber nehmen sie ihr Maskottchen mit.

- "König Ödipus" flüstert das Känguru, als ich die Tür zum Büro zuziehe. Du hast ihn gerade auf extrem subtile Weise als 'Motherfucker' bezeichnet, Alter!"

Mit dem Känguru hüpft Marc-Uwe Kling von Erfolg zu Erfolg. Seine Geschichten sind als Buch und CD erschienen: Er ist deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister, wurde mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet und hat etliche Kleinkunstpreise gewonnen.

Mit der Gitarre im Arm auf der Bühne ist er auch ohne abgeschlossenes Philosophiestudium zum Alltagsphilosophen geworden. Als "wortgewaltig, amüsant und temporeich" bezeichnet ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", als "donnernd komisch" der "Spiegel". Und die Berliner Boulevardzeitung "B.Z." nennt ihn einen "geistigen Terror-Brandstifter".

"Für mich war das mit das größte Kompliment, das ich bekommen habe, von der Springerpresse gedisst zu werden. Da hab ich gedacht, jetzt hast du mal was richtig gemacht."

Homepage von Marc-Uwe Kling

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