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Rang I | Beitrag vom 09.05.2015

Der Sound der Biennale in VenedigÜberall Stimmen und Musik

Von Susanne Burkhardt

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Biennale in Venedig, Mai 2015: Die Arbeit "Giro, 2015" des Künstlers Olaf auf der Biennale auf dem Dach des Deutschen Pavillons. Dort führen Akteure ein Schattenteater auf. Sie treten von Zeit zu Zeit an den Rand des Daches und werfen Bumerangs. (picture alliance / dpa)
Biennale in Venedig, Mai 2015: Die Arbeit "Giro, 2015" des Künstlers Olaf auf der Biennale auf dem Dach des Deutschen Pavillons. Dort führen Akteure ein Schattenteater auf. Sie treten von Zeit zu Zeit an den Rand des Daches und werfen Bumerangs. (picture alliance / dpa)

Performance, Installation oder Lesung: Auf der Kunstbiennale in Venedig trifft man auf die verschiedensten grenzüberschreitenden Arbeiten. Hier einige Beispiele für theatrale Momente. Lauschen Sie rein!

Was für eine schräge Idee: eine polnische Operninszenierung auf Haiti. Auf der riesigen  Panoramaleinwand des polnischen Pavillons werden wir Zeuge einer merkwürdigen Kulturbegegnung.

Auf dem Dorfplatz wird Polens älteste Nationaloper "Halka" aufgeführt. Klassische Pelzkostüme, steife Tänze, Posen. Aufgeführt in Cazale, also jenem Ort, der heute noch von den Hawaianern als "polnisch" bezeichnet wird.

Hier halfen einst unter Napoleon einige Polen bei der Niederschlagung von Sklavenaufständen. Ihre Nachfahren leben noch immer  hier.

C.T. Jasper, Regisseur der merkwürdigen Unternehmung, erklärt den karibischen Dorfbewohnern, was das ist: eine Oper, ein Streichorchester und was jetzt gleich passiert. Das ungelernte Opernpublikum wirkt ratlos bis amüsiert ob der geschmetterten Arien. Mopeds knattern durch die Ouvertüre.

Auf dem Dach des Deutschen Pavillons werden Bumerangs gebaut

Die Biennale hat ganz im Shakespeare'schen Sinne viele Bühnen zu bieten. Auch das Dach des Deutschen Pavillons verwandelt sich für sieben Monate in einen Performance-Raum. Von Zeit zu Zeit erscheinen in luftiger Höhe drei Männer. Sie bauen den perfekten Bumerang – und auf dem Weg dahin probieren sie immer wieder einen aus. Eine "Schattenökonomie“ wird hier betrieben, so der verantwortliche Künstler Olaf Nicolai:

"Ich hab' auf dem Dach drei Leute gebeten, präsent zu sein, die ganze Zeit. Und die haben dort 'ne kleine Werkstatt und bauen dort tatsächlich Bumerangs. Und die testen die natürlich und wenn es mal mehr oder weniger gut gelingt, dann kann es auch passieren, dass mal einer runterfällt."

Nicolai inszeniert gleich zweimal auf dieser Biennale: Im Zentralpavillon macht er Besucher zu Akteuren einer Performance. Jeder, der will, kann sich einen Rucksack ausleihen, in dem ein Lautsprecher installiert ist.

Aus dem tönen Sounds, die an Luigi Nono erklingen – eine Hommage an den Künstler. Damit läuft man dann durch die Ausstellungsräume.

Und wie reagieren die Besucher?

"Haben Sie eine Idee, wo der Sound herkommt?“
"Nee, das haben wir uns auch gerade gefragt, weil wir uns in Ruhe unterhalten wollten.“
"Soll ich ein bisschen leiser machen?“
"Gerne.“
"Das kommt hier aus dem Rucksack.“
"Ach, das sind die von Olaf Nicolai – wir haben uns schon gedacht: Das war doch gerade noch nicht hier.“

Die Besucher leihen sich einen Rucksack mit Lautsprecher aus

Während man rumläuft und Besucher mit versteckten Klängen irritiert, wird auf der großen Bühne im Zentralpavillon "Das Kapital“ von Marx gelesen. Zwei Sprecher – das war's. Ist das Performance, Theater?

"Yes, is theatre!"

Wenn überhaupt Theater – dann ein sehr langweiliges. Rimini Protokoll hat das "Kapital" einst eindrucksvoller bearbeitet.

Performances, wo man hinschaut auf dieser stimmen- und musikreichen Biennale: Im Video von Sonia Leber und David Chesworth stehen Protagonisten auf verfallenen Theaterbühnen vor leeren Rängen und üben sich in Lautmalerei. Am Ufer der Lagune übergibt der französische Künstler Saádane Afif in einer Speakers-Corner-Performance bei Sonnenuntergang Worte an die Lagune.

Mal werden Arbeiterlieder gesungen und betanzt – im Nordischen Pavillon dreht sich ein Violinist zur Musik seiner Geige und eines Glasharmoniums. Und in einem stillen Eck im Ausstellungsraum Arsenale tanzt der argentinische Künstler Ernesto Ballestros. Slow Motion.

Aber tanzt er wirklich?

"Meine Bewegungen sind sehr langsam, denn für einen guten Flug braucht man möglichst unbewegte Luft. Und daher diese Art langsamer Tanz. Das ist kein Schauspiel, das ist nicht anders machbar."

Sieben Monate wird er hier sein: fünf Tage die Woche sieben Stunden. Ein Liebhaber der Leichtflugzeuge. Darsteller einer Entschleunigungsperformance.

Anregungen für interdisziplinäre Theaterbegeisterte gibt es viele auf dieser Biennale. Chris Dercon, zukünftiger Chef der Berliner Volksbühne, hat sich schon mal umgesehen.

Wenn der Auftakt der Biennale vorbei ist, werden auch die Performances seltener. Sieben Monate, das halten nur wenige durch. Im amerikanischen Pavillon wird Joan Jonas, die 78-jährige Performancekünstlerin aus den USA, mit musikalisch-schamanenhaften Ritualen die Besucher faszinieren. Aber erst im Juli – dann, wenn der große Auftaktrummel vorbei ist. 

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