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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.10.2013

"Der schwierigste Baugrund von Berlin"

Warum der Eingangsbau zur Berliner Museumsinsel so teuer wird

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Dieter Kassel

Blick auf die Museumsinsel in Berlin, zu sehen sind: Bode-Museum, Pergamonmuseum, Alte Nationalgalerie, Neues Museum, Altes Museum und der Dom am Lustgarten. (bpk / DOM publishers)
Blick auf die Museumsinsel in Berlin, zu sehen sind: Bode-Museum, Pergamonmuseum, Alte Nationalgalerie, Neues Museum, Altes Museum und der Dom am Lustgarten. (bpk / DOM publishers)

Der Eingangsbereich zur Berliner Museumsinsel, die so genannte James-Simon-Galerie, entsteht auf einem Wasser- und Schlammgrundstück. Daher müssen die Fundamente bis zu 50 Meter tief gelegt werden, erläutert der Architekturkritiker Nikolaus Bernau. Das erkläre die hohen Kosten – derzeit geschätzt auf 99 Millionen Euro.

Dieter Kassel: Morgen wird nun mit deutlicher Verspätung endlich der Grundstein gelegt für das neue Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel, die James-Simon-Galerie, und lange, bevor überhaupt feststand, wie das Ding aussehen soll und wer überhaupt verantwortlich ist, wurde schon ziemlich intensiv über diese Pläne gestritten und diskutiert. Aber als es dann feststand, da hörte der Ärger noch lange nicht auf. Jürgen König fasst zumindest einen Teil dieser verworrenen Geschichte zusammen.

Jürgen König: "Streit um James-Simon-Galerie" - Beitrag als MP3-Audio

Jürgen König über die Verzögerung beim Bau der James-Simon-Galerie, des neuen Eingangstors zur Berliner Museumsinsel. Morgen nun wird der Grundstein für dieses Projekt endlich gelegt. Und bei mir im Studio ist jetzt der Journalist und Architekturkritiker Nikolaus Bernau, schönen guten Tag erst mal, Herr Bernau!

Nikolaus Bernau: Guten Tag!

Kassel: Was am Schluss von Jürgen König angedeutet wurde, sind Probleme, die eine Firma am Ende sogar in die Pleite geführt haben, was einer der Gründe für die starke Verzögerung ist, und diese Probleme sind der Untergrund, sind das Wasser an dieser Stelle. Aber hätte man das nicht vorher wissen können, dass das Probleme schaffen würde?

"Es gibt große Schlammlöcher – die heißen Kolk"

Bernau: Also wenn man etwas besser hätte wissen können und auch besser wusste selbstverständlich – das sind ja keine Laien, die dort geplant haben –, dann, dass das etwa der schwierigste Baugrund im eh schon schwierigen Baugrund von Berlin ist. Also Berlin hat einfach sozusagen geologisch das Problem, dass es im Warschau-Berliner-Urstromtal liegt, in einer ganz stark immer noch eiszeitlich geprägten Gegend. Hier gibt es ganz viele große regelrechte Schlammlöcher, die heißen Kolk, das ist so der Fachbegriff dafür, die können teilweise bis zu 40, 50 Meter tief sein, in speziellen Fällen bis zu 50 Metern tief.

Und der spezielle Kolk, über dem jetzt gebaut wird, in dem gebaut wird, neben dem gebaut wird und in dem wirklich richtig auch gebaut wird, der ist mindestens seit 1907 hervorragend bekannt, da wurde nämlich das Pergamonmuseum angefangen zu bauen, und da kam man eben bei den ersten Probebohrungen genau in diesen Kolk rein und hat sich dann in 1910 zu einer damals sensationellen Lösung entschlossen: Man hat nämlich eine Brücke über diesen Kolk rübergeschlagen, weil alles andere nichts geholfen hat. Man hat versucht, ihn auszubaggern, man hat versucht, ihn trockenzulegen, man hat versucht, Pfahlgründungen zu machen.

Es gab eigentlich keine Lösung, die 1910 nicht schon auch mal ausprobiert wurde. Und am Ende hat man sich zu einer Brücke entschlossen, hat damit natürlich die ganzen Tiefgeschosse aufgeben müssen, die man gerne gebaut hätte, um Platz zu gewinnen, aber es war die einzige Möglichkeit, um überhaupt über diese Schlammgrube rüberzukommen.

Kassel: Wenn wir über diese Probleme, die heute schon wieder diesen Bauarbeiten enorm im Wege stehen, reden, dann muss man ja fast noch weiter zurückgehen. 1810 war es, als Friedrich Wilhelm III. erst mal ganz diktatorisch festgestellt hat, er möchte so ein Museum haben. Ich glaube, er hat damals gesagt, er möchte einfach eine Kunstsammlung haben, die schön ausgewählt wird. Dauerte noch eine Weile, eh dann eine kam – und das ist das Gebäude, das wir heute als Altes Museum kennen. Aber man wird wahrscheinlich damals schon gemerkt haben: So einfach ein bisschen eine Grube ausgraben und dann ein Haus draufknallen kann man nicht.

"Unglaublich aufwendige Fundierung mit Kiefernpfählen"

Bernau: Nein, kann man in Berlin, also zumindest in dieser speziellen Gegend von Berlin, überhaupt gar nicht. Das ist eben eine Insel zwischen zwei Flussarmen, die außerdem von Quellen durchzogen ist, und da sind unter anderem noch ein eigener Kanalarm, über den das Alte Museum quer rübergebaut wurde. Es gab dann eine noch ältere Geschichte: Also im frühen 18. Jahrhundert sollte der große Münzturm gebaut werden. Beziehungsweise es gab schon einen Turm, da war die Münze drin, und dieser Turm sollte erhöht werden nach den Plänen von Andreas Schlüter, und das Ganze hat einen Grundbruch gegeben.

Das heißt, unter dem alten Renaissance-Münzturm, da hat der Boden gerade noch so gehalten, und als dann der Barockaufbau dazukam, ist der Boden unten regelrecht weggebrochen, man muss sich das wirklich ganz plastisch vorstellen, ist aufgebrochen, in eine Schlammgrube rein, woraufhin dieser ganze riesige Turmaufbau aus dem Barock in sich zusammengesackt ist, regelrecht.

Beim Alten Museum genau das Gleiche: Die haben eine unglaublich aufwendige Fundierung mit Kiefernpfählen oder so Kiefernmasten – von Pfählen kann man nicht reden –, von Kiefernmasten machen müssen, um eben diesen Seitenarm der Spree irgendwie zu überwinden. Andererseits muss man sagen, das ist auch die große Idee natürlich des Barock gewesen, auch des Klassizismus noch: Wir beherrschen die Natur. Was kann uns dieses kleine Flüsslein tun? Wir bauen auf jeden Fall mitten im Fluss. Inzwischen sind wir ja eigentlich ein bisschen klüger geworden im Großen und Ganzen, aber dieser bautechnische Enthusiasmus, den haben wir durchaus bis heute noch.

Kassel: Aber bevor wir dann über diesen Neubau gleich noch reden und was man heute technisch machen kann. Herr Bernau, diese Gebäude stehen ja alle noch. Aber an einigen – wir haben ein paar nicht erwähnt, die auch betroffen sind von diesen Phänomenen, die Lindenoper zum Beispiel, oder auch die Staatsbibliothek, die ja renoviert wurde. Was bedeutet das heute, wenn man renoviert? Kann man sagen, wir verlassen uns drauf, wir machen oben alles hübsch, unten wird schon nicht feucht – oder muss man das alles auch dann erneuern?

"Plötzlich kein richtiges Fundament mehr"

Bernau: Nein, teilweise gibt es da ganz große Probleme. Also bei der Staatsbibliothek beispielsweise ist das Problem gewesen, dass für den U-Bahn-Bau in den 1920er-Jahren – also ist ja ein paar Tage her inzwischen – … für den U-Bahn-Bau wurde der Grundwasserspiegel abgesenkt. Damit sind die Köpfe der Pfahlgründung an die Luft gekommen. Solange man Eichen- und Kiefernpfahl im Wasser lässt, verhält er sich prächtig und bleibt da vollkommen stabil über die Jahrhunderte hinweg, zeigt uns jede Kathedrale. Die sind alle irgendwie so fundiert. Aber in dem Moment, wo man die Köpfe von diesen Balken, von diesen Masten an die frische Luft setzt, fangen die sofort an, zu verrotten. Und plötzlich hatte die Staatsbibliothek kein richtiges Fundament mehr. Die Staatsbibliothek hat ein fast vollständig neues Fundament bekommen, das hat Millionen und Millionen gekostet, nur, damit sie eben überhaupt stehen bleibt.

Diese alten Fundierungen mitten im Schlamm sind heute ganz oft ein Riesenproblem, weil der Grundwasserstand sich nach anderen Tiefbaumaßnahmen geändert hat, weil er mal höher gegangen ist, mal tiefer gegangen ist. In Berlin geht derzeitig zum Beispiel der Grundwasserstand ununterbrochen nach oben, was ganz neue Probleme mit sich bringt: Jetzt stehen nämlich plötzlich die Fundierungsmauern, also nicht die Gerüste unter den Mauern, sondern die Mauern selber schon wieder im Wasser, fangen also auch an zu verrotten. Jetzt ist natürlich die Frage: Wie geht man mit dem Bergbau im Spreewald um, damit in Berlin das Wasser nicht so hoch steigt?

Also Wasser ist eine höchst komplizierte Angelegenheit, die sehr, sehr schwierig zu regulieren ist und sich letztlich ganz oft sehr unerwartet verhält.

Kassel: Wir reden heute Nachmittag hier im Deutschlandradio Kultur mit dem Architekturkritiker Nikolaus Bernau über Berliner Wasserbauten, weil es im Grunde genommen einen neuen geben wird: Morgen ist Grundsteinlegung für die James-Simon-Galerie, also das neue Eingangsgebäude zur Museumsinsel.

Sie haben gesagt, es gab diese Phasen Klassizismus und so weiter, wo man gesagt hat: Wir beherrschen jetzt die Natur. Ich meine, ich weiß nicht, ob sich das so geändert hat. Ich glaube, zumindest Techniker glauben das ja heute auch noch, und es stimmt vielleicht heute immer noch nicht. Aber gibt es nicht jetzt neue Techniken, das zu machen? Oder versucht man im Prinzip jetzt bei der James-Simon-Galerie eine moderne Version der alten Technik?

Bernau: Man versucht eine moderne Version der alten Technik, aber natürlich wirklich in einer völlig anderen Technologie. Also eine Fundierung in einer 40 Meter tiefen Grube, in diesem Kolk wäre im 19. Jahrhundert vollkommen ausgeschlossen gewesen. Man hat sehr tief fundiert, also beispielsweise jetzt beim Umbau der Staatsoper hat man Holzreste in 18 Metern Tiefe gefunden, wo sie wirklich selbst die Archäologen nicht mehr erwartet haben, und offensichtlich ist bis dort, bis in 18 Meter Tiefe fundiert worden. So hohe Kiefern muss man erst mal finden, aber man findet sie schon. Also man muss ja für die Fundierung immer einen Mast haben, das heißt, einen Baum, aber länger als 18 Meter gibt es dann wirklich nur noch ganz, ganz selten.

Und das war eigentlich das zentrale Problem bis, sagen wir mal, Anfang des 20. Jahrhunderts und, na ja, im Grunde genommen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts: Rund um die Baustelle am Potsdamer Platz wurde in den frühen 1990er-Jahren eine ganz neue Technologie entwickelt. Das sind sogenannte Mikropfähle, ganz schlanke Betonpfähle, die sehr tief gesetzt werden können, und weil sie einfach ja mit einer Eisenarmierung, also einem inneren Eisenkern versehen sind, der dann außen betoniert wird, kann man sie praktisch auch unbegrenzt lang machen. Und mit denen kann man dann wirklich durch die Schlammgrube durch bis auf den festen Sand gründen.

Davon sind – alleine für diesen winzigen Bau … - das ist ja keine große Angelegenheit, der hat ein Grundstück von knapp 800 Quadratmetern, das sind 10.000 Quadratmeter Nutzfläche, also das ist ja keine große Angelegenheit, aber alleine für dieses winzige Gebäude sind 1200 von diesen Mikropfählen notwendig. Man hat mit dieser Technologie beispielsweise die Ruine des Neuen Museums vollständig neu fundiert. Das Neue Museum steht nicht mehr auf den Pfählen des 19. Jahrhunderts, sondern auf den Pfählen der 1990er-Jahre.

Kassel: Sie haben, Herr Bernau, in einem Zeitungsartikel zu der James-Simon-Galerie die Formulierung gewählt, für diese Stelle gerade auch noch an der Museumsinsel: "Da baut man nur, wenn man zu viel Geld hat". Es ist im Moment die Rede von knapp 99 Millionen Euro, fast alle Fachleute sagen, ja, die wollen halt nicht zugeben, dass sie die magische 100-Millionen-Grenze erreichen, die werden sie aber erreichen und überschreiten am Ende. Sagen wir mal, es wird 120 oder vielleicht noch ein bisschen mehr: Ist es das wert?

"Es gibt natürlich auch Alternativmodelle"

Bernau: Das kommt darauf an, was man haben will, so rum muss man das sehen. Wenn man das Konzept haben will, wie es die Museen machen wollen für die Museumsinsel und wie sie es seit den 1970er-Jahren planen und in den 1990er-Jahren dann – übrigens gegen massiven internationalen Widerstand – durchgesetzt haben, nämlich die direkte Orientierung auf den von Bussen angekarrten Massentourismus, dann geht es gar nicht anders. Dann brauchen Sie ein zentrales Eingangsgebäude, in dem der neue Massenverkehr von Touristen konzentriert werden kann und dann wieder verteilt wird auf den Hauptrundgang, auf die vorhin erwähnte archäologische Promenade.

Es gibt natürlich auch Alternativmodelle: Das ist das große Modell Pariser Louvre, wenn man so will, mit der Pyramide. Es gibt das Alternativmodell des British Museum, des Metropolitan Museum, eigentlich alle angloamerikanischen Museen, jetzt das Rijksmuseum in Amsterdam und aller skandinavischen Museen, die gesagt haben: Wir lassen das. Wir organisieren nicht den Verkehr, sondern wir organisieren den Service innerhalb des Gebäudes, und wir sichern überall, dass man überall durchkommt.

Aber das, was die Besucher sehen sollen, das schreiben wir ihnen nicht vor. Wir sagen also nicht, wir haben einen Hauptrundgang, den man sehr aufwendig eben bauen muss, sondern wir sagen: Da kommt ihr dorthin, da kommt ihr hierhin und so weiter, und wir machen lauter kleine Türen auf und verteilen den Verkehr. Das sind zwei fundamental verschiedene Organisationsmodelle von Museen, die sich praktisch gegenseitig ausschließen.

Der Geniestreich von David Chipperfield 1993 im allerersten Wettbewerb war, dass er damals einen Eingangsbau für die Museumsinsel entworfen hat, der beides verband: Er hat nämlich diese ganze Frage vom Schnellrundgang darauf reduziert: Hänge ich eine kleine rote Kordel an den Eingang oder mache ich das nicht? Leider ist dieser Entwurf damals gescheitert.

Kassel: Die gescheiterte Kordel, aber das eigentlich Thema "Wie baut man auf Wasser?" – weil man das in Berlin letzten Endes in der Mitte fast überall muss – haben wir jetzt geklärt oder versucht zu klären mit Nikolaus Bernau, Architekturkritiker. Und Anlass war, dass morgen etwas passiert, auf das viele lange gewartet haben, wobei es ein paar gab, die würden am liebsten noch ewig darauf warten, morgen ist nämlich Grundsteinlegung für die James-Simon-Galerie, den neuen Eingangsbau der Berliner Museumsinsel. Herr Bernau, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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