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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 11.06.2017

Der schwere Kampf der AktivistenDie Verteidiger der Vielfalt im russischen Sport

Von Ronny Blaschke

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Mitglieder des schwul-lesbischen Sportverbandes in Russland (Russian LGBT Sport Federation)
Mitglieder des schwul-lesbischen Sportverbandes in Russland (Russian LGBT Sport Federation)

Fußballaktivisten beleben vor der WM 2018 die russische Zivilgesellschaft. Doch sie haben es unvergleichbar schwer, denn vor allem homophobe und gewaltbereite Fans haben ein Feindbild: die Vielfalt im russischen Sport.

Es war eine sportliche Demonstration für Respekt. 2010 fanden in Köln die Gay Games statt mit mehr als 10.000 Lesben, Schwulen und Transsexuellen. Viele führen in ihren Heimatländern ein Leben im Versteck. In Köln mit dabei war Konstantin Jablozki. Er stammt aus Archangelsk, einer Hafenstadt in Nordrussland: "Uns hat diese freundliche Atmosphäre tief bewegt. Die Eröffnungsfeier in Köln fühlte sich an wie Olympia. Der damalige deutsche Außenminister Guido Westerwelle machte Fotos mit uns, das Fernsehen übertrug live. Das hat uns inspiriert, auch in Russland aktiv zu werden. Wir mussten es versuchen."

Konstantin Jablozki gewann damals den Eiskunstlauf. Es war die erste Goldmedaille für Russland in der Geschichte der Gay Games seit 1982. Journalisten interviewten seine Eltern und Freunde. In einer Fernsehshow wurde Jablozki geoutet, landesweit. Damals, 2010, hatten es Homosexuelle in Russland nicht so schwer wie heute. Jablozki und seine Freunde gründeten ein Jahr später einen nationalen Sportverband für Lesben und Schwule, einen Schutzraum mit Training, Wettbewerben, Begegnungen.

Das Klima hat sich in den Jahren verschärft

Doch das Klima verschärfte sich. Befördert von der orthodoxen Kirche und begünstigt 2013 durch ein neues Gesetz. Es verbietet, gegenüber Minderjährigen positiv über Homosexualität zu sprechen. Seitdem sind Demonstrationen, Angriffe und Diskriminierungen gegen Schwule gestiegen, auch in Moskau, wo Konstantin Jablozki inzwischen als Chemielehrer arbeitet und von seinen Eltern berichtet: "Sie machen sich Sorgen um meine Gesundheit und sie denken an meine Zukunftsperspektiven. Nach meinem Coming-out bin ich auf große Probleme gestoßen. Im Eiskunstlauf wurde ich als Wertungsrichter auf Regionalniveau degradiert. In meiner Schule forderte der Direktor, ich solle als Lehrer zurücktreten - nicht weil er das wollte, sondern weil das Moskauer Bildungsbüro Druck gemacht hatte. Doch meine Lehrerkollegen hielten zu mir."

Konstantin Jablozki ist 34 Jahre alt. Ein redegewandter, nachdenklicher Mann, vielfältig interessiert. Stolz erzählt er von den Leistungen des Sportverbandes für Lesben, Schwule und Transsexuelle. Der Verband zählt rund 1.700 Mitglieder in mehr als fünfzig russischen Gemeinden, drei Viertel stammen aus Moskau und St. Petersburg. Seit seiner Gründung 2011 hat der Verband sechzig Wettbewerbe organisiert. Im Vergleich zu Deutschland, Schweden oder den Niederlanden mag das wenig sein. Doch für Jablozki ist es ein hoffnungsvoller Beginn: "Einige unserer Mitglieder haben sich rasant entwickelt und eigene Projekte gegründet. In kleineren Städten gibt es für Homosexuelle selten Bars oder Clubs. Mit Sport können wir Alternativen zur Begegnung schaffen. Die Leute können einmal pro Woche Volleyball spielen – und ungezwungen beisammen sein."

Keine Unterstützung von den Behörden

Seit 2006 hatten Aktivisten in Moskau und St. Petersburg versucht, öffentliche Paraden zu organisieren. Doch die Behörden verweigerten die Genehmigung. Mehrfach wurden Film- und Kunstfestivals zur Stärkung der Minderheit angegriffen. 2014, bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi, wurde Konstantin Jablozki von Polizisten festgesetzt. Er hatte auf der Tribüne eine Flagge seines Sportverbandes geschwenkt. Danach schaltete er erst recht einen Gang höher mit den ersten Open Games in Moskau, einem Festival für mehr Offenheit, mit rund 300 Sportlern: "Wir haben keine Drohungen von Neonazis erhalten, auch nicht von homophoben Gangs oder religiösen Fundamentalisten. Nur die Behörden haben unsere Arbeit massiv erschwert. Bei Veranstaltungen mit prominenten Gästen war davon nichts spüren. Denn die russische Regierung möchte keine diplomatischen Skandale."

Ein prominenter Gast kam aus den USA: Greg Louganis, Olympiasieger und Weltmeister im Wasserspringen. Ein anderer war die niederländische Sportministerin Edith Schippers. Sie beide verließen die Open Games vorzeitig. Wenige Minuten später ließ die Polizei die Halle räumen, angeblich wegen Terrorgefahr. Auch andere Sportstätten und Hotels zogen ihre Unterstützung plötzlich zurück. Sie begründeten dies mit Überbuchungen, Stromausfällen oder Klempnerproblemen. "Leider wurden einige Vermieter von Sportstätten vom Geheimdienst eingeschüchtert. Wir hatten gute Beziehungen zu ihnen aufgebaut, doch nun haben sie Angst, mit uns zusammenzuarbeiten."

Nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Hoffnung zunächst groß

Nach Angaben des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada kennen nur zwölf Prozent der einheimischen Bevölkerung Schwule oder Lesben persönlich. 35 Prozent halten Homosexualität für eine Krankheit. Die Sportler um Konstantin Jablozki planten ihre Open Games deshalb für geschlossene Räume, in Hallen. Sie wollten für ihre Rechte eintreten, ohne viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das kann gefährlich werden. So zündeten Unbekannte bei einem Basketballspiel eine Rauchbombe: "Viele Aktivisten verlassen Russland und beantragen in anderen Ländern politisches Asyl. Wir haben im Sport zehn großartige Aktivisten verloren. Aber ich werde bleiben. Ich möchte mich weiter für unsere Gemeinschaft stark machen."

In Russland wird Zivilgesellschaft anders interpretiert als in Westeuropa oder in den USA. Wie frei und kritisch können Bündnisse heute in Russland für ihre Ziele eintreten gegen Diskriminierung oder Korruption, für Umweltschutz oder eine gerechte Entlohnung? Nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Hoffnung groß auf eine wachsende gesellschaftliche Teilhabe der Bevölkerung, erzählt Pavel Klymenko. Er stammt aus Kiew und erforscht jugendliche Subkulturen in Osteuropa. Seit 2013 arbeitet er für das internationale Antirassismus-Netzwerk Fare, Football Against Racism in Europa: "Russland hatte eine ziemlich blühende Szene Anfang der 2000er Jahre. Es gab viele Jugendorganisationen, die an der Basis aktiv waren, in der Bildung und im Sport. Es gab viele kreative Aktionen gegen Faschismus, zum Beispiel nutzten Schulen Comic-Zeichnungen für mehr Toleranz."

Viele Organisationen werden als ausländische Agenten gelistet

Die Revolutionen in Georgien 2003 und in der Ukraine 2004 schürten auch im Kreml die Sorgen vor dem Machtverlust. Hinzu kamen der Arabische Frühling und die Protestwelle in Russland 2011. Seit der Wiederwahl von Wladimir Putin zum Präsidenten 2012 zählten Menschenrechtler dreißig neue Gesetze und Gesetzesänderungen, die Freiheitsrechte einschränken.

Die Annexion der Krim 2014 verstärkte den Nationalismus in der Bevölkerung und sie ließ die Distanz zu westlichen Demokratien wachsen. Abweichende Meinungen von Medien und Aktivisten wurden als "unpatriotisch" dämonisiert, sagt Pavel Klymenko.

"Nach den Sanktionen gegen Russland zogen sich viele internationale Förderer aus Russland zurück. Zudem müssen sich politisch tätige Nichtregierungs-organisationen als ,ausländische Agenten’ bezeichnen, sofern sie Geld aus dem Ausland erhalten. Selbst kleine Gruppen können durch diese Stigmatisierung zum Feindbild werden. Es wird immer schwieriger, in Russland aktiv zu werden."

Mehr als 150 Organisationen sind als "ausländische Agenten" gelistet. Darunter bekannte Einrichtungen wie Lewada, Memorial oder das Sacharow-Zentrum. Ihre Themen: Menschenrechte und eine differenzierte Aufarbeitung der Diktatur. Auch Mitarbeiter von deutschen Stiftungen spüren den Druck der russischen Regierung, durch Razzien, Verhöre, Bürokratie: "Die Szene ist ziemlich zerfallen und orientierungslos. Viele Gruppen haben Russland verlassen oder ihre Arbeit ganz eingestellt. Der Staat sieht in der Zivilgesellschaft keine Bereicherung für das Gemeinwesen, sondern eine Gefahr. Die Strukturen sind zerstört, das Gesamtbild ist ziemlich trostlos."

Die Aktivisten wollen nicht aufgeben

Die Lage mag trostlos erscheinen, doch etliche Aktivisten wollen nicht aufgeben. Zum Beispiel Alexander Agapov, der Präsident des Sportverbandes für Lesben und Schwule in Russland. Er ist ein guter Freund seines Vorgängers Konstantin Jablozki. Diese beiden und die Mitglieder werden in Russland noch nicht als "ausländische Agenten" gelistet. Stets betonen sie ihren Bezug zu den unverdächtigen Themen Sport und Gesundheit. Mit Kommentaren zur Tagespolitik halten sie sich zurück.

Anfang März trifft Alexander Agapov in Düsseldorf auf einer Konferenz Menschen aus anderen Ländern, die ähnlich denken wie er. Sein Verband ist auf internationale Unterstützung angewiesen. "Je länger ich aktiv war, umso mehr habe ich erkannt: Die russische Gesellschaft ist stark individualisiert. Viele Menschen haben finanzielle Probleme, sie kümmern sich erstmal um ihre Grundbedürfnisse. Es gibt immer wieder gute Ideen für soziale Projekte, aber es fehlt das Geld für die Umsetzung. Es hat sich hier nie eine Spendenkultur entwickelt, wie wir sie aus Großbritannien oder Deutschland kennen. Wir müssen improvisieren. Zum Beispiel gehen wir auf europäische Partnerstädte von russischen Gemeinden zu. Auch so kann ein Austausch zwischen Athleten entstehen."

Alexander Agapov ist 34 Jahre alt. Er wuchs in schwierigen Verhältnissen in einem Moskauer Vorort auf. Er war ein fleißiger Schüler und studierte Geschichte mit Auszeichnung. Agapov wurde oft angefeindet für seine Homosexualität, einmal sogar überfallen. Nun im Ehrenamt sucht er Partner für den Sportverband. Projektmittel von Stiftungen, Sachspenden von Nichtregierungsorganisationen, Kontakte von Botschaftsmitarbeitern in Moskau. Agapov besucht auf seinen Reisen Fußballverbände, Unternehmen oder Sportartikelhersteller: "Wir möchten unsere Organisation nachhaltig ausrichten. Bislang haben wir keine Geschäftsstelle. So können wir Training und Wettbewerbe in den ländlichen Regionen nicht professionell koordinieren. Wir waren mit Sportlern bei Wettbewerben in Stockholm, Antwerpen und Amsterdam. Einige fürchteten, von der Polizei verprügelt zu werden, denn das ist ihnen in Russland passiert. Und dann konnten sie nicht glauben, als sie von tausenden Zuschauern bejubelt wurden. Unsere Mitglieder brauchen diese Erfahrung für ihre persönliche Emanzipation. Das ist ein wichtiger Schritt für sie."

Wenig Raum für die Aktivisten

In Europa, Nordamerika und Australien gilt die Zivilgesellschaft als Partnerin des Rechtstaats. Auf diese Weise können sich Minderheiten gemeinsam Gehör verschaffen. In Russland sind Bündnisse oft gezwungen, unter sich zu bleiben. Der Sportverband für Lesben und Schwule verzichtet auf eine offensive Werbung. Schon Regenbogenflaggen können von Gegnern als Provokation gedeutet werden. Die Sportler mieten Sporthallen unter einem falschen Vorwand für die späten und weniger genutzten Abendstunden. Sie verlassen die Hallen in kleinen Gruppen.

Vor wenigen Wochen zeigte der schwullesbische Verband den Film Wonderkid, in dem es um schwule Fußballer geht. Die US-amerikanische Botschaft in Moskau half beim Visa-Antrag für den englischen Regisseur Rhys Chapman. Die Vorstellung fand an einem ruhigen Sonntagnachmittag im deutschen Goethe-Institut statt. Alle Zuschauer erhielten die Anfahrtsbeschreibung durch eine persönliche E-Mail. Das sei Standard, berichtet Alexander Agapov.

"Wir können nicht den Titel oder die genaue Adresse unserer Veranstaltung veröffentlichen. Sonst könnte man uns kurzfristig die Sportstätte entziehen oder es gibt eine falsche Bombendrohung. Es ist auch schwer für mich, einen neuen Job zu finden. Denn ich bin als Aktivist öffentlich und nicht jeder Arbeitgeber wäre damit glücklich. Es wird zwar schwer, aber ich möchte einen Weg finden, mit Aktivismus Geld zu verdienen."

Alexander Agapov sieht in der Fußball-WM 2018 eine Chance für die Zivilgesellschaft. Schon während des Konföderationen Pokals in diesem Monat wird der Sportverband für Lesben und Schwule Podien organisieren. Er hofft auf prominente Gäste, etwa Thomas Hitzlsperger. Der ehemalige Nationalspieler ist beim DFB zum Botschafter für Vielfalt ernannt worden. In der Frankfurter Zentrale erörtert man mögliche Projekte für die WM. Aber die öffentliche Unterstützung des DFB für Minderheiten könnte den Aktivisten vor Ort langfristig auch schaden.

Kaum Unterstützung vom Weltverband

Es gibt eine immer wiederkehrende Frage: Wie politisch dürfen, wie politisch müssen sich Fußballer verhalten? Schon jetzt haben die Aktivisten Absagen von bekannten Sportlern erhalten. Ihnen ist das Feld zu gefährlich und heikel. Der Fanforscher Pavel Klymenko. "Es gibt so viele Einschränkungen für Aktivisten, die kann man mit einer WM nicht rückgängig machen. Die russische Regierung möchte einfach nur ein skandalfreies Turnier durchführen, ohne politische Botschaften, ohne Gewalt. Sie wird alles tun, um negative Schlagzeilen zu vermeiden. Auch wenn sie die Zivilgesellschaft dafür noch mehr zurückdrängen muss."

Pavel Klymenko ist 28 Jahre alt. Seit seiner Jugend setzt er sich gegen Rechtsextremismus ein. Beim europäischen Fannetzwerk Fare ist er seit 2009 aktiv, zunächst als ehrenamtlicher Helfer, inzwischen als fester Experte für Osteuropa. Er besucht Ligaspiele in der Ukraine, Polen, Russland. Dokumentiert Gewalt, Neonazi-Banner, SS-Runen und Affengeräusche gegen schwarze Spieler. Klymenko möchte die WM für die Bewusstseinsbildung gegen Diskriminierung nutzen, mit Ausstellungen, Seminaren, Plakataktionen. Doch der Weltverband Fifa ziehe nicht mit voller Kraft mit. Und auch vor Ort ist das Bündnis Fare auf Partner und Interessenten angewiesen, so Pavel Klymenko. "Einfach nur ein Spiel zwischen Flüchtlingen zu organisieren, das löst bei den Teilnehmern Angst vor der Abschiebung aus. Jede Zusammenkunft von mehr als zehn Leuten zieht Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Bei unseren Aktionswochen hatten wir mal muslimische Fußballerinnen dabei. Sie spielten mit Kopftüchern in einem Moskauer Park und wurden von Sicherheitskräften sofort als Risiko wahrgenommen. Wir werden solche Sachen weiter öffentlich und kritisch ansprechen. Auch deshalb wollen einige russische Behörden nicht mit uns zusammen arbeiten. Ich glaube nicht, dass die Weltmeisterschaft die Zivilgesellschaft reaktivieren kann."

Die aufregendsten Tage in seinem Beruf erlebte Pavel Klymenko bei der Fußball-Europameisterschaft 2016. Mehr als 150 russische Schläger attackierten in Marseille englische Fans und französische Polizisten. 35 Menschen wurden verletzt. Die Schlagzeilen rückten die Verbindungen zwischen russischen Hooligans, Fan-Funktionären und Politikern in den Mittelpunkt. Igor Lebedew, Vizepräsident des Parlaments, schrieb auf Twitter: "Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs. Weiter so!"

Die Fans sind Geiseln der Schläger

Gewalt, Männlichkeitskult und Überlegenheitsfantasien. Rassismus, Homophobie und Nazisymbole. Diese Phänomene existierten lange vor der EM 2016. Und sie werden auch die WM überdauern. Hooligans schaffen eine Ausdrucksform für weit verbreitete Meinungen und Ängste in der Bevölkerung. Das Riesenreich Russland mit seinen 100 ethnischen Gruppen sucht eine übergreifende Identität. Viele Menschen kompensieren soziale Sorgen mit Ablehnung. Gegen Europäer, Amerikaner und vor allem gegen Minderheiten aus dem Kaukasus und Zentralasien. Wie können sich Aktivisten in diesem Klima überhaupt für Offenheit und Toleranz stark machen?

Robert Ustian ist einer dieser optimistisch denkenden Aktivisten. Seit seiner Kindheit ist er Fan von ZSKA Moskau. Er erinnert an ein Champions-League-Spiel 2014 beim AS Rom: "Nach diesem Abend gab es kein Zurück mehr. Fans unseres Vereins begannen Schlägereien und zündeten Böller. Wir sind die Urgroßenkel einer Generation, die 28 Millionen Menschen im Krieg gegen den Faschismus verloren hat. 28 Millionen. Und diese Leute zeigen im Stadion Symbole der Waffen-SS und machen den Hitlergruß. Unfassbar! Wir haben 1:5 verloren, aber das war egal. Danach musste ZSKA mehrere Spiele ohne Zuschauer bestreiten. Der Klub erhielt eine hohe Geldstrafe. Und ich fragte mich: Wie können fünfzig Leute so den Ruf einer großen Fanszene beschädigen? Wir sind ihre Geiseln. Warum können wir nicht versuchen, das zu ändern?"

Robert Ustian ist 33 Jahre alt. Er wuchs in Abchasien auf, einer Region im Süden des Kaukasus am Schwarzen Meer. Während des Umbruchs Anfang der neunziger Jahre lebte seine Familie in Armut. Der Konflikt mit Georgien wurde zum Krieg. Robert Ustian erzählt, seine Leidenschaft für ZSKA habe seine Alltagsängste gemindert. Er studierte Wirtschaft, bereiste die Welt, erhielt Jobangebote. Doch er zog nach Moskau wegen des Fußballs. Nach dem Tiefpunkt in Rom gründete er eine neue Bewegung: "Ich rief meine engsten Freunde an. Später habe ich einen Artikel für ein Internetportal geschrieben. Darin ging es um Respekt. Was mich überraschte, waren die vielen positiven Antworten. Von Jugendlichen und Erwachsenen. Eine 80 Jahre alte Frau schickte uns ein Foto. Darauf hielt sie ein Transparent: 'ZSKA-Fans gegen Rassismus'. Sogar CNN und BBC berichteten darüber. Das war wirklich etwas Neues in Osteuropa."

Ständig in Angst vor den Neonazis

Der Weltverband Fifa und der europäische Verband Uefa zeigen regelmäßig Spots mit prominenten Spielern gegen Rassismus, aber die Botschaften scheinen in Russland selten durchzudringen. Robert Ustian und seine Freunde veröffentlichen daher in sozialen Medien Fotos und Interviews für eine vielfältige Fanszene. Auch der Verein ZSKA öffnet sich und verbreitet ihre Inhalte. Der Klub dreht auch selbst Videos von Spielern, die sich gegen Rassismus stellen. Gegen Affenlaute im Stadion und Manifeste für "weiße Helden", gegen Hakenkreuzfahnen und das Verbrennen des Koran. Noch ist Ustians Gruppe eine kleine Minderheit, aber sie wächst.

"Ich kann zum Beispiel keine Jahreskarte kaufen. Dann wüssten die Neonazis, wo ich genau sitze. Aber wir müssen sichtbar bleiben. Früher dachten Fans, sie könnten nur als rechtsextrem und gewalttätig in der Kurve mitmachen. Aber wir wollen der jungen Generation eine neue Identifikation bieten. Auch wir besuchen alle Spiele von ZSKA. Man kann Fußball lieben, uns sich zugleich für Bildung, Sprachen und Integration interessieren. So können wir die Wahrnehmung des Klubs ändern."

Kaum Impulse von der Basis möglich

Robert Ustian ist Mitglied eines Debattierklubs, er schätzt den konstruktiven Streit. Und er bringt sich auch international ein. Als Mitglied des Netzwerks Football Supporters Europe möchte er beim Aufbau von Fanprojekten helfen.

Anfang Mai ist Ustian in Berlin zu Gast. Der Verein "Deutsch-Russischer Austausch" hat Aktivisten und Journalisten aus Russland, Weißrussland und der Ukraine für Workshops eingeladen. Leidenschaftlich wirbt Ustian für einen Dialog auf Augenhöhe. Er berichtet von einer Konferenz in Russland, auf der auch Vertreter von Borussia Dortmund und dem tschechischen Verein Slovan Liberec gesprochen haben.

"Diese Leute haben nicht mit dem Finger auf uns gezeigt. Sie sprachen über sich, über eigene Probleme mit rechten Fans und über Lösungen. Aber es gibt Organisationen, die uns ständig belehren wollen. Deshalb haben Amnesty International oder Human Rights Watch in Russland viel Vertrauen verspielt. Man muss sich auf die Geschichte und die Besonderheiten unseres Landes einlassen, um etwas bewirken zu können. Schon im Zarenreich kamen wichtige Reformen stets von der Spitze. Leider haben wir bis heute keine Kultur, in der wichtige Veränderungen an der Basis angestoßen werden. Alles geht von oben nach unten."

Nach Darstellung unterschiedlicher Experten zählt die russische Zivilgesellschaft etwa 50.000 Organisationen, in denen eine Million Menschen aktiv sind. In Deutschland wird das Gemeinwohl von mehr als 600.000 Organisationen getragen. Doch auch im russischen Fußball gibt es Persönlichkeiten, die sich für eine offene Gesellschaft stark machen, so wie Konstantin Jablozki, Alexander Agapov und Robert Ustian. Sie wünschen sich, dass man 143 Millionen Landsleute nicht auf einen autokratischen Präsidenten reduziert. Sie suchen Mitstreiter, sie wollen etwas bewegen. Und die Weltmeisterschaft 2018 könnte ihre Botschaft so laut klingen lassen wie nie zuvor.

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