Donnerstag, 29.10.2020
 

Musikfeuilleton | Beitrag vom 29.05.2020

Der Schott Verlag wird 250 Ein Verlag und seine Komponisten

Von Albrecht Dümling

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Der Komponist und Dirigent Werner Egk 1963 in seinem Haus in Lochham bei München am Flügel. (picture-alliance / dpa - DB)
Der Komponist Werner Egk 1963 in seinem Haus in Lochham bei München am Flügel. (picture-alliance / dpa - DB)

Zum 250-jährigen Bestehen des Schott-Verlags. 1770 in Mainz gegründet, wird der Umgang mit seinen Autoren in der NS-Zeit beleuchtet. Das Schicksal der Exilkomponisten Paul Hindemith und Ernst Toch wird mit dem in Deutschland wirkenden Werner Egk verglichen.

"Sie sind so offen und unverstellt, Eigenschaften, welche ich noch nie an Verlegern bemerkte, dies gefällt mir, ich drücke ihnen deswegen die Hände."

Mit diesem Kompliment lobte am 29. Dezember 1824 Ludwig van Beethoven die Brüder Johann Andreas und Johann Joseph Schott.  Beethoven war damals bereits berühmt und durchaus wählerisch mit seinen Verlagen. Eine günstige Wendung des Schicksals war dafür verantwortlich, dass Ludwig van Beethoven dem Mainzer Verlag sein Spätwerk anvertraute.

Beethovens Vertrauen

Die Brüder Schott waren die letzten von Beethovens insgesamt 31 Verlegern. Insgesamt 32 Briefe hat er nach Mainz geschrieben. Obwohl er sonst im Umgang oft schwierig war, entwickelte sich sogar ein fast freundschaftliches Verhältnis zwischen Komponist und Verlag. Eine nicht unwesentliche Rolle spielten dabei Weinflaschen, die er immer wieder aus Mainz erhielt. Noch auf dem Sterbelager soll Beethoven an den Rüdesheimer Wein gedacht haben.

Wagners Geschäftssinn 

Zu den renommiertesten Komponisten des Schott-Verlages neben Beethoven gehört Richard Wagner. Er hatte sich schon als 17-Jähriger an den Mainzer Verlag gewandt und ihm einen selbstverfertigten Klavierauszug von Beethovens 9. Symphonie angeboten. Mehr als 30 Jahre später kam Wagner selbst nach Mainz und las dort vor geladenen Gästen aus seinem Textbuch zu den "Meistersingern" vor. Dies war dann 1868 das erste große Werk Richard Wagners, das bei Schott erschien. Für "Parsifal" erhielt Wagner von Schott sogar 100.000 Mark. Die Leitung des Verlages lag damals bei Ludwig Strecker, den die Schott-Brüder als Miterben eingesetzt hatten. Urenkel Peter Hanser-Strecker erinnert sich:

"Mein Urgroßvater Ludwig Strecker senior hat die Genialität von Wagner erfasst und gespürt, dass sich mit diesen neuartigen Werken auf lange Sicht Geld verdienen lässt. Zu Wagners Lebzeiten entstand ja der Beginn eines echten Urheberrechtsschutzes.  Wie hartnäckig, ja unverschämt Wagner sein konnte, kann man in den vielen Briefen zwischen Komponist und Verlag nachvollziehen. Es ging fast immer nur ums liebe Geld. Aber mein Großvater konnte mithalten, die Investitionen haben sich schließlich auch für den Verlag gelohnt."

Hindemiths Provokationen

1921 übernahmen Ludwig und Willy Strecker, die beiden Söhne des bisherigen Verlagsinhabers, die Leitung von Schott. Einer ihrer wichtigsten neuen Autoren war Paul Hindemith. Der junge Hindemith liebte die Provokation und hatte damit den Protest Konservativer herausgefordert. Dennoch fühlte er sich zu Beginn des Hitler-Regimes noch sicher. Wegen seiner jüdischen Ehefrau und der früheren Zusammenarbeit mit Bert Brecht wurde Hindemith dann allerdings zunehmend diffamiert."

Der Komponist Paul Hindemith auf einem schwarz-weiß Foto um 1930. (picture-alliance / akg-images)Paul Hindemith um 1930. (picture-alliance / akg-images)

Der Fall Hindemith

Die Uraufführung von Hindemiths Sinfonie "Mathis der Maler" durch die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler im Februar 1934 war ein großer Erfolg. Dennoch ließ der Widerstand der Partei-Funktionäre nicht nach. Als die Nazis Hindemith immer stärker bedrängten und Radiosendungen verboten, veröffentlichte Furtwängler seinen berühmten Artikel "Der Fall Hindemith". Furtwängler war überzeugt, dass er Hindemith somit rehabilitieren könnte, schließlich war er ja der Star-Dirigent schlechthin. Stattdessen stieß der Artikel auf Empörung bei den Nazis, Furtwängler trat daraufhin von allen seinen Ämtern zurück und Hindemith verlor sein Lehramt und emigrierte schließlich in die USA.

Der Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler sagt im Dezember 1946 in Berlin im Entnazifizierungsverfahren vor einem deutschen Gericht aus. Furtwängler gilt als einer der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Von 1922-1945 und 1947-1954 leitete er die Berliner Symphoniker.  (picture-alliance/ dpa)Der Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler sagt im Dezember 1946 in Berlin im Entnazifizierungsverfahren vor einem deutschen Gericht aus. (picture-alliance/ dpa)

Ernst Toch im Exil 

Der Komponist Ernst Toch, Schott-Autor seit 1923, befand sich zu Beginn des Jahres 1933 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im Februar schickte er dem Verlag sein neuestes Werk: sein zweites Klavierkonzert op. 61. Die geplante Uraufführung konnte aber nicht stattfinden, da die Nazis Störungen angedroht hatten. Wegen des Boykotts gegen Künstler jüdischer Herkunft konnten mit einem Schlag Tochs Werke in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden. Der bislang wohlhabende Komponist geriet in Existenzprobleme, zumal im Herbst auch sein Verlagsvertrag auslief. Obwohl die Einnahmen aus Toch-Aufführungen fast auf null gesunken waren, stellte der Verlag in der Hoffnung auf das Ausland die Partitur und den Klavierauszug des zweiten Klavierkonzerts her und kündigte die Neuerscheinungen in seiner Zeitschrift "Melos" an. Ernst Toch lebte inzwischen in London. Dort kam tatsächlich im August 1934 bei den BBC Proms sein neues Werk zur erfolgreichen Uraufführung. In Deutschland durfte Musik von Ernst Toch nur noch vor jüdischen Zuhörern gespielt werden. So fand im Januar 1935 auf Betreiben des Schott-Verlags die deutsche Erstaufführung seines zweiten Klavierkonzerts im Jüdischen Kulturbund Frankfurt statt. 

Textbuch mit politischer Färbung

1933 verfasste Ludwig Strecker für den Komponisten Hermann Reutter das Textbuch zu einer Faust-Oper, der er das alte Puppenspiel zugrunde legte. Auf ein anderes Puppenspiel verwies ihn wenig später der junge Komponist Werner Egk. Er wollte aus dem Marionettenspiel "Die Zaubergeige" eine Oper machen. 

Obwohl der NS-Staat Juden verfolgte, wünschte er keinen offenen Antisemitismus auf der Opernbühne. Werner Egk und Ludwig Strecker milderten deshalb die judenfeindliche Tendenz ihres Librettos zur "Zaubergeige" ab. Dennoch blieb die Figur des Guldensack immer noch als jüdischer Wucherer zu erkennen. Peter Hanser-Strecker, dem Enkel des Librettisten, war die antisemitische Tendenz dieser Passage bislang nicht aufgefallen.

"Meinen Großvater habe ich nicht danach gefragt. Allerdings haben weder Werner Egk noch er selbst nach 1945 einen Anlass gesehen, das Werk zu revidieren oder sogar zurückzuziehen. Würden die beide heute einen Stoff suchen, wäre da eine völlig andere Sensibilität sicher gewesen."

Musikbetrieb zur Zeit des Krieges

Inzwischen hatte der von Hitler angezettelte Weltkrieg begonnen. Er bescherte den deutschen Musikverlagen wachsende Umsätze, denn das Musikleben ging unvermindert weiter. Auch in den besetzten Gebieten wurde deutsche Musik propagiert. So konnte Werner Egk in Paris eigene Werke zur Aufführung bringen. Der Schott-Verlag wurde damals zum kriegswichtigen Betrieb erklärt, der trotz der Kampfhandlungen weiterarbeiten durfte. Obwohl Ludwig und Willy Strecker den Krieg entschieden ablehnten, profitierte ihr Verlag von der Konjunktur und vom Verkauf massenhaft produzierter Soldatenliederbücher.

Werner Egks Stellung zum Krieg war ähnlich ambivalent. Egk war ab 1941 auch Leiter der Fachschaft Komponisten in der Reichsmusikkammer, und setzte sich in dieser Funktion auch dafür ein, dass die Komponisten auch die Kriegsziele des nationalsozialistischen Regimes unterstützen. So förderte Egk beispielsweise die sogenannten "Konzerte feldgrauer Komponisten", von Komponisten also, die an der Front waren. Ebenso organisierte er als Fachschaftsleiter die musikalische Truppenbetreuung.

Unterstützung der Komponisten 

"Da fällt mir sehr schwer, etwas zu sagen, weil ich zwar selbst nicht handelnde Person war, wohl aber meine Vorfahren. Ich würde es so sagen: Die Verleger haben als Kaufleute gehandelt, die sich in der Verantwortung für ihre Komponisten und ihre Mitarbeiter  sahen. Ich weiß sicher, dass sie weder den Krieg und erst recht nicht die Judenermordung gebilligt hätten. Aber sie mussten sich wohl an viele Stellen arrangieren, um persönlich und mit ihrem Verlag zu überleben", sagt der heutige Verlagsinhaber. Demnach war der Verlag vor allem aus wirtschaftlichen Gründen zur Anpassung gezwungen. Dies ermöglichte es ihm andererseits, teilweise eigene Wege zu gehen. So hat der Schott-Verlag trotz der Einwände des Regimes seinen Autor Paul Hindemith kontinuierlich unterstützt.

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