Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 29.01.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.01.2012

Der Schocker wird zum Gefälligen

Wie ein Kurator durch gezielte Provokation Aufmerksamkeit gewinnt

Von Sieglinde Geisel

Podcast abonnieren
Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" soll für eine Berliner Kunstaktion benutzt werden (dpa / picture alliance / Matthias Bein)
Thilo Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" soll für eine Berliner Kunstaktion benutzt werden (dpa / picture alliance / Matthias Bein)

Auf der Berlin Biennale sollen Exemplare von Sarrazins Bestseller gesammelt werden, um sie zu einer Installation zu verarbeiten und zu recyceln. Die Aufregung darüber gehört zum Spiel, meint Sieglinde Geisel. Ohne jede PR-Anstrengung ist die Biennale jetzt schon im Gespräch.

Der polnische Künstler Artur Żmijewski möchte die Politik in die Kunst zurückholen. Oder umgekehrt: mit Kunst Politik machen. Er habe die Künstler gebeten, etwas zu tun, was nicht Kunst sei, sagte er kürzlich der Süddeutschen Zeitung in seiner Funktion als Kurator der siebten Berlin-Biennale. Wer auf deren Website geht, wird von einem Logo in martialischem Fascho-Look empfangen. Dabei weiß Żmijewski durchaus, dass politische Kunst, die sich des Holocausts bedient, in Deutschland anders wahrgenommen wird als etwa in Warschau oder New York.

Die Öffentlichkeit wartet nur darauf, den Zeigefinger zu erheben, und es scheint, als würden die Empfindlichkeiten mit zunehmendem Abstand zum Dritten Reich eher wachsen: So schwer sich Deutschland nach dem Krieg mit der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechern tat, so reflexartig reagieren deutsche Medien heute auf alles, was als Anspielung auf NS-Verbrechen aufgefasst werden könnte.

Um keine Holocaust-Prügel zu beziehen, hat etwa der Gropius-Bau jüngst Żmijewskis Beitrag aus der Ausstellung "Tür an Tür" entfernt: Die Darstellung nackter Menschen, die in einer Gaskammer Fangen spielen, erregte Anstoß, ebenso wie vor Jahren übrigens schon ein anderer Videofilm von Żmijewski: Damals überredete er einen 92-jährigen Auschwitz-Überlebenden dazu, sich seine Häftlingsnummer neu tätowieren zu lassen.

Ob die von Żmijewski kuratierte Biennale uns mit Provokationskunst diesen Schlages beglücken wird, muss man sehen. Umstritten ist sie jedenfalls jetzt schon, obwohl sie erst Ende April beginnt. Was die Gemüter jüngst erregte, war die Ankündigung einer Kunstaktion mit dem Titel "Deutschland schafft es ab". Es: das Buch, das fast so heißt und das zum größten Bestseller in Deutschland seit 1945 avanciert ist.

Wer sich von seinem Exemplar dieses Buchs von Thilo Sarrazin trennen will, ist eingeladen, es an einer der beteiligten Kunstinstitutionen abzugeben. Der tschechische Künstler Martin Zet bastelt dann aus den erhofften 60.000 Exemplaren eine Installation für die Biennale. Danach soll mit den Büchern das geschehen, was auch mit ausrangierten Bibliotheksbüchern geschieht: Sie werden recycelt.

Die Aktion war kaum angekündigt, da machte schon das böse Wort der "Bücherverbrennung" die Runde, und wie beim Pawlowschen Hund begann in der deutschen Öffentlichkeit der Speichel zu fließen. Auf dem Biennale-Blog gibt es bereits über 400 mahnende Kommentare und die ersten Kulturinstitutionen haben sicherheitshalber gleich einen Rückzieher gemacht. Am Wort "Bücherverbrennung" jedenfalls will sich niemand die Finger verbrennen, auch wenn gar keine Bücher verbrannt werden. Warum dann also die Aufregung?

Weil es ein eingespielter Vorgang ist, dessen Dynamik sich offenbar keiner zu entziehen mag. Zugegeben: Künstler haben es nicht leicht. Machen sie einfach Kunst, kommt kein Schwein, und sei die Kunst auch noch so ambitioniert. Wenn sie dagegen in die Holocaust-Klamottenkiste greifen, ist gleich der Teufel los, und sei die Kunst auch noch so bescheiden. Die Wunden, die schlechte Kunst über heikle Themen aufreißen kann, sind als Kollateralschaden von vornherein einkalkuliert.

Damit ist der Schocker zum Gefälligen geworden, zur "freundlichen Anpassung ans Gewünschte", wie Adorno es einmal formulierte. Alle machen brav mit bei diesem Spiel: die ach so mutigen Polit-Künstler ebenso wie die ach so rechtschaffen empörten Kommentatoren. Und so kommt es, dass die Instrumentalisierung der deutschen Vergangenheit mit dem höchsten Gut belohnt wird, das die Mediengesellschaft zu vergeben hat: mit Aufmerksamkeit.

Ohne jede PR-Anstrengung ist die Biennale jetzt schon im Gespräch. Die Sorge um die Abschaffung von Büchern kann man sich sparen, denn der Aufmerksamkeitssegen erstreckt sich auch auf diese: Dass im Gefolge der Kunstaktion ein weiteres der bösen Bücher gekauft wird, ist um einiges wahrscheinlicher, als dass ein reuiger Leser sich die Schmach antut, sein Sarrazin-Buch öffentlich abzugeben.

Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel, freie Journalistin (privat)Sieglinde Geisel wurde 1965 in Rüti (Schweiz) geboren. Sie studierte in Zürich Germanistik und Theologie, zog 1988 nach Berlin. 1994 ging sie nach New York, wo sie vier Jahre als Kulturkorrespondentin für die Neue Zürcher Zeitung tätig war. Als freie Journalistin in Berlin schreibt sie seit 1999 über kulturelle und soziale Themen. 2010 erschien ihr Buch "Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille" im Galiani Verlag.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Paradebeispiel eines hilflosen Anti-Rassismus
Keine Zensur

Politisches Feuilleton

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur