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Tonart | Beitrag vom 01.08.2016

Der Saxofonist Nico LohmannWarum Musik eine Baustelle ist

Von Matthias Wegner

Ein Saxophon steht vor einem Orchesterkonzert auf der Bühne. (picture alliance / dpa / Andreas Franke)
Nico Lohmann mag melodisches Improvisieren auf dem Saxofon, basierend auf der John Coltrane-Schule. (picture alliance / dpa / Andreas Franke)

Nico Lohmann ist musikalisch sehr vielseitig. Seit rund 15 Jahren mischt der Saxofonist in der Berliner Jazzszene eifrig mit. Nun hat er ein neues Album als Bandleader vorgelegt: "Merging Circles". Matthias Wegner hat sich mit ihm zum Interview getroffen.

Es gibt fantastische Musiker, mit einer großen musikalischen Tiefe und einem Riesenausdrucksspektrum, die sich aber (auch tatsächlich) am besten durch ihre Musik ausdrücken können. Nico Lohmann gehört zu ihnen. Er selbst sagt: Ich bin kein großer Redner. Und wenn man ihn nach seinen musikalischen Einflüssen fragt, kommen die entsprechenden Namen ein wenig holprig:

"Ernie Watts ... Phil Woods ... .das waren Saxofonisten, die habe ich viel gehört."

Nico Lohmann mag melodisches Improvisieren, basierend auf der John Coltrane-Schule, die ja in den 80er-Jahren durch Jemanden wie Michael Brecker weitergeführt wurde. Eine Ästhetik die Nico Lohmann magisch angezogen hat, aber:

"Spielerisch ist es so, dass ich diese Idole, die ich so habe, nie versucht habe, zu imitieren. Sondern eigentlich nur ihre Musik total gerne mochte und ihr Spiel, aber ansonsten einfach versucht habe Musik zu machen, wie es mir eben gelingt."

Auf der Suche nach wunderbaren Melodien

Und das gelingt ziemlich gut. Nico Lohmann hat nicht nur eine eigene, persönliche Klangsprache gefunden, sondern auch eine sehr schöne Balance in seiner Musik, und - ganz wichtig: wunderbare Melodien:

"Wenn ich mal eine ruhige Minute habe, und einfach mal still in mich reinhorche ... Jeder Mensch hat eine innere Stimme oder auch eine innere Musik. Und wenn er darauf hört, dann kommen die Melodien irgendwie daher. Und das ist bei jedem Menschen so, wenn er Ruhe findet, dass er die Musik soweit selbst aus sich schöpfen kann."

Dass Brigitta Flick Saxofon in der aktuellen Band von Nico Lohmann spielt, hat nicht nur musikalische Gründe. Die beiden sind auch privat ein Paar – und man erahnt ihre tiefe Verbundenheit auch in der Musik:

"Das fühlt sich einfach wie zu Hause an".

Das persönliche sei ebenso wichtig, wie das musikalische, was auch die anderen Bandmitglieder betrifft, zu denen Nico Lohmann ein sehr freundschaftliches Verhältnis pflegt. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass wenn seine Partnerin, nicht Saxofon, sondern Trompete oder sogar Triangel spielen würde, sie wäre trotzdem mit dabei:

"Na klar."

Nun also zwei Saxofone und hier und da eine Flöte. Nico Lohmann spielt die manchmal:

"Es macht es vielleicht ein bisschen einfacher, dass ich die höheren Instrumente spiele und Brigitta mit dem Tenorsaxofon die etwas tieferen Lagen. So, dass wir uns eigentlich ganz sehr gut ergänzen können."

Eine fast telepathische Beziehung zu Brigitta Flick

Die enge, fast schon telepathische Beziehung von Nico Lohmann und Brigitta Flick wurde auch beim Entstehen des Titelstücks des Albums "Merging Circles" deutlich, sagt Lohmann:

"Also 'Merging Circles' ist ein Stück, da bin ich nachts aufgewacht und habe die Melodie aufgeschrieben, weil die plötzlich da war und am nächsten Morgen, habe ich dann Brigitta davon erzählt und ihr das gezeigt und sie meinte das kommt mir irgendwie bekannt vor, das hat mächtig Ähnlichkeit mit meinem Stück. Und wir haben dann festgestellt, dass es tatsächlich ziemlich große Ähnlichkeit hatte."

Ok und dann?

"Ich habe ihr Stück natürlich vorher auch gehört und das ist in meinem Unbewusstsein wahrscheinlich gelangt und hat sich irgendwie umgewandelt und das finde ich auch immer interessant beim Musikmachen, das ist ja im Grunde nie etwas komplett Neues, sondern immer etwas, das eine neue Form gewinnt."

Persönliches Statement zum BER

Dass das neue Album von Nico Lohmann ein sehr persönliches Statement ist, merkt man auch an einem Stück wie dem BER-Blues. Das Stück bezieht sich auf den Berliner Flughafen, der ja schon vor vier Jahren öffnen sollte, aber immer wieder verschoben wurde. Nico Lohmann wohnt direkt in der Einflugschneise des alten Flughafens in Berlin-Tegel. Ist täglich mit dem Lärm konfrontiert, sieht aber auch Parallelen in seiner Musik:

"Das ist so ein Flughafen, der leider nie vollendet wird. Und bei uns Musikern ist es ja auch so: Es ist immer eine Baustelle. Man hat hier was fertiggemacht und dann sucht man sicher wieder was Neues. Baustelle - dieses Bild finde ich eigentlich auch ganz witzig."

Und:

"Auf eine Art mag ich ja auch die Flugzeuge ... ."

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