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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.10.2013

Der SA-Mann neben Jesus Christus

Der schwierige Umgang mit der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf

Von Stefanie Oswalt

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Von "NS-Kunst" gezeichnet: Relief der Kanzel der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin (picture-alliance/ ZB)
Von "NS-Kunst" gezeichnet: Relief der Kanzel der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin (picture-alliance/ ZB)

Eine Kirche in Berlin-Mariendorf ließ sich von der NS-Ideologie infizieren: Die Martin-Luther-Gedächtniskirche verherrlichte in ihrem Bildprogramm die NS-Barbarei. Noch heute sind Reste davon zu sehen. Mancher würde das Gotteshaus lieber gestern als heute gesprengt sehen.

"Man kann, wenn man sich vorher informiert, was für ein Ort das ist, dann kann man damit auch umgehen. Und zwar aktiv umgehen und sich nicht von dem Ort besetzen lassen, sondern den Ort selber besetzen."

Hans-Martin Brehm, seit 1984 evangelischer Gemeindepfarrer in Berlin Mariendorf.

"... Ich verstehe gut den Impuls, den ich auch hatte, als ich diese Kirche zum ersten Mal wahrgenommen habe, wo ich nur dachte: Weg damit! Ist ja schrecklich. Und natürlich, im zweiten Schritt weiß ich, so geht es nicht."

Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin der evangelischen Kirche des Sprengels Berlin.

"Allein die Gemeinde da war immer überfordert. Die hatte da ein monströses Monument aus dem Dritten Reich ... Und sie haben nicht die notwendige Hilfe von der Leitung bekommen ... Das war Drücken um Verantwortung und Aussitzen."

Manfred Gailus, Professor für Geschichte an der TU Berlin, Arbeitsschwerpunkt Kirche und Nationalsozialismus.

Alle drei sprechen von der Martin-Luther Gedächtniskirche in Mariendorf, einem Stadtteil des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Der gewaltige Bau verkörpert keine eindeutige Stilrichtung, nur die markanten Keramikkacheln am Kirchenturm sind ein Stilelement der neuen Sachlichkeit. Früher stand die Kirche gegenüber des Mariendorfer Rathauses, das aber wurde im Krieg von einer Bombe getroffen und vollständig zerstört. Manchem wäre es wohl lieb gewesen, es hätte auch die Kirche getroffen, denn sie steckt wie ein Stachel im Fleisch.

Pfarrer Hans-Martin Brehm:"Die Landeskirche war auch bis vor kurzem überhaupt nicht dazu zu bewegen, sich zu der Kirche zu stellen in irgendeiner Form, weil nämlich schmutzig und unschön, Ausnahmeerscheinung und überhaupt – ein Einzelfall, Mariendorfer Sonderfall."

Wie kein anderer Kirchenbau in Deutschland illustriert die Kirche die Verquickung von evangelischem Christentum und Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1945.

Samstag Nachmittag. Etwa 20 Interessierte haben sich zu einer Führung durch die Kirche mit der Kunsthistorikerin Beate Rossié eingefunden.

Beate Rossié: "Und jetzt kommen wir zu dem, was die Kirche als Zeitzeugnis so besonders macht und warum sie jetzt auch Denkmal nationaler Bedeutung ist, das ist nämlich ihr Kunst-, ihr Bildprogramm, ihre Gestaltung."

Sie zeigt auf den beeindruckenden Triumphbogen, bestehend aus 800 Motivkacheln:

"Es gab christliche Symbole, wie die Dornenkrone oder die Taube des heiligen Geistes, es gab aber auch reine NS-Symbole wie das Hakenkreuz, das so genannte NS-Hoheitszeichen, der Reichsadler mit einem Hakenkreuz in den Krallen, und das Zeichen der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt – NSV. Diese Symbole wurden sofort nach 1945 entfernt, ... also man sieht hier diese – man muss schon sagen: aussagekräftigen – Leerstellen."

Rossié arbeitet für das Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart, das die Baugeschichte der Kirche erforscht und ein Gutachten erstellt hat, auf dessen Grundlage das Gotteshaus inzwischen unter Denkmalschutz steht. Seit Jahren setzt sie sich für die Restaurierung dieses Zeitzeugnisses und die Einrichtung eines Lernortes zum Thema Kirchenbau und Nationalsozialismus ein.

"Also die Verbindung von Christlichem und Nationalsozialistischem setzt sich fort, zum Beispiel hier an der Taufe. Wir sehen hier vorne Jesus mit zwei Kindern, das passt zum Taufgeschehen. Neben Christus haben wir etwas, was nun wirklich keine Madonnenfigur ist, sondern eine deutsche Mutter, das war eines der häufigsten Motive in der NS-Kunst überhaupt und auf der anderen Seite sehen wir wieder einen SA-Mann... – mit seiner typischen Kappe in den Händen als frommer Mann."

Führungsteilnehmerin: "Sieht der nicht aus wie Adolf Hitler, also zumindest hier so, von der Seite – so mit dieser Fisur und hier das Profil?"

Aber natürlich, diese Assoziation ist gewollt. Auch aus dem Glaubensvolk an der Kanzel sticht das Konterfei Horst Wessels hervor, und im Vestibül hängt seit 1945 ein Reliefprofil Martin Luthers – anstelle Adolf Hitlers. Und dann ist da auch noch die Sache mit der Orgel, die Hitler sich für den Reichsparteitag in Nürnberg 1935 auslieh.

Kantor Friedrich Wilhelm Schulze: "Die Anordnung kam, glaub ich, von Goebbels, und der damalige Reichsleiter Bormann, der hat praktisch geguckt, welche Orgel könnte hier spielen, und hat die Firma Walcker in Ludwigsburg angerufen, und die haben gesagt: Wir haben für die ML Gedächtniskirche ein Werk vor, was wir dort einbauen wollen, und was wir Ihnen provisorisch für diesen Reichsparteitag zur Verfügung stellen wollten ... dann haben sie den Leipziger Thomaskantor ... beauftragt, dort mit Orchesterverstärkung und Riesen-Lautsprecher-Verstärkung dort zur Verkündigung der Rassengesetze zu spielen ... Danach ist die Orgel sofort, so wie sie vorgesehen war, in unsere Kirche eingebaut worden."

Falsch liegt, wer nun glaubt, es hier wegen des Bildprogramms und der Orgel mit einer Hochburg der Deutschen Christen zu tun zu haben. Denn die rassistische, streng hitlertreue Strömung innerhalb des Protestantismus nutzte in Berlin andere Kirchen für ihre propagandistischen Veranstaltungen - Fahnenappelle, Schulungen oder Massentrauungen, betont Pfarrer Brehm:

"Es war eben schon so, dass die beiden Pfarrer hier – Rieger und Kurzreiter, die hier waren, beide bibeltreu waren, und zu einer Gruppe gehörten, die man heute meistens vergisst – die sogenannten "Neutralen", die sich immer aus allem Politischen heraushalten wollten."

Auch der evangelische Schriftsteller und Liederdichter Jochen Klepper ließ sich hier 1938 kirchlich trauen. Seine jüdische Frau hatte sich zuvor in der Kirche taufen lassen. Beide nahmen sich im Dezember 1942 aus Angst vor der Deportation das Leben. Ein komplexe Geschichte rankt sich also um die Kirche, die eine adäquate Aufarbeitung fordert. Immerhin ist erst einmal der bauliche Bestand gesichert – keine Selbstverständlichkeit, wie aus den Worten von Generalsuperintendentin Trautwein deutlich wird.

Ulrike Trautwein: "Es gab 1997 einen Kirchenleitungsbeschluss, dass keine Kirchensteuermittel für die Renovierung dieser Kirche eingesetzt werden. Das war eine ganz schlimme Krisenzeit, und da verstehe ich sehr gut, dass man die Arbeit mit lebendigen Menschen und die Dinge, die vor den Füßen liegen, dass man die in aller erster Linie finanzieren will."

Hans-Martin Brehm: "Die Baufälligkeit wurde im Grunde schon 2001 festgestellt. Es hat bis 2008 tatsächlich gedauert, dass wir dafür auch jemanden interessieren konnten. Weil davor war die Frage eben: Instandsetzen – abreißen – verfallen lassen ..."

Letztlich hat die Finanzkrise die Kirche vor dem Verfall gerettet: Denn mit Geldern aus den Konjunkturprogrammen finanzierte der Berliner Senat zu großen Teilen die Sanierung des Turms. Ein Drittel, so Trautwein, zahlte schließlich auch die Landeskirche. Derzeit laufen die Arbeiten am Innenraum der Kirche. Bleibt die brennende Frage nach einem künftigen Nutzungskonzept.

Hans-Martin Brehm: "'Es ist ein bunter Flickenteppich – es gibt kein geschlossenes, schlüssiges Programm für die Kirche oder ein Nutzungskonzept. Wir haben ganz viel ausprobiert, Federführung hat dabei die Stadtbau GMbH. Es gibt einen Beraterkreis, der sich aber schon lange nicht mehr getroffen hat ...""

Seit Jahrzehnten setzt sich die Gemeinde mit der Geschichte der Kirche auseinander: Es gibt eine Nagelkreuzgruppe, die sich in Erinnerung an die von deutschen Bomben zerstörte Kathedrale von Coventry um Versöhnungsarbeit bemüht. Die Gemeinde unterstützt ein Kulturprojekt in der palästinensischen Stadt Jenin, sie veranstaltet Gedenkgottesdienste am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und an den Jahrestagen der Pogromnacht. Und auf der Orgel wurden schon Konzerte des jüdischen Komponisten Lewandovsky gespielt.

Manfred Gailus: "Das ist eine Art hilfloser Antifaschismus. Eine Aufarbeitung, die gut gemeint ist, aber nicht das, was erforderlich ist."

Natürlich provoziert Manfred Gailus mit solchen Bewertungen. Aber er bringt auch auf den Punkt, was alle spüren: Nach der Rettung der Bausubstanz braucht es jetzt ein Konzept für den Umgang mit diesem historischen Ort. Je eher, desto besser.


Sonderausstellung in der Gedenkstätte "Deutscher Widerstand in Berlin":

Das Museum zeigt bis zum 20. Januar 2014 die Sonderausstellung
"... aus dem Geiste unserer Zeit. Berliner Kirchenbauten im Nationalsozialismus"

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