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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.06.2012

Der Rückhalt nach dem Schlusspfiff

Christine Eisenbeis: "Im nächsten Leben werd' ich Spielerfrau", Die Werkstatt, Göttingen 2012, 176 Seiten

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Spielerfrauen wie Cathy Fischer, Freundin von Mats Hummels, sind immer mit dabei (picture alliance / dpa /  Oliver Weiken)
Spielerfrauen wie Cathy Fischer, Freundin von Mats Hummels, sind immer mit dabei (picture alliance / dpa / Oliver Weiken)

Nicht nur die Fußballstars, auch ihre Partnerinnen stehen während der EM im Mittelpunkt. Mal gelten die Spielerfrauen als schmückendes Beiwerk, mal als eiskalte Managerinnen. Die Journalistin Christine Eisenbeis blickt in ihrem neuen Buch hinter die gängigen Klischees.

Spielerfrauen haben es nicht leicht. Entweder werden sie überhaupt nicht beachtet, bloß als hübscher Sidekick gesehen oder als berechnende Biester wahrgenommen, die es einzig und allein auf die dicken Konten der Fußballstars abgesehen haben. Die Journalistin Christine Eisenbeis wollte wissen, ob diese Klischees von Frauen, die mit Fußballern leben, tatsächlich stimmen.

In Deutschland gibt es nach Eisenbeis' Ermittlungen etwa 2.500 Berufsfußballer. Nur ganz wenige macht der Fußball zu Millionären. 250 bis 300 Profis stehen jedes Jahr sogar ganz ohne Verein da. Bei so viel existenzieller Unsicherheit, die der Job für die Spieler mit sich bringt, führt natürlich auch kaum eine ihrer Partnerinnen ein ähnlich glamouröses Leben wie Victoria Beckham oder Sylvie van der Vaart. In zahlreichen Interviews mit Spielerfrauen hat Eisenbeis herausgearbeitet, dass viele von ihnen einen ziemlich normalen Alltag haben.

Die meisten der befragten Frauen sehen sich als eine Art Managerin oder Therapeutin, die dem Partner jederzeit den Rücken freihält, damit der sich ganz auf seine Karriere konzentrieren kann. Sie machen derweil die Wäsche, organisieren bei Vereinswechseln die Umzüge, ziehen die Kinder groß, sind Seelentröster nach Auswechslungen, Verletzungen oder in anderen Krisensituationen. Die eigene Entwicklung kommt bei so viel liebevoller Aufopferung zwangsläufig oft zu kurz.

Eisenbeis berichtet in ihrem Buch von einer kleinen Szene gleichgesinnter Frauen, die jetzt langsam anfängt, sich zu helfen und auszutauschen; zum Beispiel über das soziale Netzwerk QueensUnited, wo man sich in allen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ohne die Pionierarbeit der Beckhams aber, die nach Ansicht der Autorin den Fußball durch ihre öffentliche Existenz als Promipaar als gesamtgesellschaftlich beachtetes Lifestyle-Event erst salonfähig gemacht haben, würde die Mehrzahl der Spielerfrauen wahrscheinlich immer noch ein belächeltes Dasein ganz im Schatten ihrer mehr oder weniger erfolgreichen Partner führen. Ohne das große Medieninteresse an der heiß begehrten Unterhaltungsware Fußball wäre es Coleen Rooney, der Frau von Englands Stürmerstar Wayne Rooney, bestimmt nicht so leicht gefallen, von einer einfachen Fußballerbraut aus einem Liverpooler Arbeiterviertel zu einer in ganz England gefeierten Stilikone mit Kultstatus aufzusteigen.

In Zeiten, in denen die unersättliche Medienindustrie nach immer neuen Namen und Nachrichten aus der hochglänzenden Fußballwelt giert, deren Hauptdarsteller aber immer perfekter abschirmt werden, kommt den Spielerfrauen außerdem eine gewichtige Rolle zu: Niemand kommt den gefragten Stars so nah wie sie. Einst als tumbe Proleten abgestempelt, genießen die erfolgreichen Fußballer inzwischen einen Kultstatus auf Augenhöhe mit Musik- und Filmstars.

Das Buch von Christine Eisenbeis mischt selbst geführte Interviews und Hintergrundinformationen über prominente Spielerfrauen, die nicht für ein Gespräch zur Verfügung standen. "Im nächsten Leben werd' ich Spielerfrau" ist ein leicht lesbares Buch. Glänzend geschrieben ist es allerdings nicht. Eisenbeis benutzt sehr oft dieselben Formulierungen und Sprachbilder. Auch Ratschläge wie "vergiss nie dich selbst" wirken ein bisschen bemüht.

Trotzdem gelingt es ihr, einige platte Klischees aufzulösen. Dadurch, dass sie das breite Spektrum in den Blick nimmt, liefert sie eine kleine Kulturgeschichte der Spielerfrau. Diese reicht bei ihr von Fritz Walters Gattin Italia, der Urgroßmutter aller Spielerfrauen, die mit ihrer exotisch-schillernden Art in den 1950er-Jahren die Nation bewegte, bis zu Robert Enkes Ehefrau Teresa, die nach dem Selbstmord ihres Mannes Robert eine Stiftung gründete, die über Depressionskrankheiten aufklärt.

Besprochen von Thomas Jaedicke

Christine Eisenbeis: Im nächsten Leben werd' ich Spielerfrau. Ein Phänomen wird abgeschminkt.
Die Werkstatt, Göttingen 2012
176 Seiten, 14,90 Euro

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