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Fazit | Beitrag vom 08.11.2019

"Der Riss durch die Welt" am ResidenztheaterEin Weltuntergangsszenario

Christoph Leibold im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Die Schauspieler Cathrin Störmer, Benito Bause und Lisa Stiegler (v.l.) in einer Szene des Stücks "Der Riss durch die Welt" auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. (Sandra Then)
"Tolle Schauspielerführung" - Cathrin Störmer, Benito Bause und Lisa Stiegler (v.l.) in "Der Riss durch die Welt" am Münchner Residenztheater. (Sandra Then)

In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück empfängt ein Millionärspaar ein junges Künstlerpaar in seiner Villa, vor der Kulisse einer drohenden Apokalypse. Nach und nach setzt sich ein düsteres Gegenwartsgemälde mit Verstörungspotenzial zusammen.

Die Begegnung zweier Paare in einer Luxusvilla in den Bergen. Die Gastgeber Tom und Sue: schwerreiche Rotweintrinker. Zu Gast bei ihnen: Sophia und ihr Freund Jared. Sophia ist Künstlerin und soll Tom die Pläne für ein Projekt vorlegen, das der finanziert.

Zwei sehr unterschiedliche Paare, bei deren Aufeinandertreffen die Fetzen fliegen: Das ist ein bewährte Theaterkonstellation. "Zimmerschlacht" heißt dieser Stück-Typ. Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" funktioniert nach diesem Muster. Und natürlich "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee. Roland Schimmelpfennig allerdings strickt nicht einfach eine Erfolgsmasche fort, sondern webt daraus ein Weltuntergangsdrama. Der Psychoterror kaputter Paarbeziehung spielt bei Schimmelpfennig nur eine untergeordnete Rolle. Ihm geht es um das große Ganze, eben um den Riss durch die Welt.

Ein konkretes Weltuntergangsszenario

Es ist der Riss, der Arm und Reich trennt, wobei die Reichen nicht nur die Armen ausbeuten, sondern überhaupt: den ganzen Planeten. Wiederholt ist von einem Fluss aus Blut und Müll die Rede. Also von einem Strom aus Gewalt und Umweltzerstörung, der die Erde fortspülen wird. Ein Weltuntergangsszenario.

Die Schauspieler Carolin Conrad, Oliver Stokowski, Cathrin Störmer, Lisa Stiegler und Benito Bause (v.li.) in einer Szene des Stücks "Der Riss durch die Welt" auf der Bühne des Residenztheaters in München. (Sandra Then)Carolin Conrad, Oliver Stokowski, Cathrin Störmer, Lisa Stiegler und Benito Bause (v.li.) im Stück "Der Riss durch die Welt" am Residenztheater München. (Sandra Then)

Problematische Paarbeziehungen interessieren Schimmelpfennig nur insofern, als sich auch in ihnen Risse auftun. Sue war nicht immer wohlhabend, sie war einst die Assistentin des wesentlich älteren Tom, ehe sie ihn heiratete. Und Sophia fühlt sich ihrem Freund Jared intellektuell überlegen. Schimmelpfennig bringt also nicht einfach unsympathische Superreiche und Vertreter eines Künstler-Prekariats gegeneinander in Stellung. Global gesehen leben ohnehin auch Sophia und Jared auf der Sonnenseite des Lebens. Und höchstwahrscheinlich würden sie sich keinen Deut besser verhalten als ihre Gastgeber, wären sie so reich wie die.

Ein düsteres Gegenwartsgemälde

Regisseur Tilmann Köhler inszeniert das Stück auf einer fast leeren Bühne. Kein Wohnzimmerrealismus, stattdessen: eine monumentale Stahlwand. Trennendes Element, wie der Riss durch die Welt. Das karge Setting schafft Konzentration auf das tolle Ensemble: Oliver Stokowski als überheblich-gönnerhafter Tom, Carolin Conrad als seine nervös lachende Frau Sue. Lisa Stieglers Sophie changiert schön zwischen Verachtung und Bewunderung für den Reichtum der Gastgeber, der Jared anfangs einzuschüchtern scheint. Umso heftiger der Zorn, der später aus Benito Bause herausbricht.

Von Anfang an liegt eine unheilvolle Vorahnung über der Handlung, dass sie in einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes enden wird. Geschürt wird sie durch suggestiv-finstere Musik und: durch Schimmelpfennigs Stückkonstruktion. Er lässt biblische Plagen über die Figuren kommen. So träumen sie etwa von Kröten im Hals oder erleben einen sintflutartigen Hagelschauer. Dabei erzählt er in Vor- und Rückblenden, wechselt zwischen Dialogen und deskriptiven Passagen, wiederholt und variiert Szenen. Nach und nach setzt sich so über 100 packende Minuten ein düsteres Gegenwartsgemälde zusammen – mit archaischem Verstörungspotenzial.

"Der Riss durch die Welt" von Roland Schimmelpfennig
Regie: Tilman Köhler
Residenztheater München

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