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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.03.2018

Der "Polenmarkt" in SlubiceAuf Schnäppchenjagd

Von Vanja Budde und Wioletta Weiß

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Ein Wegweiser zum sogenannten Polenmarkt (imago stock&people)
Der Basar in Slubice zieht Woche für Woche tausende Besucher aus Deutschland an. (imago stock&people)

Preiswerte Zigaretten, Dauerwellen oder Kitsch mit Katzenmotiven: Solche Angebote ziehen rund 10.000 Berliner und Brandenburger jedes Wochenende auf den sogenannten Polenmarkt in Slubice. Den Besuchern geht es aber nicht nur um die Jagd auf Schnäppchen.

425 Stände auf dreieinhalb Hektar: Der Polenmarkt in Slubice ist eine kleine Verkaufsstadt. Gartendeko und Kinderspielzeug aus Plastik gibt es hier; Spitzendeckchen; Musik-CDs und Film-DVDs; Ladekabel fürs Smartphone; Schuhe; Gürtel; Taschen und Koffer; Klamotten; Felle; polnische Spezialitäten wie Schinken, Würste und Honig. Früher auch Hundewelpen, aber das ist jetzt verboten. Mahnt zumindest ein großes Schild am Eingang. Bedauernswerte Welpen für 49 Euro 90 gäbe es aber immer noch, meint eine Kundin mit frierendem Windhund und großer Sonnenbrille:

"Wenn Sie hier nach hinten durchgehen und auf der rechten Seite stehen dann ab und zu immer noch welche. Die haben dann so einen Katzenkorb, meist mit einer Decke drüber."

Bazar nennen die Polen ihren Markt – und das trifft auch die Atmosphäre.

"Hallo, bitte: Pullover, Hose, Jacke."

So angesprochen wird man hier nur selten, das kann aber auch an der bitteren Kälte heute liegen: Weit unter null, die routiniert freundlichen Verkäuferinnen und Verkäufer haben sich dick eingemummelt und frösteln vor sich hin. Der Renner sind die billigen Zigaretten, sie locken die überwiegend deutsche Kundschaft an. Durchschnittlich 10.000 Schnäppchenjäger tummeln sich hier am Wochenende. Die Preisschilder sind alle auf Deutsch, manche Händler sprechen die Sprache fließend.

Zigaretten kosten nur die Hälfte

An einem Tabakwaren-Stand, der auch Aspirin und Voltaren in angestaubten Packungen feilbietet: Eine alte Frau mit viel Makeup und goldenen Ohrringen kauft eine große Tüte voll mit Zigarettenstangen. 800 Kippen pro Person darf man legal mit über die Grenze bringen, zehn Liter Spirituosen, 60 Liter Schaumwein, 110 Liter Bier und zehn Kilo Kaffee.

"Ja, aber nur die mit Banderole, ohne Banderole, die Scheiße ... Haben alle mit, nur polnisch."

Zigaretten ohne Steuer-Banderole sind russischer Mist, meint die Kundin. Sie und ihr nichtrauchender Lebensgefährte, der sich etwas abseits auf seinen Rollator stützt, sind aus Berlin gekommen.

"Mit dem Zug, jo. Komm ja alle zwei Monate nur."

Denn Zigaretten sind hier um die Hälfte billiger als auf der deutschen Seite. Eine Stange mit zehn Schachteln kostet etwa 27 Euro.

"Ach so, denn brauch ich Feuerzeuge dazu!"

Der Vorrat an Zigaretten muss acht Wochen reichen. Das wichtigste ist erledigt, aber wo sie schon mal da sind, wird weiter geshoppt:

"Jetzt kaufe ich noch saure Gurken ein, aber vom Fass. Ich suche bloß die Stände, ich finde die Stände nicht mehr hier."

Kein Wunder: Der früher rummelartige, leicht chaotische Markt wurde nach einem Großbrand zwar modern und gradlinig im Viereck wieder aufgebaut. Aber das Warensortiment in den vielen überdachten Verkaufsstraßen ähnelt sich sehr.

1000 Händler, 425 Stände

Gegründet wurde der Bazar schon 1991, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. 1000 Händler aus Slubice und Umgebung leben von dem Markt. Die Pacht für ihren Stand kostet sie umgerechnet 250 Euro monatlich. Die Plätze sind begehrt: Einen neuen gibt es nur, wenn jemand sein Geschäft aufgibt. Ein junger Händler versteckt sich hinter einer Wand mit Handyzubehör und klagt über die klirrende Kälte. Doch auch heute hat er Kunden, die sich schnell ein Handykabel bei ihm holen.

"Die Kunden kommen vor allem wegen Zigaretten und wegen Benzin zu uns, das sind immer noch die Klassiker. Aber sie kaufen auch viel Kleidung, Lebensmittel und eben kleine Sachen wie meine Ware. Das ist unsere Überlebensgrundlage."

Sein Nachbar verkauft kuschelige warme Lammfelle und Kleidung. Er pflichtet ihm bei:

"Wo man hinguckt, sieht man sogar heute Kunden an meinem Stand mit Fell, an dem mit Autozubehör oder dahinten mit Gardinen ist es auch nicht leer."

Grzegorz Schram hat einen gemütlichen Stand mit weißen Deko- und Gipsfiguren im Zentrum des Marktes. Zwei Russinnen aus Berlin decken sich gerade bei ihm mit Osterschmuck ein. Schram ist charmant, freundlich und gut gekleidet. Ein Mann, mit dem Frauen gern plaudern und schäkern - und ein Geschäftsmann durch und durch, der seine Kunden gut im Blick hat: Schram ist stellvertretender Leiter und einer der Eigentümer des Marktes.

"Wir nehmen uns Zeit für unsere Kunden, horchen, was sie mögen, und wir sind immer noch billiger als andere Läden, weil uns mittlerweile polnische Produzenten selbst suchen und uns ihre Ware direkt anbieten. So können wir die Großhändler umgehen und alles preiswerter anbieten."

Der umtriebige Händlerverein arbeitet deutschlandweit mit Reiseveranstaltern zusammen. Mehrmals in der Woche steuern Reisebusse voller Schnäppchenjäger den Bazar an. Und ein Werbevideo gibt es auch.

Polnische Zigaretten werden auf einem sogenannten Polenmarkt an der deutsch-polnischen Grenze zum Verkauf angeboten. (picture alliance / Alexander Blum)Billige Zigaretten werden massenweise auf dem sogenannten Polenmarkt angeboten. (picture alliance / Alexander Blum)

"Wir sparen auch, wo wir können"

Stefan Heinemann und Kerstin Werner sind extra aus Berlin Spandau gekommen. Stefan Heinemann steuert mit einem Karton Limo-Dosen auf den großen Parkplatz neben der angeschlossenen Tankstelle zu.

"Also nicht nur wegen den Limos, sondern auch wegen den Zigaretten und Tank, und das bietet sich an, ist billiger. Wir hauen uns dann wirklich die Taschen mit Zigaretten voll, die reichen dann so ungefähr ein bis zwei Monate und wenn die leer sind, dann kommen wir wieder her. Wir sind auch nicht die Reichen, deswegen. Wir sparen auch, wo wir können."

Obwohl er regelmäßig kommt, habe er keinen näheren Kontakt zu den Polen, sagt Heinemann.

"Eher weniger, weil, das ist ja wirklich auf eher deutsch getrimmt, viele Sachen. Also die Leute sprechen ja auch fast wenig Polnisch, sondern eher Deutsch, damit man sich verständigen kann. Und so richtig unterhalten tut man sich ja nicht. Also man sagt, man will die Zigaretten haben – und dann ist das gut."

Nur die Oder trennt Slubice von Frankfurt/Oder. Thorsten Dinkeler aus Niedersachsen hat seine Yacht hier in der Nähe am Fluss liegen. Heute ist es aber zu kalt auf dem Wasser, darum hat er Zeit für ein paar Tipps:

"Also sagen wir so: Die Kleidung ist in aller Regel gefälscht und nicht original. Man sollte sich auf polnische Spezialitäten oder Ähnliches konzentrieren, also zum Beispiel Lebensmittel kann man sehr gut einkaufen – der Rest sollte man vorsichtig sein."

Die Unkenrufe, es sei hier gar nicht mehr so günstig wie früher, weil der Lebensstandard auch in Polen steigt, wehrt Dinkeler ab.

"Extrem viel günstiger, Hälfte – gleiche Qualität, die Hälfte. Man kann auch ganz gut Werkzeug kaufen, Werkzeug geht auch. Am besten ist immer, sich interessiert zu zeigen, wieder wegzugehen und beim Weggehen purzeln die Preise."

Die Kunden schätzen den Service

Und die Polen seien nett zur Kundschaft.

"Sind sehr kundenorientiert, von daher wird immer freundlich hier bedient, empfangen, alles – gut, ist ja auch ihr Leben und ihr Geschäft."

Ein paar Gassen weiter stehen die beiden Freundinnen Anita und Karin aus Kleinmachnow bei Berlin an einem Stand mit Schinken und Wurstwaren.

Karin: "So, was kostet das?"
Verkäufer: "Zehn Euro."
Karin: "Zehn Euro, na ja."
Anita: "Jetzt haben wir einen Schinken hier, einen Wildschweinschinken."
Karin: zum Verkäufer: "So, bitte schön."
Anita: "Und ja, vorhin ein bisschen Käse."
Karin: "Und dann holen wir uns noch Zigaretten."
Anita: Super. "Der schmeckt lecker."
Karin: "Mit Wacholder, den müssen Sie nehmen, der schmeckt super."

Die beiden kommen regelmäßig her, nicht, weil sie jeden Euro drei Mal umdrehen müssen, sondern aus Spaß.

"Ja, das ist ja der Reiz des Marktes hier und da mal ein bisschen schlendern und da gucken und da fällt immer mal eine Tasche oder ein Pullover oder irgendwas immer bei ab."

Haben sie denn Stamm-Händler, die sie näher kennen, mit denen sie sich auch mal unterhalten?

Anita: "Doch, ja."
Karin: "Ja, die hat immer ganz besonders schöne Sachen und nicht so das, was so das Gros hat. Also man sieht ja: Oft wiederholt sich das ja. Aber wir haben eine rausgefunden – bloß jedes Mal finden wir sie nicht, weil der Markt zu groß ist, dann verfilzen wir uns hier irgendwo. Und ja, handeln, das finde ich schon toll. Wenn man dann so sagt, wollen 29 und dann sagt man: Nee, 25 – dann sagt sie: Na ja, 28. Nee, sage ich, 25."
Anita: "Oder wenn jeder eins will."
Karin: "Ja, richtig."
Anita: "Dann handeln wir sowieso runter, also zwei Stück sowieso."
Karin: "Ja, polnisch Essen gehen kann man auch sehr gut."
Anita: "Essen gehen wir auch immer. Ja."
Karin: "Das ist immer unser krönender Abschluss, weil es ja auch preiswert, aber auch sehr lecker ist. Also wirklich große Portionen und ja."
Anita: "Ja, reichlich und lecker."

Treffpunkt  "Bar Eva"

In den Imbissen des Polenmarktes kommt es noch am ehesten zu Begegnungen zwischen Polen und Deutschen, die über kurze Verkaufsgespräche hinausgehen. Die winzigen Gaststätten drängen sich in einer Gasse. Die "Bar Eva" ist bei manchen schon eine Institution: Hausgemachte Gulaschsuppe, Hühnerbrühe, Schnitzel und Rouladen stehen auf der Speisekarte. Für zwei Suppen, Tee und Kaffee zahlt man sechs Euro 50. In der kleinen Küche stehen ein Koch und zwei Helferinnen am Gasherd.

Frau: "Chef, was brauchen sie für die Schnitzel? Eier?"
Mann: "Ja, ein Ei!"
Frau: "Und hier kocht gerade Wasser für die Suppennuddeln."

Die "Bar Eva" gehört Krzysztof Duer, einem jungen Mann von Ende 20. Es ist ein gemütlicher Imbiss mit fünf Resopal-Tischen und einem kleinen Biergarten für den Sommer. Die Gäste hören es gut, wenn in der Küche Schnitzel geklopft werden.

An den Wänden hängen Plakate von Kick-Boxern. Krzysztof kämpft selber nicht, er sponsert aber zwei polnische Kick-Boxer-Teams. Auf dem Bildschirm an der Wand läuft gerade eine Talentshow mit einer leicht gekleideten Moderatorin. Krzysztof Duer ist auf dem Bazar groß geworden, dieses Jahr hat er die Bar von seinen Eltern übernommen.    

"Ich war fünf, als meine Eltern diesen Imbiss nach dem Brand 2007 neu eröffnet haben. Schon als Kindergartenkind habe ich hier ausgeholfen, in den Ferien und wenn ich frei hatte. Und wir hatten immer alle Hände voll zu tun. Die Kunden mögen uns, wir haben wohl eine gute Ausstrahlung und ziehen Leute an."

"Wir sind Freunde geworden"

Die "Bar Eva" habe sehr treue deutsche Stammkunden, erzählt Krzysztof Duer stolz.

"Unsere Kunden schicken uns Fotos und Postkarten mit Urlaubsgrüßen. Ich bekomme auch oft schöne Kühlschrankmagnete, weil sie wissen, dass ich die sammle, und ich weiß langsam nicht mehr, was ich von welchem Kunden habe. Und manchmal bringen sie mir ein leckeres deutsches Bierchen vorbei."

Gerade nimmt das Ehepaar Langgraf aus dem 50 Kilometer weiter westlich gelegenen Storkow an einem der Tische Platz. Auch sie sind Stammkunden.

"Wir sind mit der Familie ganz doll befreundet, seit über 20 Jahren schon. Wir haben schon Geburtstage miteinander gefeiert, wo der Sohn Geburtstag hatte. Wir haben hier viele schöne Erlebnisse gehabt. Und wir kommen hierher, weil es hier schmeckt, weil es hier preiswert ist. Wir sehen uns mal wieder und wir gehen dann über den Markt, gucken, was es neues gibt, holen für die Kinder etwas zu spielen. Wir kommen gern hierher."  

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