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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.05.2012

Der Pirat in uns

Wer am Urheberrecht schraubt, gefährdet unsere Medien- und Kulturlandschaft

Von Klaus-Rüdiger Mai

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Geiz galt bisher als Todsünde.  (Stock.XCHNG / Valentina Frate)
Geiz galt bisher als Todsünde. (Stock.XCHNG / Valentina Frate)

Im Inferno des Dichters Dante Aligheri büßen Geizige und Verschwender in derselben Hölle, weil sie sich im Leben vor allem über das Geld definierten. Dieser Höllenkreis unterscheidet sich von allen anderen dadurch, dass die Sünder nicht identifiziert werden können, weil Habgier ihre Gesichtszüge auslöschte.

Natürlich gab es schon immer Geizhälse, nur galt bisher der Geiz als Todsünde. Zum ersten Mal propagieren wir Geiz als höchsten Wert. Geiz ist plötzlich geil. Geiz und Gier stammen aus einem Wortstamm, dem Althochdeutschen *git: Geiz bezeichnet die Gier, möglichst alles umsonst zu bekommen.

Wenn nichts mehr etwas kosten darf, drücken wir das Einkommen der Produzenten unter das Existenzminimum und werden dabei selbst zu Zombies der Preisspirale nach unten.

Billige Produkte bedeuten: regelmäßige Lebensmittelskandale, inakzeptable Tierhaltung und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Schwellenländer. Die Sozialtransfers, die wir für Menschen, die deshalb keine Anstellung mehr finden, über die Steuer entrichten, müssten auf die Tiefstpreise aufgeschlagen werden, um den wahren Preis zu erfahren, den wir bezahlen. Die Jobs werden in Länder exportiert, in denen grundlegende Arbeitschutznormen nicht gelten und Kinderarbeit alltäglich ist.

Ist es also geil, dass sechsjährige Kinder unsere T-Shirts nähen, weil wir geizig sind? Anstatt gerechte Preise zu bezahlen, kaufen wir uns alle Jahre wieder zu Weihnachten dadurch los, dass wir spenden, wie man früher Ablässe erwarb. Wir sponsern einem Kind die Schulbildung, fühlen uns dabei noch großzügig, sparen aber weit mehr Geld, indem wir in Kauf nehmen, dass Kinder ausgebeutet werden und niemals eine Schule von innen sehen.

Deutschland ist Weltmeister im Spenden und Geizen zugleich. Noch wissen wir, was unsere Geiz-ist-geil-Mentalität anrichtet, weil unsere Kultur uns das sagt. Aber richten wir nicht auch sie durch unsere Habgier zugrunde? Weil wir alle schon einmal eine CD kopiert haben, fehlt uns das Gefühl für geistiges Eigentum. Der Erfolg der Piraten ist der Pirat in uns. Die Piraten verkünden, das Urheberrecht muss fallen.

Wie der Tischler vom Bau des Tisches lebt der Schriftsteller vom Schreiben seiner Texte. Die Forderung, das Urheberrecht, das Recht, von seinem geistigen Eigentum zu leben, aufzuheben, bedeutet dasselbe, wie Tischler, Gewerbetreibende, Freischaffende und Arbeitnehmer für ihre Arbeit künftig nicht mehr zu entlohnen. Ohne Urheberrecht keine unabhängige geistige Kultur mehr, keinen Umberto Eco und keinen "Harry Potter", keinen "Herr der Ringe" und keinen Uwe Tellkamp.

Der Piraten-Vorschlag, eine allgemeine Entlohnung für Künstler und Autoren zu schaffen, provoziert die Frage: Wer soll dann bestimmen, wer entlohnt wird und wer nicht, wer Künstler ist und wer nicht? Ein Politikergremium, eine Piratenkommission, ein Ministerium für Kultur, eine Reichsschrifttumskammer?

Die Konsequenz: Wir werden uns mit billigen, weil synthetischen Nahrungsmitteln vollstopfen, die uns krank machen, die Ausbeutung fremder Kinder in Kauf nehmen, unsere Töchter und Söhne mit Spielzeug, das toxische Substanzen enthält, vergiften sowie eine regulierte, vielleicht sogar gleichgeschaltete Medien- und Kulturlandschaft bekommen.

Wäre es da nicht klüger, auch einmal Verzicht zu leisten, um den Preis zu bezahlen, den Lebensmittel und Produkte, den kritische Medien, den Musik und Bücher wirklich kosten? Frühere Generationen zogen aus gutem Grund gegen den Geiz zu Felde. Wollen wir wirklich so gesichtslos werden wie die Geizigen in Dantes Hölle? Die Spende, der Ablass gibt uns ein gutes Gefühl, eine kurze Pause in der Konsumjagd, aber eben nicht das Gesicht und die Kultur zurück.


Der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai (privat)Der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai (privat) Klaus-Rüdiger Mai, Schriftsteller, geboren 1963, Dr. phil., lebt in der Nähe von Berlin. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte des Orients und des Okzidents, des Vatikans und der Renaissance. Seine Biografien über Benedikt XVI. und Michail Gorbatschow sowie sein Bestseller "Geheimbünde" wurden in viele Sprachen übersetzt. Sein letztes Buch "Die Geheimen Religionen. Götter, Sterne und Ekstase" handelt von den großen Glaubensbewegungen in der Geschichte der Menschen (2012). Unter dem Namen Sebastian Fleming schreibt er historische Romane, zuletzt "Die Kuppel des Himmels" (2010).

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