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Sein und Streit | Beitrag vom 23.08.2015

Der philosphische Wetterbericht (4)Blitz und Donner! - Die Brisanz des Wettertalks

Von Ulla Lenze

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Die Grafik eines Kopfes, der mit Blitzen durchzogen ist. (imago / Science Photo Library)
Schon Friedrich Nietzsche hatte eine Vorliebe für Blitz und Donner. (imago / Science Photo Library)

Das Reden über das Wetter ist eine friedliche Sache. Höchst selten wird über das Wetter gestritten. Alle Wettertalker scheinen ein gemeinsames Ziel zu haben: Sie sind einem philosophisch existentiellen Sinn auf der Spur.

Gespräche über das Wetter haben keinen guten Ruf. Sie gelten als Smalltalk, einfallslose Mittel zur Kontaktaufnahme, unbeholfene Lückenfüller. Zu Unrecht. Denn das Reden über das Wetter unterliegt eigenen, eher ungewöhnlichen Bedingungen. Zum einen ist es ein Reden, das nichts verändern wird – kein Wettergott mehr, der sich gnädig stimmen ließe –, zum anderen kommt die Rede über das Wetter einem stillschweigenden Friedensabkommen gleich. Streiten geht da nicht. Selbst bei einem Dissens – falls etwa jemand seine Vorliebe für anhaltenden Sommerregen kundtut – wird man einmütig bleiben, solange man beim Wetter bleibt und nicht etwa auf den Klimawandel umschwenkt. So mögen wir heftig gegen Regen und Kälte wettern, uns unbändig über Sonne freuen oder die Hitze verfluchen: Niemals richten sich die Emotionen gegen die Gesprächsteilnehmer, sondern gegen so etwas wie einen gemeinsamen Zuhörer, der sich selbst dazu jedoch nie äußern wird. Denn er existiert nicht mehr.

Vorliebe für Blitz und Donner

So führt gerade das, was dem Thema Wetter den Vorwurf smalltalkiger Harmlosigkeit einträgt – universell und unverfänglich zu sein – an einen Abgrund. Der zeitlebens wetterempfindliche Philosoph Nietzsche hatte eine Vorliebe für alles mit Blitz und Donner: "Das Gewitter entlud sich höchst gewaltig mit Sturm und Hagel, ich empfand einen unvergleichlichen Aufschwung", schreibt er mit zweiundzwanzig. Für viele sicher nachvollziehbar. Das Gewitter in seiner Dramaturgie aus angestauten Kräften und explosiver Entladung wurde ihm später auch Bild für das Entstehen von Gedanken und Ideen. Doch war es vor allem die moralfreie Urgewalt, die der junge Nietzsche am Unwetter schätzte, dessen hymnische Beschreibung sich wie ein Vorspiel zu späteren Philosophemen liest, etwa dem Übermenschen oder dem Willen zur Macht: "Was war mir der Mensch und sein unruhiges Wollen! Was war mir das ewige 'Du sollst' 'Du sollst nicht!' Wie anders der Blitz, der Sturm, der Hagel, freie Mächte, ohne Ethik! Wie glücklich, wie kräftig sind sie, reiner Wille, ohne Trübungen durch den Intellekt!"

Nun war das nicht immer so. Das mythische Denken wusste, wessen Intellekt und Willen zuständig war: Zeus schleuderte Blitze und donnergrollte. Gott schickte Dauerregen (die Sintflut) oder Dürren, und seine Stimme wurde als Donner vernommen. Hier war das Ohr des gemeinsamen Zuhörers noch geöffnet, und man konnte hoffen, ihn zu beeinflussen durch Opfergaben und Wohlverhalten. Mit Aufklärung und Wissenschaft schloss sich das Wetterohr, die Mythologie wurde von der Meteorologie abgelöst. Nun ist das Wetter erklärbar, sogar prognostizierbar, sehr genau bis zu 24 Stunden, ab drei Tagen wird dann der Wetterbericht wieder zum Orakel.

Beim Wettergespräch dem philosophisch existentiellen Sinn auf der Spur

Und gerade durch diese Entzauberung könnte uns jedes Wettergespräch in einem philosophisch existentiellen Sinn auf uns selbst zurückwerfen. Unsere Rede bleibt stets folgenlos für das Wetter, doch umgekehrt gilt das keinesfalls – vom Wohlbefinden bis zur existenzvernichtenden Unwetterkatastrophe. Dieses persönliche Betroffenwerden durch unpersönliche, unschuldig schuldige Kräfte widerfährt uns auch im ganz Großen: als Geborenwordensein und Sterbenmüssen. Einfluss nehmen können wir nicht.

Und so stiften wir, im Glauben, nur einfallslosen Smalltalk zu machen, in Wahrheit vielleicht immer wieder aufs Neue ein erleichterndes Bündnis nunmehr aufgeklärter, postmetaphysischer Subjekte, die sich an ein entzaubertes Universum zu gewöhnen versuchen – weil sie die nietzscheanische Euphorie über die moralfreie Natur nicht immer ganz bedenkenlos mitmachen, aber sich doch noch im Blick auf ein "Höheres" einig sein können.

Vielleicht ist in diesem Sinn der Wetterbericht sogar das letzte Orakel, das wir haben.


 

Statt eines Kommentars: Der philosophische Wetterbericht

Es beschäftigt uns nahezu täglich und kann bei fast jeder Gelegenheit als Gesprächsthema dienen: das Wetter. Wir freuen uns über Sonnenschein, Landausflüge, Sommergewitter und Badeferien, und können ebenso ausdauernd über die andauernde Hitze wie über deren ungebührliches Ausbleiben klagen.

Aber ist das Wetter, der banalste Gegenstand jedes beliebigen Small-Talks, auch ein philosophisches Thema? Gibt es Philosophen, die sich mit dem Wetter intensiver auseinandergesetzt haben? Kann man übers Wetter philosophieren? Und worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir unverbindlich-höflich übers Wetter sprechen? 4 Versuche.

2.8. 2015: Andrea Roedig: Kann man übers Wetter überhaupt philosophieren?

9.8. 2015: David Lauer: Hitze. Warum man im Warmen nicht denken kann – oder muss

16.8. 2015: Catherine Newmark: Was das Wetter mit unseren Gefühlen zu tun hat

23.8. 2015: Ulla Lenze: Blitz und Donner! Gespräche übers Wetter sind nicht harmlos

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