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Sein und Streit | Beitrag vom 10.04.2016

Der philosophische Wochenkommentar Die Spaghetti-Kirche ist clever!

Von Arno Orzessek

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Hinweisschild der "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" mit den Zeiten der sogenannten Nudelmesse in Templin; aufgenommen im November 2014 (picture alliance / dpa)
Hinweisschild der "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" mit den Zeiten der sogenannten Nudelmesse in Templin; aufgenommen im November 2014 (picture alliance / dpa)

In Brandenburg gibt es Streit um die "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters". Dabei verhält diese sich doch clever, meint Arno Orzessek. Denn die Anhänger der Spaghetti-Kirche füllen die Religionsfreiheit mit neuem Leben.

Die Sache ist kompliziert, also interessant - und Gott sei Dank witzig. 2012 hat das Finanzamt Templin der "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" be­scheinigt, tat­säch­lich "kirchliche Zwecke" zu fördern, und darum Steuerfreiheit gewährt.

Die Pastafari der Spaghetti-Kirche sehen sich selbst jedoch gar nicht als Religions-, son­dern als Welt­an­schau­ungs­gemein­schaft. Und richten ihren Überbau am erdverbundenen "Manifest des Evolutionären Humanismus" aus, das der Philo­soph Mi­chael Schmidt-Salomon verfasst hat.

Das erste der "Zehn Angebote des evolu­tio­nären Hu­manis­mus" lautet: "Diene weder fremden noch heimischen 'Göttern', sondern dem großen Ideal der Et­hik."

Allerdings fordern die Pastafari Gleichbehandlung mit Religionsgemeinschaften im Sinne des An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setzes und wollen in Templin auch künftig per Beschilderung zur "Nu­del­mes­se" bei Teigwaren und Bier ein­laden. 

Was wiederum das bierernste Kulturministerium Brandenburg nicht dul­den will. Die Spaghetti-Kir­che sei eben kei­ne Re­li­gi­onsgemeinschaft - drum weg mit den Schildern, die das christliche Fisch-Symbol mit Nudelbeilage zeigen. 

Das Ministerium klammert sich also an die Differenz von Religion und Weltanschauung, die säku­la­re Spa­ghetti-Kir­che setzt dagegen auf gleiches Recht für beide.

Klar, im Zweifel lässt sich die Differenz rasch herbeidefinieren - und zwar so: Jede Re­li­gion un­ter­stellt eine trans­zendente Wirk­lich­keit, Welt­an­schauungen beschränken sich auf innerweltliche Un­ter­stel­lungen.

Aber rechtfertigt das die Ungleichbehandlung in der uckermärkischen Schilder-Frage?

Kein rechtlicher Anspruch auf Freiheit von Religiosität

Der amerikanische Physiker Bob­by Henderson hat das "Flie­gen­de Spa­ghet­ti­mon­ster" 2005 doch eigens er­schaffen, um religiöse Privilegien, die auf Ab- und Jenseitiges gründen, zu kritisieren. Vor allem pa­ro­dierte seine lässige Nudel-Gottheit die Lehre vom "Intelligent Design", deren An­hän­ger an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen glau­ben, die Evolutionstheorie verteufeln und an Schu­len Kre­a­tionismus gelehrt sehen wollen. Henderson beantragte, auch das Monster zu lehren.

Eine verblüffende Aktion, keine Frage: Ausgerechnet eine Kirche zu gründen, um Religionsfreiheit als Frei­heit von Re­li­gi­on durchsetzen zu können.

Andererseits: ganz schön clever!

Denn theoretische Religionskritik ist nur das eine. Es gibt sie, seit die Vor­so­kratiker mytho­lo­gi­schen Welt­erklä­rungen logische entgegengesetzt haben. Die Aufklärung diente der Be­frei­ung ref­lek­tie­ren­der Menschen aus ihrer religionsbedingten Unmündigkeit. Kant akzeptierte gerade mal eine diesseitige Vernunft­religion. Im heißen Bannstrahl von Feu­erbach, Marx und Niet­zsche ver­dampf­ten Gott und Götter.

Heute verkünden die weltweit verbreiteten "Brights", un­ter ihnen der Biologe Richard Dawkins und der Philosoph Daniel Dennet, ihr na­tu­ralistisches Weltbild sei restlos gereinigt vom Aber­glau­ben an Über­natür­li­ches. 

In halbwegs liberalen Gesellschaften geht das allemal problemlos: Dass man sich von Religio­sität komp­lett frei­macht. Allerdings kann man auf diese - ne­ga­tive - Freiheit keine rechtlichen An­sprüche gründen. Man bleibt auf sein Unglaubensbekenntnis beschränkt.

Mit empirischem Beweis reich werden

Die tapferen Pastafari dagegen, die tun wirklich was, auch über Templins Beschilderung hinaus. Als Spa­ghetti-Kirche organisiert, sind sie der Stachel im Fleisch der pseudo-säkularisierten Ge­sell­schaft und das Trojanische Pferd hinter den Kirchenmauern der Konfessionen.

In Neuseeland können sich Lesben und Schwule nur in der Spaghetti-Kirche kirchlich trauen las­sen, und zwar von Päpstin "Ministeroni". In Polen verweigerten hohe Behörden der Spa­g­hetti-Kir­che da­gegen die Anerkennung mit dem aberwitzi­gen Argument, sie diene nicht der Missio­nie­rung - ob­wohl sie bewiesenermaßen den Pastafaria­nis­mus predigt. Auch in Österreich tobt ein Kir­chenkampf im Zei­chen der Nudel.

Kurz: Die "Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters" erfüllt den aufklärerischen Premium-Begriff "Religionsfreiheit" mit neuem Leben.

Wer ihre entspannte Lehre indessen widerlegt, kann reich werden. Führende Pastafari si­chern dem­jenigen eine Million Dollar zu, "der empirische Beweise [dafür] erbringen kann, dass Jesus nicht der Sohn des Fliegenden Spaghettimonsters ist."

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