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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2006

Der Papst und der Rebell

Freddy Derwahls Doppelbiografie über Joseph Ratzinger und Hans Küng

Rezensiert von Thomas Kroll

Papst Benedikt XVI. erteilt bei seiner ersten Ostermesse den Segen Urbi et Orbi (AP)
Papst Benedikt XVI. erteilt bei seiner ersten Ostermesse den Segen Urbi et Orbi (AP)

Leidenschaft für die Kirche hatte Joseph Ratzinger und Hans Küng zusammengeführt, zu Freunden und Weggenossen werden lassen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil tut sich jedoch ein immer größer werdender Graben zwischen den beiden großen Theologen auf. Küng wird die Lehrerlaubnis entzogen, er gerät ins kirchliche Abseits; Ratzinger hingegen wird Bischof, Kardinal, Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich Papst.

Es liest sich phasenweise wie ein Agentenroman. Herbst 2005: Nach seinem Vortrag vor namhaften Naturwissenschaftlern und Philosophen in Potsdam anlässlich des Einstein-Jahres sitzt Hans Küng "versteckt hinter hohen Zeitungsseiten" im Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Rom. Tags drauf bringen zwei dunkel gekleidete Herren den Theologen – immer noch incognito – in einer schwarzen Limousine in die Albaner Berge, in die Sommerresidenz des Papstes. 48 Stunden später geht bei der Deutschen Presse Agentur folgende Meldung ein:

"Am Samstag, dem 24. September 2005, fand in freundschaftlicher Atmosphäre ein Gespräch zwischen Papst Benedikt XVI. und Professor Hans Küng (Tübingen) statt. Beide Seiten waren sich einig, dass es nicht sinnvoll sei, im Rahmen dieser Begegnung in einen Disput über die Lehrfragen einzutreten, die zwischen Hans Küng und dem Lehramt der katholischen Kirche bestehen. ..."

Die Brisanz der schlichten Meldung und der vierstündigen Begegnung – zunächst im Arbeitszimmer, dann am Esstisch – liegt auf der Hand: Mehr als zwanzig Jahre hatte Küng um eine Audienz bei Papst Johannes Paul II. ersucht – ohne Erfolg. Der neue Papst, kein halbes Jahr im Amt, doch jahrelang Küngs eigentlicher theologischer Antipode, lädt ihn zum Treffen nach Castel Gandolfo ein.

Wer die tiefere Bedeutung des Treffens verstehen, wer mehr von den Konflikten erfahren möchte, die die beiden großen Theologen miteinander verbinden, dem sei Freddy Derwahls Doppelporträt empfohlen. Von Beginn an verknüpft der belgische Autor und Filmemacher die Lebensfäden der beiden Protagonisten, die sich 1957 anlässlich einer Dogmatiker-Tagung erstmals begegnen, mit Einblicken in die jüngste Kirchengeschichte.

"Seit den 60er Jahren betrachte ich Küng und Ratzinger wie zwei ältere Brüder. Ich habe sie sehr geliebt, doch waren beide im Streit von zu Hause weggegangen. Der eine polternd, die Pauke des Protestes schlagend; der andere pikiert auf leisen Sohlen. ... Die 'älteren' Brüder hatten für die flüchtige Zeit eines Kirchenfrühlings der alten Mutter Kirche den Staub aus den Gewändern geblasen und allen den Blick für neue Horizonte geöffnet."

Derwahl nimmt die Leser zunächst mit in die vorkonziliare Zeit des Aufbruchs und verfolgt sodann das Wirken des Deutschen und des Schweizers im Verlaufe des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Berater von Kardinal Frings (Köln) und der Berater von Kardinal König (Wien) werden Freunde. Wenige Jahre später holt Hans Küng den Kollegen an die theologische Fakultät der Universität Tübingen. Küng fährt mit einem schicken Alfa Romeo zu den Vorlesungen, Ratzinger mit dem Fahrrad – daher der Titel des Buches.

"Ich lese da nicht 'Großkotz' gegen 'Bescheidenheit' heraus, vielmehr dies: Hans Küng war einfach der Mann der modernen technischen Intelligenz, ihn faszinierte die Maschine, der explosionsartig sich entwickelnde Fortschritt in den Naturwissenschaften. ... Und wiederum Ratzinger: Dass er mit dem Fahrrad kam, war nicht Ausdruck seines Hinterwäldlertums oder einer antiquierten Einstellung. Er war einfach ein anderer Charakter ... Er hatte nie Glamour, aber eine intellektuelle Ausstrahlung, die auf stillere Weise anzog. ... Der eine ein Realist, der andere ein Idealist."

Nach den Studentenunruhen 1968 trennen sich die Wege der beiden Männer. In der katholischen Theologie geht es seinerzeit um die Deutungshoheit über das Konzil. Auch hier gehen Küng und Ratzinger unterschiedliche Wege. Der Fortgang der Biografien ist bekannt: Küng wird dank theologisch brisanter Bücher wie "Die Kirche und Unfehlbar? Eine Anfrage", dank Bestseller wie "Christ sein" zum Inbegriff einer modernen, weltoffeneren Kirche. 1979 wird dem Schweizer die Lehrerlaubnis entzogen, 2004 feiert er sein Goldenes Priesterjubiläum. Ratzinger entscheidet sich für den Weg der Loyalität zur Kirche, kommt via Regensburg und München nach Rom und wird schließlich Papst Benedikt XVI.

Derwahl, zur Zeit Stadtschreiber von Antwerpen, hält mit seinen Ausführungen geschickt die Waage, verteilt keine Siegerpunkte. Mitunter kommentiert er kritisch die vorliegenden Autobiographien der beiden Theologen und rückt das eine oder andere ins rechte Licht. Er gewährt interessante Einblicke in die deutsche Theologenszene; er beleuchtet Ratzingers Nähe zu Hans Urs von Balthasar und deren Distanz zu Karl Rahner, er beschreibt Küngs Beziehungen zu Karl Barth und Ernst Käsemann. Menschliches, allzu Menschliches wird da sichtbar. Und so drängt sich bei der Lektüre mitunter die Vermutung auf, ob es angesichts des Ringens der beiden Protagonisten nicht um zwei Seiten derselben Medaille geht, ob da nicht, gewissermaßen personalisiert, das vor Augen geführt wird, worum ein jeder Christ ernsthaft ringen muss – um die Vermittlung von Tradition und Moderne, von Offenbarung und Vernunft.


Freddy Derwahl: Der mit dem Fahrrad und der mit dem Alfa kam.
Benedikt XVI. und Hans Küng – ein Doppelporträt

Pattloch Verlag: München 2006
320 Seiten, 19,90 Euro

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