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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.07.2009

Der Mythos vom arischen Jesus

Von Hajo Goertz

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Gekreuzigter Jesus Christus an einem Feldkreuz (AP)
Gekreuzigter Jesus Christus an einem Feldkreuz (AP)

Eine Facette des christlichen Antijudaismus ist der Mythos vom arischen Jesus, der im 19. und 20. Jahrhundert Urständ feierte, und unter Hitler den Holocaust ideologisch untermauern sollte. Trotz dieser verbrecherischen Auswirkungen halten bis heute christliche beziehungsweise esoterische Fundamentalisten an diesem Mythos vom arischen Jesus fest.

Joseph ist Mitte 20 und dilettiert mit einem autobiographischen Roman in Tagebuchform.

"Ich bin dabei, in mir die alte Glaubenswelt zu zertrümmern."

Notiert der Protagonist. Der Autor nennt ihn Michael und will – nach dem Untertitel – "ein deutsches Schicksal" vorführen. Joseph, der Verfasser, stammt aus katholischem Haus und hat ein Ordensgymnasium besucht, jetzt, 1923, ist der eben promovierte Germanist arbeitslos und schreibt sich seinen Frust von der Seele.

"Eine Erleuchtung ist über mich gekommen. Ich schreibe ein Drama. Der Held ist Jesus Christus."

Sein Gott sei ein Gott der Stärke, bekennt Michael, will sagen Joseph. Dieser Gott lasse sich nicht durch Weihrauchdampf vernebeln und durch die Unterwürfigkeit der Masse Mensch entehren.

"Ich halte Zwiesprache mit Christus. Ich glaubte, ihn überwunden zu haben, aber das waren nur seine Götzenpriester und falschen Trabanten. Christus ist hart und unerbittlich. Er peitscht die jüdischen Händler aus dem Tempel heraus."

Der Jesus, der die Knute schwingt, ist ein verbreitetes Bild in diesen Zeiten eines verlorenen Krieges und des Versailler Friedensvertrags, den viele Deutsche als Diktat der Sieger und Demütigung empfinden. Für die desolate politische und wirtschaftliche Lage werden die Juden in Europa mitverantwortlich gemacht. Christus mit der Peitsche, der die jüdischen Geschäftemacher vertreibt, das ist ein Kraftmensch, das ist ein Gott für die Deutschen – nicht das Lamm Gottes, das sich wehrlos hinschlachten lässt.

"Wir modernen Deutschen sind so etwas wie Christussozialisten. Christus ist das Genie der Liebe, als solches der diametralste Gegenpol zum Judentum, das die Inkarnation des Hasses darstellt. Der Jude bildet eine Unrasse unter den Rassen der Erde. … Christus ist der erste Judengegner von Format… Der Jude ist die menschgewordene Lüge. In Christus hat er zum erstenmal vor der Geschichte die ewige Wahrheit ans Kreuz geschlagen."

Folglich hält Michael in seinem Tagebuch fest:

"Christus kann gar kein Jude gewesen sein. Das brauche ich erst gar nicht wissenschaftlich zu beweisen, das ist so."

Michaels Tagebuch sei ein "Denkmal deutscher Inbrunst und Hingabe, das erschüttern und trösten will", beansprucht der Autor, doch er findet zunächst keinen Verleger. Erst ein halbes Jahrzehnt später kommt das Machwerk heraus. Da ist sein Verfasser bereits Chefpropagandist der NSDAP. Sein Name: Joseph Goebbels.

Kurz darauf entlarvt der nationalsozialistische Chefideologe Alfred Rosenberg – wie er meint – den "Mythus des 20. Jahrhunderts". Eine der historischen Fehldeutungen, die er entmythologisieren will:

"Die große Persönlichkeit Jesu Christi, wie immer sie auch gestaltet gewesen sein mag, wurde gleich nach ihrem Hinscheiden mit allem Wust des vorderasiatischen, des jüdischen und afrikanischen Lebens beladen und verschmolzen."

Rosenberg klärt seine Zeitgenossen auf, wie der Mythos eines jüdischen Jesus entstanden sei:

"In Kleinasien übten die Römer ein straffes Regiment aus und trieben unerbittlich ihre Steuern ein; in der unterdrückten Bevölkerung entstand folglich die Hoffnung auf einen Sklavenführer und Befreier: das war die Legende vom Chrestos. Von Kleinasien gelangte dieser Chrestosmythus nach Palästina, wurde lebhaft aufgegriffen, mit dem jüdischen Messiasgedanken verbunden, und schließlich auf die Persönlichkeit Jesu übertragen. Diesem wurden neben seinen eigenen Predigten die Worte und Lehren der vorderasiatischen Propheten in den Mund gelegt und zwar in der Form einer paradoxen Überbietung altarischer Forderungen, wie zum Beispiel des Neun-Gebote-Systems, das schon vorher von den Juden in ihren zehn Verboten für sie selbst zurechtgestutzt worden war."

Nazi-Ideologe Rosenberg zieht eine radikale Schlussfolgerung:

"Abgeschafft werden muss danach ein für allemal das sogen. Alte Testament als Religionsbuch. Damit entfällt der misslungene Versuch der letzten anderthalb Jahrtausende, uns geistig zu Juden zu machen, ein Versuch, dem wir u.a. auch unsere furchtbare materielle Judenherrschaft zu danken hatten."

Notfalls müssten auch die Evangelien neu verfasst werden, um Christus für die seinerzeitige Gegenwart als Vorbild herauszustellen:

"Jesus erscheint uns heute als selbstbewusster Herr im besten und höchsten Sinne des Wortes. Sein Leben ist es, das für germanische Menschen Bedeutung besitzt, nicht sein qualvolles Sterben, … Der gewaltige Prediger und der Zürnende im Tempel, der Mann, der mitriss und dem ,sie alle’ folgten, nicht das Opferlamm der jüdischen Prophetie, nicht der Gekreuzigte ist heute das bildende Ideal, …"

Alfred Rosenberg meint, die christlichen Kirchen müssten sich darauf einstellen, und er hält den Kirchenführern Entwicklungen in der Kunst vor:

"Eine Deutsche Kirche wird nach und nach in den ihr überwiesenen Kirchen anstelle der Kreuzigung den lehrenden Feuergeist, den Helden im höchsten Sinn darstellen. Schon fast alle Maler Europas haben das Gesicht und die Gestalt Jesu aller jüdischen Rassenmerkmale entkleidet. So verzerrt durch die Lamm-Gottes-Lehren sie auch ihren Heiland malen mussten, bei allen Großen des nordischen Abendlandes ist Jesus schlank, hoch, blond, steilstirnig, schmalköpfig. Auch die großen Künstler des Südens haben für einen krummnasigen, plattfüßigen Heiland kein Verständnis gehabt. … Der ganzen deutschen Künstlerschaft, die sich heute an Spargeln- und Gurkenstilleben abmüht, ist mit dem neuen Reich eine ebenso große Aufgabe gestellt, wie dem Sorger um die deutsche Seele."

"Die Karriere des arischen Jesus geht einher mit einem Wandel des Männlichkeitsideals. Seit der Reichsgründung wächst der Bedarf an einer aggressiven Männlichkeit, die dem Winkelmannschen Ideal von edler Einfalt und stiller Größe und kosmopolitischer Ausrichtung eine Absage erteilt. Im gleichen Zug wird den Juden in miteinander vernetzten politisch-militärisch-medizinischen Diskursen Männlichkeit abgesprochen."

Martin Leutzsch, Professor für evangelische Theologie in Paderborn, untersucht diesen absonderlichen Auswuchs des Antisemitismus und christlichen Antijudaismus.

"Der Mythos vom arischen Jesus ist eine Variante einer umfassenderen Strömung in der neueren west- und mitteleuropäischen, insbesondere der deutschen Religionsgeschichte. Seit Idealismus und Frühromantik wird in Intellektuellenkreisen der Bedarf einer neuen Religion angemeldet."

Angestrebt werde eine Fortentwicklung der christlichen Religion verbunden mit Bemühungen um eine Kirchenreform, die dem Klerikalismus absagen will.

"Maßstab der zu erneuernden Religion wird immer stärker die Kategorie der Rasse. Religion wird funktional auf Rasse und rassisch verstandenes Volk bezogen. Arisierung und Germanisierung des Christentums sind die entsprechenden Stichworte der Träger dieser Ideen. Rasse als Norm wird dabei in enger Korrelation mit einem politischen, bald rassetheoretisch begründeten Antisemitismus verwendet. Politisch dienen diese Religionsprojekte der Elimination jüdischen Einflusses in Religion, Moral, Kultur, Gesellschaft, Staat, Kunst."

Die Hochzeit des Mythos waren die 1920er-Jahre mit dem aufkommenden Nationalsozialismus und das Dritte Reich. Evangelische deutsche Christen hingen ihm ebenso an wie namhafte katholische Theologen, etwa der später als Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils gepriesene Karl Adam.

"Der arische Jesus begegnet bereits in Hitlers ersten Reden von 1921, häufig in der Passions- und Adventszeit, oft am Ende seiner Reden, verbunden mit dem Appell eines aktiven Kampfes gegen das Judentum. Hitlers arischer Jesus reduziert sich oft auf den Geißel schwingenden, die Händler aus dem Tempel treibenden Jesus des Johannesevangeliums. Mit ihm hatte sich Hitler zeitweise, öffentlich eine Nilpferdpeitsche schwingend, identifiziert."

Jesus sei ein Germane gewesen, behauptet Hitler im November 1922 im Interview einer Münchener Zeitung, einen Monat später betont er in München vor NSDAPlern:

"Die christliche Religion ist nur für die Arier geschaffen, für die anderen Menschen ist sie widersinnig."

Christus war arischen Blutes, erklärt er in einer NSDAP-Versammlung in Dingolfing im Dezember 1925. Wörtlich versichert er vor Parteigenossen in Rosenheim im April 1921:

"Ich kann mir Christus nicht anders vorstellen als blond und mit blauen Augen, den Teufel aber nur in der jüdischen Fratze."

Bis zum Ende hält Hitler an dieser Vorstellung fest. So notiert der Stenograph Heinrich Heims aus den Monologen im Führerhauptquartier im Oktober 1941:

"Das Christentum war alles zerstörender Bolschewismus. Dabei hat der Gäliläer, den man später Christus nannte, etwas ganz anderes gewollt. Er war ein Volksführer, der gegen das Judentum Stellung nahm. Galiläa war sicher eine Kolonie, in welcher die Römer gallische Legionäre angesiedelt haben, und Jesus war bestimmt kein Jude. Die Juden nannten ihn ja auch einen Hurensohn, den Sohn einer Hure und eines römischen Soldaten."

Noch Ende November 1944 hält die Mitschrift die Äußerung Hitlers fest:

"Jesus war sicher kein Jude, denn einen der ihren hätten die Juden nicht den Römern und dem römischen Gericht ausgeliefert, sondern selbst verurteilt. Vermutlich wohnten in Galiläa sehr viele Nachkommen römischer Legionäre (Gallier), und zu ihnen gehörte Jesus. Möglich, dass seine Mutter Jüdin war. Jesus kämpfte gegen den verderblichen Materialismus seiner Zeit und damit gegen die Juden."

Hitler ist nicht der erste, der sich einer alten jüdischen Polemik gegen das Christentum bedient, wonach ein römischer Soldat namens Panthera der Vater Jesu sei; keineswegs neu ist auch die Wortklitterung, der Name Galiläa – hebräisch ha galil, "Bezirk, Grenzregion" – habe etwas mit dem lateinischen Gallia zu tun, dem Gebiet der Galli, wie die Römer die Kelten nennen. Der Mythos vom arischen Jesus ist also keine Erfindung der Hitlers, Goebbels’ und Rosenbergs. Illustre Namen der deutschen Geistesgeschichte finden sich unter den Anhängern. Martin Leutzsch:

"Der erste, der Jesu Volkszugehörigkeit als nichtjüdische verstehen will, ist Johann Gottlieb Fichte. Eine von ihm 1804 notierte Idee findet 1806 Eingang in die 'Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters'."

Das ist damals ein geschichtsphilosophischer Bestseller; Fichte bezweifelt, ob 'Jesus aus jüdischem Stamme sey'. Ein halbes Jahrhundert später behauptet Arthur Schopenhauer, das Christentum komme eigentlich aus Indien, denn Christus sei ein Buddha, der die Erlösung von der Welt durch Selbstverleugnung lehre. Nachfolgend setzt Richard Wagner Christus mit dem Germanengott Wotan gleich und mit Siegfried, dem strahlenden und meuchlings ermordeten Helden seines Rings der Nibelungen.

Der Bayreuther Wagner-Clan und seine Anhänger werden danach zum Trendsetter und entwickeln, wie Leutzsch sagt, die Elemente der Standardargumentation:

""Galiläa sei schon Jahrtausende vor Christi Geburt von Nichtsemiten – und die werden jetzt mit Ariern gleichgesetzt – besiedelt gewesen. Auch unter israelitisch-jüdischer Hegemonie sei die arische Bevölkerung in der Überzahl gewesen. Die einige Zeit vor Jesus erfolgte Zwangskonversion der Bewohner Galiläas habe den Rassenunterschied nicht aufgehoben. Die Auskünfte der Evangelien über Jesu jüdische und auf die Dynastie Davids zurückgehende Herkunft seien nachträgliche Konstruktion."

Historiker und Naturwissenschaftler, Theologen und Schriftsteller mit ihren Romanen variieren das Thema. Bei Hitler wird der Mythos dann zur Tat:

"Hitler hat, wenn nicht alle Indizien täuschen, an das, was er zu diesem Bereich geschrieben und gesagt hat, wirklich geglaubt."

Stellt der katholische Pastoraltheologe Rainer Bucher fest. Der Professor an der Universität Graz hat sich mit Hitlers Theologie befasst.

"Diese Theologie war wirklich handlungsleitend. Sie kann meines Erachtens erklären, warum Hitler die Ausmordung des europäischen Judentums und überhaupt den Krieg noch weiter betrieb, als selbst für ihn unübersehbar war, dass beides – also die Ermordung des europäischen Judentums wie die Fortsetzung des Krieges – sowohl ihn wie Deutschland vernichten wird."

Mit der deutschen Katastrophe von Holocaust und Weltkrieg ist der Mythos vom arischen Jesus keineswegs völlig untergegangen, wie Martin Leutzsch beobachtet:

"Einige Ausläufer des Religionsprojekts gibt es nach 1945.Von Otto Hanisch, der sich Otoman Zar’adusht Ha’nisch nannte, wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Mazdaznan-Bewegung begründet, in deren Veröffentlichungen sich der arische Jesus bis heute findet. In der von H. Spencer Lewis 1916 in den USA begründeten Rosenkreuzer-Gemeinschaft Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis wird Jesus als vornehmer ägyptischer Arier propagiert, mit entsprechenden Abbildungen bis heute. Als religiöse Neugründung kommt 1957 Franz Musfeldts Goden-Orden hinzu, zu dessen artgemäßem und naturverbundenen Glauben ein nordischer Jesus gehört. In den USA vertritt derzeit und das schon seit mehreren Jahrzehnten vor allen Dingen das Christian Identity Movement den arischen Jesus, auch über Internet."

Nichts ist so absurd, dass es nicht doch von irgendwem behauptet wird – dieses Wort Ciceros scheint selbst im Zeitalter aufgeklärter Wissenschaft noch zu gelten.

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