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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.03.2013

Der Moment, der alles ändert

Hartmut Lange: "Das Haus in der Dorotheenstraße", Diogenes Verlag, Zürich 2013, 125 Seiten

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Blick über den Teltowkanal im Park von Schloss Babelsberg (Sabine Wuttke)
Blick über den Teltowkanal im Park von Schloss Babelsberg (Sabine Wuttke)

Berlin - immer wieder thematisiert der Schriftsteller Hartmut Lange seine Heimatstadt. Jetzt gibt es einen neuen Band mit Novellen von ihm: Fünf Geschichten, die im Südwesten der Stadt spielen und durch die sich der Teltowkanal wie ein roter Faden zieht.

Von unerhörten, unerklärlichen Begebenheiten erzählt Hartmut Lange in seinen fünf neuen Novellen. Ein Schwarm Krähen fliegt Mitte August immer um die gleiche Stunde, kurz vor der Abenddämmerung, um Punkt acht Uhr über eine Lichtung nach Norden. Man sieht sie, wenn man auf einer Brücke steht, die die Berliner Bezirke Teltow und Zehlendorf miteinander verbindet. Aber wem soll das schon auffallen? Wer schaut jeden Abend in dieser verlassenen Gegend um die gleiche Zeit in den Himmel?

In der ersten Novelle dieses neuen Bandes des Berliner Autors ist es ein Taxifahrer, der beobachtet, dass die schwarzen Vögel sich offenbar nach der Uhr richten - und immer pünktlich sind. Der Mann war einmal Architekt, aber das spielt nur eine nebensächliche Rolle. Er ist vor allem ein genauer Beobachter und ein trauriger Mensch. Seine Frau ist überraschend gestorben, er ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, wollte keine Erinnerungen mehr ans frühere Leben. Und dann sitzt der Nachmieter in seinem Taxi.

Er fährt ihn an seine alte Adresse, und plötzlich kann er sich nicht mehr wehren gegen die Bilder und Gedanken. Er muss die alte Wohnung, ein Bild wiedersehen, das einmal in einem besonderen Moment wichtig war, in dem seine Frau "die Ewigkeit eines Augenblicks" gesehen hatte. Er sucht die Spuren dieses Augenblicks, des Glücks. Und als er sie nicht finden, ihnen nicht begegnen kann, verschwindet der Mann wortwörtlich aus der Geschichte. Nicht ohne vorher die Krähen noch einmal gesehen zu haben.

Ein Vogel "aus der Familie der Rabenvögel" spielt auch in der zweiten Geschichte eine wichtige Rolle: Der "Bürgermeister von Teltow" wird von einer Krähe verfolgt, die außer ihm allerdings niemand sehen kann. Eben sowenig wie die Cellistin, die der Ich-Erzähler einer anderen Novelle hört und sieht, real ist. Aber was ist schon wirklich, worauf kann man sich verlassen in seinen Empfindungen und Wahrnehmungen?

Hartmut Lange erzählt von unerhörten Begebenheiten ganz unaufgeregt. Eine Frau sieht den Schatten ihres Mannes, der ist aber gar nicht in der Nähe des Hauses, ein Journalist hört den vermeintlichen Liebhaber seiner Frau am Telefon kichern. Der Nebenbuhler muss in seinem Haus sitzen, das er wegen eines Jobs verlassen hat.

Langes Protagonisten gehören nach Berlin, sie bewegen sich hier ganz selbstverständlich, sie scheinen ein beschauliches Leben zu führen - und werden von einem Augenblick zum anderen aus ihren ruhigen Verhältnissen geworfen. Andere Autoren erzählen ausführlich von diesem Loch, das sich in Biografien plötzlich auftun kann, sie schreiben dickleibige Romane, Hartmut Lange gelingt es auf wenigen Seiten und mit einem sicheren Gefühl für die Geheimnisse menschlicher Existenz, eindrucksvoll vom Erschauern, von diesem Moment zu berichten, der alles ändert.

Manchmal ist es ein unsichtbarer Vogel, manchmal eine tote, aber dennoch existente Musikerin und manchmal ein Schatten, den es nicht geben kann: Die Augenblicke der Erkenntnis sind düster und irrational. Von ihnen hellsichtig zu erzählen, - das gelingt Hartmut Lange immer wieder ganz selbstverständlich und überzeugend.

Besprochen von Manuela Reichart

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße
Diogenes Verlag, Zürich, 2013

125 Seiten, 19,90 Euro

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