Der Mensch nimmt gerne Maß

19.01.2009
Die Autoren Luise Karnath und Terry Sharrer schreiben, dass das Bedürfnis nach einem Zeitkonzept in allen Kulturen zu finden ist. Ihre Erklärung dafür lautet, dass Zeit eine der wichtigsten Größen im menschlichen Leben, nämlich die Dimension zwischen Anfang und Ende, definiert.
Wenn morgens der Wecker klingelt und uns unsanft aus dem Schlaf reißt, dann können wir uns bei den Griechen der Antike bedanken. Sie erfanden 250 vor Christus den ersten Vorläufer morgendlicher Verwünschungen. Eine Weckkonstruktion mit steigendem Wasserpegel, die nach Ablauf einer bestimmten Zeit einen mechanischen Vogel erreichte, der Kugeln fallen ließ, die auf eine Glocke schlugen.

Das Messen der Zeit gehört zu den ältesten Messungen der Menschheit. Schon vor 20.000 Jahren wurde auf Stäben die Anzahl der Tage zwischen den Neumonden markiert. So entstand eine Art Urkalender. Später folgten dann Sonnenuhren, die den Tag einteilten. Interessanterweise ist das Bedürfnis nach einem Zeitkonzept in allen Kulturen zu finden, schreiben die beiden Autoren Luise Karnath und Terry Sharrer in ihrem Buch "Eine kurze Geschichte des Vermessen". Ihre Erklärung dafür lautet, Zeit definiert eine der wichtigsten Größen im menschlichen Leben, nämlich die Dimension zwischen Anfang und Ende des Lebens.

Der Mensch nimmt gerne Maß, es scheint ihm - unabhängig davon, was er misst - ein Grundbedürfnis zu sein und zugleich ist das Maßnehmen ein Motor der Kultur, schreiben Karnath und Sharrer. Denn mit jeder Messung wird neues Wissen geschaffen. Landkarten, ferne Planeten oder der Klimawandel gehören heute aufgrund unzähliger Messungen zu unserem Alltag.

Anschaulich beleuchtet das Autorenduo diese Phänomene historisch, soziologisch und philosophisch. Erläutert wird zum Beispiel die Entstehungsgeschichte diverser Messinstrumente, ebenso wie die Auswirkungen neuer vom Vermessen bestimmter Erkenntnisse auf die Gesellschaft. Dabei tauchen alle bekannten Größen der Wissenschaftsgeschichte von Sokrates, über Avicenna, Kopernikus, Galilei, Einstein, bis Heisenberg auf. Und auch die zahlreichen großen Entdecker und Feldforschern wie Columbus, Magellan, Captain Cook und Charles Darwin werden ausführlich gewürdigt.

Doch es geht nicht nur um Längen, Größen, Weiten, neue Landkarten und Planeten in diesem Buch. Die Autoren beschäftigen sich - gemäß ihrer These: Das Messen ist ein menschliches Grundbedürfnis - auch mit ökonomischen Messverfahren, der Vermessung des menschlichen Körpers, sowie den zahlreichen Versuchen Schönheit, Intelligenz, Bewusstsein und sogar das Gewicht der Seele zu ermitteln.

Letzteres hatte ein Amerikanischer Forscher Anfang des 20. Jahrhunderts versucht. Duncan McDougall wog mehrere Todkranke während sie verstarben. Sein Ergebnis lautete, bei Eintritt des Todes verliert der Mensch 21 Gramm an Gewicht.

Dieses umfangreiche Themenspektrum zum Thema Messen, entpuppt sich als die große Stärke des Buches. Es wird deutlich, wie sich der Mensch sein alltägliches Bewertungssystem selber konstruiert. Denn abgesehen von ihrer konkreten Nützlichkeit helfen Messungen dem Menschen sich zu orientieren.

Jede Größe, welcher Art auch immer, erhält eine Bedeutung, die subjektiv von der jeweiligen Zeit und Gesellschaft geprägt ist, in der sie definiert wird. Als besonders negatives Beispiel nennen die Autoren hier das Messen des Kopfumfangs im 19. Jahrhundert und die daraus gezogenen Schlüsse auf die menschliche Intelligenz. Dies hat im 20. Jahrhundert zusammen mit der Bestimmung des Intelligenzquotienten zu Diskriminierung und Verfolgung ganzer Volksgruppen geführt.

In jeder Kultur wird mit dem Messen auch der Wert der Messergebnisse definiert. Es wird zum Beispiel entschieden, ob ein Berg groß oder klein ist, ein Mensch krank oder gesund oder ob eine Aufgabe schwer oder leicht ist, erläutern Karnath und Sharrer. Messen bedeutet somit immer ein Urteil fällen. Passend dazu lautet die Überschrift des letzten Kapitels: "Ist der Mensch das Maß aller Dinge?" Es scheint so. Denn ohne Messungen gäbe es keine Zivilisation. Neues Wissen und neue Techniken sind die Folgen des ständigen Maßnehmens und beeinflussen die Kultur.

Doch alle Messungen benötigen einen Bezugsrahmen, und den denkt sich eben der Mensch aus. Diesen interessanten Zusammenhang haben die beiden Autoren sehr verständlich und anschaulich dargestellt. Ein umfassender und zugleich kritischer Blick auf die vielen Zahlen, Daten und Statistiken von denen wir täglich umgeben sind.

Rezensiert von Susanne Nessler

Lorie Karnath und G.Terry Sharrer: Eine kurze Geschichte des Vermessens Herbig Verlag, 256 Seiten, 19,90 Euro