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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.08.2015

Der Mensch Le CorbusierBeton, Größe, Monumentalität - und Liebe?

Stanislaus von Moos im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Le Corbusier auf der CIAM Schiffspassage 1933 (gta Archiv / ETH Zürich, Nachlass Carl Hubacher)
Le Corbusier auf einer Schiffspassage 1933 (gta Archiv / ETH Zürich, Nachlass Carl Hubacher)

Was war Le Corbusier für ein Mensch? Und kann man seine Architektur auch "liebenswert" finden? Antworten von Stanislaus von Moos, dem intimsten Kenner von Le Corbusiers Schaffen.

Der Schweizer Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Stanislaus von Moos gilt als der Le Corbusier-Kenner schlechthin. Er beschäftigt sich seit einem halben Jahrhundert mit dem Werk des Architekten und hat die einzige Biografie über ihn geschrieben, die bereits 1968 erschien. Le Corbusier war einer der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, dessen Ideen allerdings längst nicht allen gefielen. Von Moos ist nach wie vor von ihm fasziniert – und er könne sich nicht von Le Corbusier lösen, auch wenn er es immer wieder versuche, sagte er im Deutschlandradio Kultur. Beton, Größe, Monumentalität: Dafür ist Le Corbusier bekannt. Er hatte aber auch eine andere Seite, berichtet von Moos, und einige Bauten des Architekten findet er sogar "liebenswert". So beispielsweise Le Corbusiers eigene Wohnung in Paris. Vor allem für sich selbst und seine Familie - "seine Lieben" - habe Le Corbusier sensibel gebaut, sagt von Moos.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Man kennt ihn als Architekten und Architekturtheoretiker, er hat Städte geplant, er hat gezeichnet, war Bildhauer und hat Möbel entworfen, die zu Klassikern wurden und es bis heute sind: Le Corbusier. Der Jahrhundertarchitekt starb heute vor 50 Jahren, und wir widmen ihm deshalb heute einen Thementag. In vielen unserer Sendungen geht es um diesen Architekten.

Und um darüber zu sprechen, haben wir uns hier in "Studio 9" verabredet mit einem Mann, der sich seit nunmehr einem halben Jahrhundert Le Corbusier und seinen Arbeiten befasst. Der Schweizer Stanislaus von Moos gilt als der Kenner des Architekten, hat 1968 die erste Biografie geschrieben. Von Moos hat Ausstellungen über Le Corbusier konzipiert, auch die im Vitra-Museum, die dann später auch im Berliner Gropius-Bau gezeigt wurde.

Er hat in Harvard, Bern und in New York gelehrt, war Professor an der TU Delft und wurde 1983 an den neuen Lehrstuhl für moderne und zeitgenössische Kunst in Zürich berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2005 gelehrt hat. Selbiges hat er auch in Princeton und Yale getan. Mit Stanislaus von Moos haben wir vor unserer Sendung gesprochen. Schönen guten Tag!

Stanislaus von Moos: Guten Tag!

von Billerbeck: Wenn man die Arbeit eines solchen Mannes liebt oder davon fasziniert ist oder begeistert, dann gibt es ja wahrscheinlich bestimmte Gebäude, die man besonders schön findet, die einem besonders gefallen oder die irgendwas in einem aufrufen. Welche sind das bei Ihnen?

Für sich selbst und seine Familie baute Le Corbusier "liebenswert"

von Moos: Liebe ist mir ein bisschen zu persönlich für meine Beziehung jetzt zu Corbusier. Er fasziniert mich, und ich kann mich nicht so recht lösen von diesem Gegenstand, versuche es immer wieder, aber Liebe ist nicht unbedingt das Wort.

Aber es gibt schon Bauten, von denen ich sagen würde, das kommt nahe an das heran, was man als Liebe bezeichnet. Ich finde, es ist erstaunlich, dass er immer dann sehr liebenswert baut, wenn er für sich selbst oder für seine Familie, für seine Lieben eigentlich baut.

Wenn Sie mich fragen, was ist ein Lieblingsbau von ihm, das ist seine eigene Wohnung in Paris, das ist ein Penthouse auf dem vierten oder fünften Stock auf einem Mehrfamilienhaus am Rande von Paris, und er hat das wirklich in einer unglaublich sensiblen Weise eingerichtet. Und das Haus selber ist übrigens auch ein interessantes Beispiel für einen kreativen, sensiblen und eigentlich auch sehr diskreten Umgang mit der Stadt. Also eigentlich ziemlich das Gegenteil von dem, was man vielleicht erwarten würde von diesem Urbanisten.

von Billerbeck: Das ist wirklich interessant, wenn Sie das erzählen. Denn wenn man sich andere Bauten, die man als erstes in den Blick nimmt, wenn man an Le Corbusier denkt, vorstellt, also diese Wohnmaschinen, dieses ja auch manchmal Brachiale, dann würde man nicht gerade das Wort "liebevoll gebaut" benutzen, wie Sie es eben für diese Privatbauten benutzt haben.

von Moos: Ja, das glaube ich auch. Ich würde das auch nicht benutzen. Die Unité d'Habitation in Marseille zum Beispiel, ich würde jetzt auch nicht unbedingt dieses Gebäude als liebreizend beschreiben. Ich finde es großartig, ich finde es monumental, ich finde es auch eine langfristig sogar überzeugende Lösung für die Wohnprobleme, die sozialen Probleme an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt – das hat ja eigentlich auch gut funktioniert, die Unité d'Habitation von Marseille.

Aber es ist nicht eine liebliche Architektur, sondern es ist wirklich eine ... Corbusier hat mal von tonischer Architektur gesprochen, also einer Architektur, die sogar etwas Abstoßendes hat und dadurch die Vitalität dessen, der sie bewohnt, anregt. Also man muss immer wieder ins Freie, man ist immer wieder herausgefordert durch die rauen Oberflächen. Also die Widerstände, die einem da entgegengestellt werden, das ist Teil dessen, was Corbusier damals für eben Qualität im Wohnen auch hielt.

von Billerbeck: Ein Werkstoff, um den man ja bei Le Corbusier nicht herumkommt, das ist der Beton. Und da gibt es ja Liebhaber und Hasser, um diese Wörter noch mal zu benutzen. Die einen können ohne Beton gar nicht, die anderen wollen ihn nicht mehr sehen, sie finden ihn grob, martialisch, brutal geradezu.

Er erlebt aber gerade so eine Art Wiederauferstehung, ja nicht nur in Bauten, die wir hier in Berlin zum Beispiel sehen können, Bundestag etc., sondern auch, wenn man sich Architekturzeitschriften ansieht oder Designportale, da wird unglaublich viel mit Beton gemacht, nicht nur in Wänden, sondern auch Möbel, Lampen etc.. War da Le Corbusier geradezu ein Visionär?

Beton war für Le Corbusier das Material der Zukunft

von Moos: Ja gut, ich meine, für ihn war natürlich der Beton seit den 10er-Jahren eigentlich das große, vielversprechende Material der Gegenwart und der Zukunft. Und in seiner Karriere hat er, kann man wahrscheinlich sagen, zwei, drei Definitionen von einem möglichen Umgang mit diesem Material gegeben.

In den 10er-Jahren das Stahlbetonskelett als Grundform eigentlich des neuen Bauens, dass dann eigentlich durch dünne Wände verkleidet würde und aus dem sich dann eben diese Regel der sogenannten fünf Punkte der neuen Architektur ergaben, mit dem flachen Dach, dem langgezogenen Fenster, dem wegdividierten Kellergeschoss, in dem dann unten frei ist. Alles möglich geworden durch die Betonskelett-Konstruktion. Das ist so eine Definition von Beton.

Und in den 50er-Jahren ist dann eben seine Obsession mit dem Sichtbeton gekommen, wo er plötzlich entdeckte, dass der Beton auch etwas ganz Anderes als eine neue Technik sein kann, sondern eher etwas, was an die Antike erinnert oder an Terrakotta. Und heute, was Sie jetzt ansprechen, ist wieder eine andere Obsession. Ich sehe vor allem den glatt polierten, in großen Flächen fast ein bisschen parfümiert auftretenden ...

von Billerbeck: Ja, weich geradezu.

von Moos: Ja, weich geglätteten Beton. Das ist wieder etwas, was Corbusier eben so nicht gemacht hat und auch wahrscheinlich nicht so interessiert hätte.

von Billerbeck: Nun haben wir viel über das Werk gesprochen. Lassen Sie uns ein bisschen über die Person reden, denn das hängt ja damit zusammen, und ich erinnere mich, als ich las, dass er sich sehr schnell bei Marschall Pétin und dem Vichy-Regime angebiedert hat, könnte man sagen – man könnte auch nüchtern sagen, er hat sehr schnell Kontakte geknüpft. Und es gibt Architektenkollegen, die sagen, der hätte auch locker und ohne zu zögern für Hitler gebaut. Wie sehen Sie da diesen Mann, den Sie so schätzen?

Der Mensch Le Corbusier glaubte an Autoritäten

von Moos: Das stimmt natürlich, da gibt es nichts zu beschönigen. Ich meine, der Mann hat an die Autorität geglaubt, er war überzeugt, dass, um die neue Stadt zu realisieren, um seine Vision zu realisieren, braucht es eine straff organisierte staatliche Organisation.

Natürlich, er wollte mit Pétain den Wiederaufbau planen. Er hat sein Leben lang sich Gedanken darüber gemacht, wie die Städte von morgen aussehen sollen. Jetzt hat der Krieg angefangen, es hat massive Zerstörungen in Frankreich gegeben. Es gibt eine neue Regierung, die plant jetzt den Wiederaufbau, und da sagt er, okay, das ist mein Moment, ich muss an diesem Wiederaufbau mich beteiligen. Das war sein Liebesdienst in Vichy.

Da gibt es gar nichts zu beschönigen. Man muss auch in Erinnerung rufen, dass, ich glaube, es war '42, wo er gesagt hat, okay, jetzt habe ich genug, die interessieren sich ja gar nicht für das, was ich will. Ich putze meine Stiefel ab bis zum letzten Körnchen und mache selber weiter. Gut, er hat sich also relativ früh von Vichy distanziert, das hat sich dann auch wieder positiv auf seine spätere Karriere ausgewirkt, weil man jahrelang nicht wusste oder glaubte vergessen zu haben, dass er tatsächlich eine nicht ganz lupenreine politische Weste hat.

von Billerbeck: Stanislaus von Moos war das, der Architekt und Le-Corbusier-Kenner über den Jahrhundertarchitekten, der heute vor 50 Jahren gestorben ist, hier bei uns am Thementag im Deutschlandradio Kultur. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

von Moos: Ja, danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das Deutschlandradio Kultur widmet Le Corbusier anlässlich seines 50. Todestages einen Thementag. Einen ausführlichen Hintergrund finden Sie hier.

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