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Thema / Archiv | Beitrag vom 11.11.2013

Der Meister der Erinnerung

Vor 100 Jahren erschien Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Jürgen Ritte im Gespräch mit Kathrin Heise

Marcel Proust, um 1900 (unbekannt)
Marcel Proust, um 1900 (unbekannt)

Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sei im Kulturleben Frankreichs immer noch sehr präsent, sagt der Übersetzer Jürgen Ritte. Er selbst sei dem Werk mit 17 Jahren verfallen: "Wenn man einmal in Proust versunken ist, kommt man seinen Lebtag nicht mehr wirklich raus."

<p><strong>Katrin Heise:</strong> "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" – in der modernen hektisch-rastlosen Gesellschaft unserer Tage scheint das Motto des Romans von Marcel Proust ja ziemlich aktuell zu sein. Vor genau 100 Jahren, am 14. November 1913, erschien der erste Teil dieses sehr umfangreichen Hauptwerkes von Proust. Es wird als epochales Meisterwerk bezeichnet, nicht nur im Bereich des Erzählerischen, er beeinflusste sozusagen auch die Philosophie, gar die Medizin und die Neurowissenschaften. Allerdings musste anfangs der Roman von Proust selbst herausgegeben werden, weil sich nämlich kein Verlag gefunden hatte. <br /><br />In dieser Woche wollen wir im Radiofeuilleton uns genauer mit Proust und seiner "Recherche", wie der Roman im Original heißt, befassen. Wir beginnen mit dem Literaturwissenschaftler, Kritiker und Übersetzer Jürgen Ritte, der gleichzeitig auch Mitbegründer und Vizevorsitzender der Marcel-Proust-Gesellschaft ist. Schönen guten Tag, Herr Ritte!<br /><br /><strong>Jürgen Ritte:</strong> Guten Tag, Frau Heise!<br /><br /><strong>Heise:</strong> Was macht diesen Roman jetzt eigentlich aus? Was ist so das ganz Besondere auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Ist es die Genauigkeit der Betrachtung, also quasi die lange, lange Zeit, die Proust sich nimmt, über die Zeit zu sinnieren?<br /><br /><strong>Ritte:</strong> Das ist es unter anderem, die Länge. Die außerordentliche Länge. Es gibt immer wieder das Zitat des französischen Autors Anatol France, der damals ein bedeutenderer Autor war als Marcel Proust und der seufzend gesagt hat, das Leben ist viel zu kurz und Proust ist viel zu lang. Aber diese Länge ist gerade das, die auf die Leser den besonderen Charme des Werkes ausmacht. Proust nimmt sich in der Tat die Zeit, alles genau zu beschreiben, alles genau zu erinnern. <br /><br />Es ist im Grunde genommen auch eine Suche nach der Erinnerung. Er misstraut der willentlichen Erinnerung, das ist die große Entdeckung Prousts gewesen: Man kann sich willentlich an etwas erinnern, aber alles das, was willentlich geschieht, ist im Grunde genommen nur eine verfälschte Erinnerung. Die wahre Erinnerung, die wahre Empfindung, so, wie es wirklich war, das ist die Offenbarung durch die berühmte unwillkürliche Erinnerung, die <em>mémoires involontaires</em>, das sind so Déjà-Vu-Erlebnisse, die man hat. Und Proust forscht diesen Déjà-vu-Erlebnissen nach, weil er glaubt, dass dort etwas von der wahren Empfindung enthalten ist.<br /><br /><strong>Heise:</strong> Da führen Sie uns auch direkt hin zu dieser berühmten Madeleine-Szene in dem Roman. Aber bevor wir uns weiter unterhalten, hören wir uns diese Szene mal an:<br /><br /><em>"Viele Jahre lang hatte von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. Ich lehnte erst ab, besann mich dann aber, ich weiß auch nicht, warum, eines anderen. Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man 'Madeleine' nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine drin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt bleib, hatte mich durchströmt."</em><br /><br /><strong>Heise:</strong> Eine Passage war das aus dem ersten Band von Marcel Prousts <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="263567" text="&quot;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit&quot;" alternative_text="&quot;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit&quot;" />. Herr Ritte, was hat es mit diesem Erlebnis eigentlich auf sich?<br /><br /><strong>Ritte:</strong> Das ist gleich zu Anfang des Romans das erste Erlebnis dieser Art. Als junger Mensch trinkt er, daran er erinnert er sich, eine Tasse Lindenblütentee, in die er eine Madeleine, das ist ein jakobsmuschelförmiges Gebäck, eintaucht, und das macht er viele Jahre später noch einmal, und in dem Moment entsteht die ganze Kindheit wieder in ihm auf, weil an dieses Geschmackserlebnis das Universum der Kindheit gebunden ist. <br /><br />Im Roman weiß er noch nicht, was das bedeutet. Im Grunde genommen ist der Roman die Geschichte der Erforschung der Bedeutung dieses Erlebnisses. Am Ende des Romans kommen lauter andere Déjà-vu-Erlebnisse, die ausgelöst sind von den banalsten Dingen des Alltags. Also das Gefühl einer frisch gestärkten Serviette an den Lippen, das Geräusch von gluckerndem Wasser in den Rohren, zwei unebene Pflastersteine, über die er stolpert, all das sind Auslöser von ganzen Erinnerungskomplexen.<br /><br /><strong>Heise:</strong> Wofür steht eigentlich "verloren" bei "verlorene Zeit"? Ist das vergeudete Zeit oder ist das unwiederbringlich vergangene Zeit, weil es eben die ganze Zeit um Erinnerungen geht?<br /><br />&quot;<strong>"Wir erleben etwas eigentlich nur retrospektiv in der Erinnerung, nie in der Gegenwart" </strong>&quot;<br /><br /><strong>Ritte:</strong> Die verlorene Zeit ist die Zeit, die uns unwiederbringlich verloren erscheint. Das ist ja der Sinn des Romans. Wir haben dort jemandem, der auf der Suche nach etwas ist, nach einer Wahrheit im Leben, nach einem Sinn im Leben, der gerne Schriftsteller werden will, aber gar kein Thema hat und nicht so recht weiß, wo es lang läuft. Und diese unwillkürlichen Erinnerungserlebnisse zeigen ihm, was Materie eines Buches sein könnte, seines Buches dann wird. <br /><br />Insofern ist es dann eine wiedergefundene Zeit, denn der letzte Band heißt ja "Le temps retrouvé", die wiedergefundene Zeit. Das heißt, vom Ende her entdeckt er, dass Zeit vergehen musste, dass Zeit verloren werden musste, damit sie überhaupt wieder erinnert werden kann, und das ist jetzt die Proustsche Finte, wenn ich so sagen darf: Nur die erinnerte, nur über die unwillkürliche Erinnerung wieder heraufbeschworene Zeit ist die wirkliche Zeit, die wir erlebt haben. Wir erleben etwas eigentlich nur retrospektiv in der Erinnerung, nie in der Gegenwart. <br /><br />Das ist sozusagen die Proustsche Konstruktion, die etwas komplex anmutet, aber auch für uns eigentlich sehr modern ist. Also immer das Gefühl zu haben, nicht wirklich in der Welt zu sein. Wir sind es erst erinnernd.<br /><br /><strong>Heise:</strong> Dieser erste Band, der jetzt vor 100 Jahren im Eigenverlag erschienen ist - warum eigentlich im Eigenverlag. Kein Verlag wollte das Buch herausgeben. Woran lag das? War die Zeit noch nicht reif für Erinnerung?<br /><br /><strong>Ritte:</strong> Ja, da gibt es auch viele Anekdoten um die Publikationsgeschichte. Er war ja schon relativ früh fertig, und 1912 hat er sich wohl bemüht, bei vielen Verlagen, damals namhaften Verlagen, hat immer ablehnende Bescheide bekommen. Die berühmteste Anekdote gilt dem damals wie heute bedeutenden Literaturverlag Gallimard. Angeblich ist das Buch unaufgeknüpft – Proust hatte einen Knoten um das Manuskript gebunden, wieder zurückgekommen mit einem ablehnenden Bescheid. <br /><br />Es lag unter anderem daran, dass man zum einen mit diesem einen Teil, mit diesem ersten Teil, nicht so recht wusste, was man damit anfangen soll. Also erst vom Ende her verstehen wir ja erst, was er meinte. Wenn jemand da lange im Bett liegt und sich hin und her wälzt und dann Kindheitserinnerungen heraufbeschwört, alles das blieb irgendwie ohne Ziel. Das versteht man erst vom Ende her. Das war das eine, dass das in der Tat etwas komplex war, eine Zumutung war zunächst. <br /><br />Das Zweite lag daran, dass Proust den Ruf eines Dandys hatte, eines reichen Müßiggängers, der sich um nichts Anständiges kümmert und der auch bis dahin wirklich eher als Dandy in Erscheinung getreten war. Wobei man übersieht, dass er auch als Übersetzer schon ein Werk hinterlassen hatte zu dieser Zeit.<br /><br /><div>

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