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Zeitfragen | Beitrag vom 02.10.2019

Der Maler Horst StrempelDiskriminiert im Osten wie im Westen

Von Natalie Kreisz

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Schwarzweißfoto des Malers Horst Strempel, der in einem Kittel in seinem Atelier sitzt und freundlich in die Kamera blickt. (Archiv Martin Strempel)
Der Maler Horst Strempel in seinem Atelier. (Archiv Martin Strempel)

Der Künstler Horst Strempel ist zwischen die Fronten des Kalten Kriegs geraten: Anfangs in der DDR gefeiert, sank sein Stern bald. Schließlich blieb nur die Flucht - doch auch die Bundesrepublik machte Strempel das Leben schwer. Eine Spurensuche.

Die Spuren zu dem Künstler Horst Strempel, der 1904 im schlesischen Beuthen geboren wurde, führen in Archive und Privatsammlungen. Vieles ist verloren gegangen oder zerstört worden. Es gibt nur noch wenige Menschen, die ihn persönlich kannten

Horst Strempel war Kommunist und 1933 nach Paris geflohen. Dort geriet er in Konflikt mit der Kommunistischen Partei, weil er Stalins Kurs nicht gutheißen konnte. 1939 wurde er in diversen französischen Konzentrationslagern interniert, 1941 einige Zeit in Deutschland. Danach schickte man ihn mit einer Einheit der Wehrmacht nach Jugoslawien und Griechenland. Schließlich kam er 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Im Sommer 1945 kommt Horst Strempel mit seiner Frau Ernestine und ihrem vierjährigem Sohn Martin nach Berlin zurück. Die Stadt liegt in Trümmern und ist in vier Sektoren aufgeteilt, über die die Alliierten befehligen. Ihre erklärten Ziele sind: Entmilitarisierung, Entnazifizierung und Demokratisierung der Deutschen.

Voller Tatendrang nach der NS-Zeit

Der Familie Strempel wird eine Wohnung mit geräumiger Dachkammer, die dem Künstler als Atelier dient, in Berlin-Halensee zugewiesen. Sogar einige Farben und Malutensilien erhält der Künstler. Auch er engagiert sich im Kulturbund und in weiteren linken Künstlervereinigungen.

Hier geht es zum Dossier 30 Jahre Mauerfall. Das Bild zeigt bunte Mauerstücke, verziert mit Spempeln, die das Brandenburger Tor zeigen.

Nach zwölf Jahren in künstlerischer Zwangslage durch die NS-Herrschaft ist Strempel voller Tatendrang. Jedes Papier und jede Pappe, die er ergattern kann, wird für kreative Arbeiten genutzt.

Im Juni 1947 wird die neue Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee offiziell eröffnet. Strempel ist als Dozent verpflichtet. Lehrer und Studierende müssen improvisieren. Die leeren Räume werden nach und nach mit gespendeten Tischen, Stühlen und Reißbrettern bestückt. Horst Strempel pendelt täglich vom amerikanischen in den sowjetischen Sektor.

1947 wurde er schlagartig bekannt

Mit "Nacht über Deutschland" wird Horst Strempel 1947 bekannt. Das große, düstere, in Braun- und Grautönen gemalte Triptychon wird zu einer Ikone der Nachkriegskunst, einem "Monumentalbild der Selbstbesinnung".

Wie ein christliches Altarbild besteht es aus drei großen Bildtafeln nebeneinander und einem flachen Sockelbild – der Predella, die quer unter dem Mittelstück hängt.

"Gleich als ich aus dem Krieg nach Hause kam, habe ich mich an die Arbeit begeben. Nachdem während dem Krieg eine ganze Reihe von Studien, die zum Teil aus Erlebnissen und aus Erzählungen mit Gefangenen in Lagern notiert waren – in kleinen Skizzenblättern – bin ich dann an diese Arbeit gegangen. Es war im Großen und Ganzen eine Fertigstellung, während eben das Skizzenmaterial und die gedankliche Vorarbeit schon lange vorlag. Das Mittelteil ist diese ungeheure Unterdrückung, die Konzentrationslager die menschenunwürdige Behandlung der Gefangenen, der Kinder, die die Arme hochrecken und die tätowierten Arme haben. Der linke Flügel ist die Angst schlechthin, die Bombennächte – in einer Frau konzentriert, die auf der Kellertreppe sitzt und Angst hat. Der rechte Flügel ist die jüdische Familie mit dem Judenstern, mit dem Davidstern, der damals ja ein Zeichen der Unwürdigkeit war, des Untermenschentums war. Die Predella ist der Widerstand. Unter dem ganzen Kriegsgeschehen sind doch Menschen dagewesen, die gegen die Geschichte gearbeitet haben."
- Horst Strempel im RIAS, 1959

Als einen "Altar der Hitlerzeit, der unter dem Titel 'Nacht über Deutschland' einer verirrten Zeit ihr Denkmal errichtet", bezeichnet Edwin Redslob das Gemälde 1947 im Tagesspiegel.

Kontroverse um Strempels Wandgemälde

Im Sommer 1948 überschlagen sich die Ereignisse: Auf die Währungsreform im Westen am 20. folgt am 24. Juni die Blockade West-Berlins durch die sowjetische Besatzungsmacht. Die Spaltung Berlins wird immer tiefer.

Die Direktion der deutschen Reichsbahn beauftragt Strempel, seinen Entwurf für ein großes Wandbild mit dem Titel: "Trümmer weg. Baut auf!" an Berlins wichtigstem Verkehrsknotenpunkt zu verwirklichen.

"Das Bild wurde in der breiten Öffentlichkeit sehr intensiv diskutiert", erinnert sich Martin Strempel, Hans Strempels Sohn. "Der Tagesspiegel machte sich fürchterlich lustig über das Bild, weil es genau über der Schalterhalle war, wo man die Fahrkarten kaufte. Aber genau an dem Fahrkartenschalter war auch links 'Herren' und rechts 'Damen', so dass der Tagesspiegel spottete, ja über den Damen- und Herrenklosetts das großartige Bild, gemalt von Strempel."

Im Westen nutzt man das Bild vor allem, um die Politik im Osten zu kommentieren: Strempels Figuren seien keine Berliner, kritisiert der West-Berliner Kurier, sondern "Einheitsmenschen östlicher Prägung".

Sozialistischer Realismus als ästhetische Staatsdoktrin

Im Ostteil der Stadt wird der Ton nach anfänglichem Lob zusehends schärfer. Der Reichsbahnpräsident, Willi Kreikemeyer, muss seine Zustimmung zu Strempels Entwurf öffentlich erklären. Die meisten Kritiker stören sich an der expressiven, angeblich "bürgerlich dekadenten" und "unnatürlichen Darstellung" der Arbeiter im Mittelteil. Im November 1948 schaltet sich der sowjetische Kulturoffizier Dymschitz in die Diskussion ein.

"1948 beginnt dann in der Zeitung der sowjetischen Militäradministration der Formalismusstreit", erklärt Professor Karl-Siegbert Rehberg von der TU Dresden. "Das ist die Übertragung des stalinistischen Ästhetik-Modells, des von Stalin durchgesetzten 'Sozialistischen Realismus'. Wer schon mal eine Ausstellung mit Bildern aus der Stalinzeit gesehen hat, wird die unglaubliche Naivität der Bilder vielleicht sehen. Aber es sind Bilder, die sollten volksnah sein, die sollten Stalin als den Vater des Vaterlandes zeigen. Die sollten die neuen Produktionsmittel zeigen. Diese Fortschrittlichkeit sollte genau denen Bilder liefern, die diese Fortschrittlichkeit erarbeiten.

Das Wandbild im S-Bahnhof wird überstrichen

Der Formalismusstreit lodert Monat für Monat stärker auf. Am 20. Januar 1951 erscheint ein vernichtender Artikel unter dem Pseudonym N. Orlow, mit dem Titel: "Wege und Irrwege der modernen Kunst". Abgebildet ist hier u.a. der linke Flügel aus Strempels "Nacht über Deutschland" als abschreckendes Beispiel. Daraufhin verschwindet das Triptychon, wie viele andere Werke dieser Zeit, für Jahrzehnte im Archiv. In der Zeitschrift "Junge Welt" wird die Übermalung von Strempels Wandbild im Bahnhof Friedrichstraße gefordert.

Am 26. Februar wurde das Wandbild schließlich über Nacht überstrichen, erinnert sich Martin Strempel. "Die S-Bahn fuhr damals nur bis zwei Uhr nachts und als die Arbeiter wieder morgens zur S-Bahn kamen, war das gesamte Bild futsch. Sie wollten eben, dass die ostdeutschen Maler den Weg zum sozialistischen Realismus gehen – brutaler Realismus – wie unter Stalin gepredigt. Mein Vater hat das abgelehnt. Immer und zu jeder Zeit und man dachte, wenn wir den am Haken haben, gehen die anderen im Gleichschritt. Selbst als er dort noch Professor war."

1953 – die Flucht in den Westen

Horst Strempel verteidigt sich immer wieder. Er ruft vergeblich zu mehr Besonnenheit und Differenzierung in der Diskussion auf. Als Mart Stam, Rektor der Kunsthochschule Weißensee, abgesetzt und eine Kampagne gegen die West-Emigranten entfacht wird, lässt sich Strempel beurlauben. Ihm wird Sabotage vorgeworfen.

Im Januar 1953 klingelt dann das Telefon, erinnert sich Martin Strempel:

"Er hat einen Anruf von einem leitenden Funktionär erhalten. Er hat gesagt: Strempel, auf meinem Schreibtisch liegt ein Haftbefehl für Dich. Den kann ich nicht lange herauszögern. Du musst sofort abhauen. Meine Eltern haben mir nichts davon gesagt. Sie haben einfach eine normale Aktentasche gepackt. Meine Mutter hatte auch etwas Gepäck. Und dann haben wir die Wohnung verlassen wie immer. Und wir sind dann rüber gefahren. Da haben sich meine Eltern in eine Kneipe gesetzt mit Freunden. Und da habe ich in einer Kneipe gesessen und habe erfahren, dass sie nie wieder zurückgehen werden. Das Einzige, was sie hatten, waren die beiden Aktentaschen und die Ausweise natürlich und das war’s."

Der Westen verweigert die Anerkennung

Doch Strempel "wurde die Anerkennung als politischer Flüchtling verweigert", erinnert sich sein Sohn weiter. Dies geschah "mit der Begründung, er sei ein Nutznießer eines kommunistischen Regimes gewesen. Keine soziale Unterstützung, keine Arbeitserlaubnis. Weil nicht anerkannter Flüchtling – kein Geld, nichts. Wir hätten verrecken können."

1955, zwei Jahre nach seiner Flucht, geht der "Fall Strempel" durch die Presse. Der RIAS informiert:

"Seit zwei Jahren bemüht sich der ehemalige Professor an der Hochschule für angewandte Kunst Weißensee um seine Anerkennung als politischer Flüchtling. Als das Verwaltungsgericht als letzte Instanz, seinen Antrag endgültig ablehnte, stellte er vergeblich einen Zuzugsantrag für den Bezirk Charlottenburg. Jetzt hat er einen letzten Versuch unternommen und in Tiergarten einen neuen Antrag eingereicht. Das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen und andere Stellen haben sich für ihn verwendet. Und auch die Presse hat einmütig für ihn Stellung genommen. Die Entscheidung liegt nun bei den Beamten des Bezirks Tiergarten. Wir sprechen mit dem zuständigen Referenten über die Möglichkeiten eines nicht anerkannten politischen Flüchtlings, durch einen Zuzugsantrag West-Berliner Bürger zu werden und damit auch über die Aussichten, die der Maler Horst Strempel hat. Man nennt das ja wohl Ermessensfrage."

"Das ist schon richtig", antwortet der Referent. "Das Gesetz sieht vor, dass grundsätzlich die Zuzugsstelle des Bezirksamtes über den Zuzug entscheidet, nicht der Senat. Ich bin es insbesondere gewöhnt, von meinem Bürgermeister, Herrn Meseck, der ein großes Herz hat, und ja auch für besondere Fälle, diese in großzügiger und toleranter Weise zu erledigen, soweit es natürlich Paragraphen menschenmöglich ist."

Ein Opfer beider Systeme

Im Februar 1955 erhält die Familie Strempel schließlich eine Zuzugsgenehmigung vom Bezirksbürgermeister in Berlin-Tiergarten, Willi Meseck.

"Diese doktrinäre Zuspitzung gab es in Ost und West", fasst Professor Karl-Siegbert Rehberg die Verhaltensmuster im Kalten Krieg zusammen. Aber "das war im Westen nicht staatlich organisiert, keineswegs. Aber die Abwehr des Anderen, der anderen Norm, war ganz lebendig. Und Strempel ist nun ein Opfer dieser doktrinären Phase in beiden Systemen."

Bilder von Horst Strempel haben in Privatsammlungen und in den Archiven von Museen überdauert. "Nacht über Deutschland" wurde kurz vor der Wende wieder aus dem Depot der Nationalgalerie – Ost geholt und galt zunächst als Inkunabel antifaschistischer DDR-Kunst, später dann als bedeutende Ikone gesamt-deutscher Selbstbesinnung. Als solches liegt es ausgelagert im Depot der Neuen Nationalgalerie, die derzeit renoviert wird.

Langwierige juristische Auseinandersetzungen

Juristisch musste Horst Strempel bis 1971 um seine Anerkennung als politischer Flüchtling kämpfen. 1975 ist er im Alter von 70 Jahren gestorben. Die Anerkennung als Künstler blieb ihm – bis auf die kurze Nachkriegsphase – zu Lebzeiten versagt.

Im Juni 2019 wird das Bild "Verschleppte" für rund 28.000 € bei Van Ham in Köln unter der Rubrik "discoveries" versteigert.

(gekürzte Onlinefasung, thg.)

Mit Originaltönen von:
Peter Maras, Kunstsammler; Prof. Karl-Siegbert Rehberg, Kultursoziologe an der Technischen Universität Dresden; Dr. Gabriele Saure, Kunsthistorikerin; Dr. Andreas Schalhorn, Kurator für moderne Kunst am Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin; Klaus Spermann, Leiter der Abteilung Moderne Kunst im Auktionshaus Galerie Bassenge, Berlin; Martin Strempel, Sohn des Künstlers; Dr. Andreas Teltow, Leiter der grafischen Sammlung im Berliner Stadtmuseum.

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