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Studio 9 | Beitrag vom 29.09.2016

Der Maler des Mao-BildesDas größte Herrscherporträt der Welt

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

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Arbeiter tauschen am Platz des Himmlischen Friedens das alte Mao-Porträt gegen ein neues aus. (picture alliance / dpa / Chen Xiaogen)
Arbeiter tauschen am Platz des Himmlischen Friedens das alte Mao-Porträt gegen ein neues aus. (picture alliance / dpa / Chen Xiaogen)

6,40 Meter mal 5 Meter groß, über eine Tonne schwer: Das Mao-Porträt am Platz des Himmlischen Friedens ist nicht nur das größte, sondern auch das am meisten reproduzierte Herrscherbild der Welt. Jedes Jahr wird es ausgetauscht und neu gemalt – seit 40 Jahren vom selben Maler.

Sie kommen immer nachts und immer Ende September: Männer in grauen Anzügen, die mit einem großen Kran das wichtigste Bild Chinas austauschen - das Mao-Porträt am Platz des Himmlischen Friedens.

Jedes Jahr zum chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober wird ein frischer, sauberer Mao aufgehängt. Kein Bild mehr, auf dem sich der Smog Pekings bereits auf Maos Warze abgesetzt hat.

Gemalt hat das neue Porträt auch dieses Mal wieder: Ge Xiaoguang. Seit fast 40 Jahren ist er der einzige in China, der das Mao-Porträt malen darf.

"Dieses Porträt ist sehr wichtig, es repräsentiert unser Land und unser politisches System. Ich habe das Glück, der Maler zu sein und sehe das als mein Schicksal. Ich male das Bild jetzt schon so lange, es ist für mich eine große Ehre. Es gibt so viele Maler auf der Welt – aber ich bin der einzige, der diesen Job hat."

Ge Xiaoguang hat graue Haare, trägt ein rot-kariertes Hemd über der Hose und schwarze Turnschuhe. Er spricht leise, lebt zurückgezogen und meidet die Öffentlichkeit.

Smog und Sonnenlicht setzen dem Porträt zu

1977 hat er die Aufgabe von seinem Lehrer Wang Guodong übernommen, das Mao-Porträt zu malen. Das Bild gehört zu den bekanntesten Herrscherbildern der Welt. Die "Mona Lisa der Weltrevolution", "Chinas erster und einziger globaler Markenartikel" – Bezeichnungen für das Mao-Bildnis gibt es viele. Das bekannte Werk muss mitten in Chinas Hauptstadt viel aushalten, sagt Künstler Ge.    

"Normalerweise haben Kunstwerke Angst vorm Sonnenlicht. Dieses Bild aber ist der Hitze und den Strahlen der Sonne ausgesetzt. Den wechselnden Temperauren. Die Farben müssen eine geradezu penetrante Macht und visuelle Kraft haben, um am riesigen Platz des Himmlischen Friedens zu wirken. Und sie müssen lange halten und dürfen nicht verblassen. Dazu muss das Bild Pekings Luftverschmutzung und die Autoabgase ertragen."

Zwei bis drei Monate arbeitet Maler Ge an einem neuen Mao-Porträt. Er malt das Bild jedes Jahr in seiner Werkstatt, eine hohe Halle mit Glasdach, direkt hinter dem Tor des Himmlischen Friedens. Besucher sind nicht gestattet, das Atelier wird vom Militär streng bewacht.

Der Maler des Mao-Porträts, Ge Xiaoguang, vor seinem Werk. (ARD / Axel Dorloff)Der Maler des Mao-Porträts, Ge Xiaoguang, vor seinem Werk. (ARD / Axel Dorloff)

Offiziell gibt es immer nur eine Version des Mao-Porträts. Die, die überm Tor hängt.

"Keines der älteren Mao-Porträts ist jemals in der Öffentlichkeit wieder aufgetaucht. Ich übermale die alten Versionen weiß, das ist schade. Aber es darf kein originales Mao-Bildnis auf der Welt zirkulieren. Um das sicherzustellen, ist es besser, wenn es nur eins gibt. Andernfalls hätte ich Angst, Ärger zu bekommen."

Mindestens acht Varianten des Mao-Porträts lassen sich seit Gründung der Volksrepublik 1949 unterscheiden. Mao mit Hut, ohne Hut und von der Seite. In der jetzigen Version schaut Mao den Betrachter frontal an.

Mao überall

Experten gehen davon aus, dass das Mao-Porträt das am meisten reproduzierte Bildnis eines einzelnen Menschen überhaupt ist. Allein durch das massenhafte Drucken der Mao-Bibel wurde es über zwei Milliarden Mal verbreitet. Und in China hängt es heute noch in vielen Küchen, Wohnzimmern und Amtsstuben. Kein chinesischer Peking-Tourist, der sich nicht vorm Mao-Porträt fotografieren lässt.

Touristen:

"Als ich als Erwachsener das erste Mal nach Peking kam, bin ich zum Tian’anmen gekommen, um mir das Foto anzugucken. Wenn ich künftig ein Freundin habe, werde ich wieder zum Platz gehen, um mit ihr dort ein Foto zu machen, Mao ist großartig."

"China wurde vom Vorsitzenden Mao gegründet. Für alle Chinesen hat dieses Bild eine besondere Bedeutung."

Warhols Bild "hat keine Aussagekraft"

Eine kritische Distanz zu Mao findet man in China – zumindest öffentlich – selten. Das Mao-Bildnis ist aber nicht nur eine Ikone der Volksrepublik, sondern seit Anfang der 1970er-Jahre auch Teil der westlichen Popkultur, vor allem durch den Siebdruck des amerikanischen Künstlers Andy Warhol. Der chinesische Porträt-Maler Ge sieht Warhols Mao-Version skeptisch.

"Ich hatte nie Kontakt zu Warhol. Auch weil ich in Abgeschiedenheit lebe. Ich habe sein Mao-Bild mal in einem Museum in Seattle gesehen. Ich male Mao seit so vielen Jahren, bin in China geboren und aufgewachsen. Mein Sinn für Kultur und Kunst hat sich hier entwickelt. Andy Warhol ist ein Ausländer. Er versteht Mao völlig anders als ich. Handwerklich betrachtet sieht sein Bild okay aus. Aber das Bild hat keine Aussagekraft. Überhaupt nicht."

Das vermutlich größte Outdoor-Porträt der Welt ist 6,40 Meter mal 5 Meter groß – und wiegt über eine Tonne. Maos Blick überstrahlt den ganzen Platz des Himmlischen Friedens – den Tian’anmen. Das Bild hängt unterhalb der Tribüne, von der Mao 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hat.

Das amerikanische Satiremagazin "The Onion" hat die Herrschaftsfunktion des Mao-Porträts mal gut auf den Punkt gebracht. In einer fiktiven Meldung von 1949 hieß es:

"Das chinesische Volk feiert die Machtübertragung an ein großes Poster des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas Mao Zedong. Tausende waren gekommen, um dem Poster ihren Tribut zu zollen."

So wird es auch in diesem Jahr zum chinesischen Nationalfeiertag wieder sein: Zehntausende lauschen den Klängen der Nationalhymne und blicken dabei zu Chinas Herrscherbild von Mao Zedong.

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