Seit 10:05 Uhr Lesart
Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.08.2007

Der lästige Osten

Mügeln und die Jugend

Von Lutz Rathenow

Podcast abonnieren
Das Ortseingangsschild der sächsischen Kleinstadt Mügeln. (AP)
Das Ortseingangsschild der sächsischen Kleinstadt Mügeln. (AP)

Der Stumpfsinn hat viele Namen und Gesichter. In den seltensten Fällen ist er rechtsradikal organisiert. Der geschulte und strategisch agierende Rechtsradikale ist international um Vernetzung bemüht – wie beim immer wieder versuchten und zum Glück gescheiterten "Fest der Völker" in Jena. Er hat den Asylbewerber zum Feind, den Schwarzen, die Juden – den Inder garantiert nicht.

Für die besonders im Osten drohende Gewaltbereitschaft braucht es nur die ganz normale männliche, jugendliche abgestumpfte Mitte der Gesellschaft, für die Kampftrinken einen Höhepunkt an Lebensqualität darstellt. Der Stumpfsinn bedient sich aber dann rassistischer Anleihen, wenn er wieder einmal ins Aggressive umkippt, weil er am eigenen Gelangweiltsein verzweifelt. Da passiert dann, was sich danach keiner vorstellen kann, wie es dazu kommen konnte. Aus einem friedlichen Neben- oder Miteinander heraus entstehen blitzschnell Gruppenidentitäten. Sie bauen auf dem auf, was unterschwellig vorhanden ist. Ja, der Osten ist fremdenfeindlicher als der Westen grundiert. Er kann sich das allerdings abgewöhnen, wenn es etwas bringt. Die Touristen und Westdeutschen in den Spitzenorten an der Ostseeküste werden bestens umsorgt. Da gibt es kaum Zwischenfälle, man sieht und hört viele Briten, Skandinavier, Russen, Franzosen – und kaum Schwarze, Araber oder Türken.

Der Osten zerfällt daneben in Zonen unterschiedlicher Verhaltensmuster. Vitale Städte mit vielfältigen Betätigungsmöglichkeiten und kulturellen Angeboten – wie Halle, Rostock, Jena oder Dresden oft mit einem regen studentischen Leben garniert – auf der einen Seite. Und die mehr oder weniger nett herausgeputzte Trostlosigkeit kleiner Städte, großer Dörfer in endindustrialisierter Landschaft auf der anderen Seite. Das letzte Kino schloss, Gaststätten sind zu teuer, die engagierten jungen Frauen gingen weg, für Sex gegen Geld fehlt es an Geld in einem Leben zwischen Arbeitslosigkeit, 1-Euro-Jobs oder doch nur noch Sozialhilfe, weil man den pünktlichen Gang zum Amt nicht mehr auf die Reihe bringt. Teile dieser Generation leben von den Ersparnissen und Renten der Eltern, die Situation wird sich also weiter zuspitzen.

Männerbünde sind die Familienersatzperspektive, der Stehtisch vor der Imbissbude ein Lebensmittelpunkt. Die soziale Komponente wird ergänzt durch eine mentale. Dieses Stadt-Land-Gefälle kannte ich schon in meiner Jugend. Den Dorftanz einiger Ortschaften galt es für Auswärtige zu meiden. "Unsere Hühner bumsen wir selber!" ein Spruch, der Minderwertigkeitskomplexe verriet. Zu ausländerfeindlichen Auseinandersetzungen kam es damals nicht in Ermangelung dieser. Auch heute wachsen Jugendliche heran, die einfach zu wenig Fremdes sehen und erleben – im realen Leben, während sie medial mit dem Glamour einer Erlebniswelt gefüttert werden, die nach Mügeln, Wustrow oder Wurzen nicht kommt. Die Spannung zwischen Stadt und Land ist in der globalisierten Welt im Osten so groß wie nie. Einen Abend auf dem Kölner Hauptbahnhof verbringen, heißt mehr interessante, fremd aussehende Menschen zu treffen als ein Wustrower sie in seinem ganzen Leben zu Hause sieht.

Die klassische westdeutsch eintrainierte Anti-Rechts-Radikalismus-Arbeit prallt vor diesem Hintergrund wirkungslos ab. Die für eine Demo einreisende Antifa wirkt dann in Mügeln noch fremder auf die Leute als die Inder, gegen die sie ja an sich nichts haben. Nur manchmal laufen sie Gefahr, zum Blitzableiter für unendlich viel Frust zu werden. Und ob der "Ausländer raus !"-Schreiende bewusst rechtsradikal beeinflussen will oder ob er instinktiv zum tabuisiertesten aller Sprüche greift, das ist gar nicht so einfach zu klären. Denn die mediale Reaktion gibt ihm ja recht. Soviel Furcht und Angst wie mit den dümmsten rechtsradikalen Losungen kann er mit nichts anderem schüren. Für einen Moment fürchtet sich die ganze Welt vor diesen Typen in Mügeln und meditiert über die neue braune Gefahr. Und die Eltern verstehen ihre gewaltbereiten Kids viel zu gut, sie klagen, dass diese keinen Job haben. Eine DDR-geprägte Staatsregulierungssucht tritt da hervor, die Arbeitszwang mehrheitlich wünschen würde.

Die beliebte Forderung nach mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft forciert die Sehnsucht nach den militärisch disziplinierten Regeln. Gewalt ist als staatliche Verfügungsgewalt eine zu selbstverständliche Größe in der DDR gewesen. Sie funktionierte zu oft, um etwas zu erreichen. Wie ist das eigentlich mit den Generationen der gedienten Grenzsoldaten in der DDR, die das Leben in eintrainierter Tötungsbereitschaft auch heute meist als normal zu rechtfertigen suchen, wenn sie überhaupt davon reden. Wie soll ein Ex-Grenzsoldat seinen Sohn ernsthaft von den Normen einer zivilen Bürgergesellschaft überzeugen?

Was tun? Jugendarbeit finanziell mehr fördern – ja, das auch.
Auf jeden Fall politische Bildungsarbeit schon in der Schule – und da sehr früh, damit nicht das Gequatsche von der DDR, in der jeder seine Arbeit hatte und Ausländer nach strikter Nützlichkeit ins Land gelassen worden, die Gedanken vernebelt und blockiert.

Und natürlich wären Arbeitsangebote gut und wichtig, aber die wird es kaum geben in diesen Orten, in die kaum einer freiwillig umsiedeln wird.

Rathenow LutzLutz Rathenow, Schriftsteller, 1952 in Jena geboren, Studium Germanistik/Geschichte, kurz vor dem Examen wegen nicht konformer Ansichten und Handlungen relegiert, Transportarbeiter, 1977 Übersiedlung nach Ostberlin, knapp 15.000 Seiten Stasi-Akten zeugen von Aktivitäten und Repressalien, wegen des ersten nur im Westen verlegten Buches 1980 kurzzeitig verhaftet, Lyriker, Essayist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist, Gelegenheitsdramatiker. Zusammen mit Harald Hauswald (Fotografie) schrieb er den erfolgreichen Foto-Text-Band "Ost-Berlin - Leben vor dem Mauerfall" (Jaron Verlag, 2005, englisch/deutsch).
2006 erscheinen "Ein Eisbär aus Apolda" (Kindergeschichten), "Gelächter, sortiert" (Fußballgedichte) und wieder mit dem Kult-Fotografen Harald Hauswald "Gewendet - vor und nach dem Mauerfall. Fotos und Texte aus dem Osten" (Jaron Verlag).

Politisches Feuilleton

Soziale NetzwerkeDie Sucht nach den Likes
Ein Auto passiert eine Wellblechwand mit einem Graffiti, das in großer blauer Schrift verkündet: "All We Need Is More Likes". (Unsplash / Daria Nepriakhina)

Ein Like, ein Love, ein Care: Schnell sind in den Sozialen Medien Zustimmung und Anerkennung verteilt. Mit echter Anerkennung hat das nichts zu tun – und dennoch machen Likes süchtig, hat der Philosoph Krisha Kops am eigenen Leib festgestellt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur