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Lange Nacht | Beitrag vom 17.07.2021

Der KurfürstendammPrachtboulevard mit unendlich viel Geschichte

Von Katharina Palm

Der Kurfürstendamm in Berlin, ca. 1960. (imago / serienlicht)
Der Kurfürstendamm in Berlin, ca. 1960 (imago / serienlicht)

Der Berliner Kurfürstendamm steht für ein Lebensgefühl, das oft totgesagt wurde und doch immer wieder auferstanden ist. Mit ihm verbunden sind die Namen weltberühmter Künstler, von Großmeistern der Täuschung und ganz gewöhnlicher Gauner.

Alles begann mit einem einfachen Knüppeldamm. Kurfürst Joachim II. hatte sich 1542 ein Jagdschloss "Zum gruenen Wald" vor den Toren Berlins gebaut. Später hat man den umgebenden Wald nach dem Schloss benannt, Grunewald. Auf diesem Knüppeldamm ritt der Kurfürst mit seinem Gefolge von seiner Residenz in sein Jagdschloss hin und zurück. 1767 taucht dann das erste Mal auf einer Karte der Name "Churfürsten Damm" auf.

Fürst Bismarck hatte später für den Kurfürstendamm große Pläne. Er hatte die Champs-Élysées vor Augen, wenn er an einen repräsentativen Boulevard dachte. In einem Brief an den Geheimen Kabinettsrat von Wilmowski schrieb er:

"Auch die Straße am Kurfürstendamm wird nach den jetzt bestehenden Absichten viel zu eng werden, da dieselbe voraussichtlich ein Hauptspazierweg für Wagen und Reiter werden wird. Denkt man sich Berlin so wie bisher wachsend, so wird es die doppelte Volkszahl noch schneller erreichen, als Paris von 800.000 Einwohnern auf 2.000.000 gestiegen ist. Dann würde der Grunewald etwa für Berlin das Bois de Boulogne und die Hauptader des Vergnügungsverkehrs dorthin mit einer Breite wie die der Elysäischen Felder durchaus nicht zu groß bemessen sein."

Das größte Caféhaus Europas

Der Ku'damm war ursprünglich als Wohnstraße gedacht. Die Wohnungen dort hatten mindestens 200 Quadratmeter, zehn bis 15 Zimmer waren keine Seltenheit. Nach der Jahrhundertwende änderte sich das allerdings und in die unteren Etagen zogen Cafés ein. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Boulevard zu einer Geschäfts- und Vergnügungsallee.

Postkarte von 1922: Kurfürstendamm, Blick zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. (imago / Arkivi)Postkarte von 1922: Blick zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (imago / Arkivi)

Das Romanische Café, wie auch der Kurfürstendamm, stand für alles, was die Nationalsozialisten verachteten: Weltoffenheit, Frivolität, Toleranz, moderne Kunst und jüdisches Leben. Als die Nationalsozialisten immer offener in Erscheinung traten, begann der Niedergang jenes Cafés. Dann kam der Krieg.

Die Bomben des 21. November 1943 zerstörten die Romanischen Häuser wie auch die Gedächtniskirche und einen Großteil des Kurfürstendamms. Nach dem Ende des Krieges wurden die Ruinen der Romanischen Häuser abgetragen und die Fläche eingeebnet. Der Platz wurde 1947 in Breitscheidplatz umbenannt - nach Rudolf Breitscheid, der als Sozialdemokrat von den Nationalsozialisten verfolgt worden und im KZ Buchenwald ums Leben gekommen war.

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Der Romanautor Thomas Wolfe nannte den Ku'damm in den 1930er-Jahren "das größte Caféhaus Europas". Besonders beliebt war der Tanztee in den Cafés. Wer heute über den Kurfürstendamm spaziert, kann sich kaum vorstellen, was hier früher los war. Es gab kaum ein Haus ohne Restaurant, Café oder Tanzlokal.

Es wurde bis tief in die Nacht getanzt, gefeiert, getrunken und jenes weiße Pulver konsumiert, dass die Berliner Koks nannten, Kokain. Als beliebte Durchhaltedroge im Ersten Weltkrieg etabliert, entdeckten es die Berliner Feierwilligen für sich. Verboten war lediglich der Handel damit, der Konsum nicht.

Schauplatz des Schreckens

Viele jüdische Berliner wohnten in den Seitenstraßen des Ku'damms und verkehrten im Café Reimann. So wurde auch dieses Café zum Schauplatz eines Pogroms, das sich am 12. September 1931 ereignete, also bereits zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Die sozialdemokratische Zeitung "Vorwärts" berichtete darüber: "Kurz nach neun Uhr abends begannen sich größere Trupps von Nationalsozialisten am Kurfürstendamm zusammenzurotten. In der folgenden Zeit wurde der Zuzug von Hakenkreuzlern immer stärker, so dass um halb zehn ungefähr tausend Nationalsozialisten versammelt waren. Es handelte sich hierbei offenbar um eine planmäßige Aktion der Hakenkreuzler, die den Zweck haben sollte, dass jüdische Neujahrsfest zu stören. Am schwersten hatte der Mob vor der Konditorei Reimann am Kurfürstendamm gehaust. Die im Vorgarten stehenden Tische und Stühle wurden demoliert, ebenso wurde die große Schaufensterscheibe der Konditorei zertrümmert."

Die Übernahme des Wäschehauses Grünefeld, die in jüdischem Besitz war, erfolgte vor der Nacht der Scherben, die Erich Kästner persönlich miterlebte und beschrieb: "Als ich am 10. November 1938, morgens gegen drei Uhr, in einem Taxi den Berliner Tauentzien hinauffuhr, hörte ich zu beiden Seiten der Straße Glas klirren. Es klang, als würden Dutzende von Waggons voller Glas umgekippt. Ich blickte aus dem Taxi und sah, links wie rechts, vor etwa jedem fünften Haus einen Mann stehen, der, mächtig ausholend, mit einer langen Eisenstange ein Schaufenster einschlug. War das besorgt, schritt er gemessen zum nächsten Laden und widmete sich, mit gelassener Kraft, dessen noch intakte Scheiben. Es klang, als bestünde die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas."

Proteste und Paraden

Als die Mauer 1961 ihren Ring um Westberlin schloss, war das die Geburtsstunde der großen politischen Demonstrationen auf der Flaniermeile. Bereits am 20. August 1961 zeigten die US-Streitkräfte mit einer großen Militärparade auf dem Kurfürstendamm ihre Präsenz.

Trauernde gedenken am Abend der Beerdigung des verstorbenen Rudi Dutschke im Dezember 1979 an der Stelle auf dem Kurfürstendamm, an der er am 11.4.1968 angeschossen wurde. (imago / Friedrich Stark)Trauernde gedenken Rudi Dutschke an der Stelle auf dem Kurfürstendamm, an der er am 11.4.1968 angeschossen wurde. (imago / Friedrich Stark)

Hier wurde lautstark protestiert, gegen den Vietnamkrieg oder den Schah von Persien. Nicht immer blieb es dabei friedlich. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, kurz SDS, hatte seine Büroräume im Kurfürstendamm 140. Vor der Eingangstür wurde ihr prominentester Vertreter, Rudi Dutschke, von einem Attentäter mit drei Kugeln niedergeschossen. Eine metallene Bodenplatte vor dem Haus erinnert an diesen Anschlag.

Doch es ging auch bunt und friedlich zu. Am 30. Juni 1979 fand der erste "Christopher Street Day" in Berlin auf dem Kurfürstendamm statt. Damals waren es gerade einmal 450 Demonstranten. Auch die "Love Parade" hat hier begonnen. Unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" versammelten sich am 1. Juni 1989 die als politische Demonstration angemeldeten 50 Demonstranten vor dem KaDeWe und liefen dann den Kurfürstendamm hinunter.

Boulevard des kulturellen Lebens

Bevor der Kurfürstendamm eine Geschäftsstraße wurde, standen dort Villen. Eine dieser Villen gehörte dem Verlagsbuchhändler Ferdinand Hirschwald. Nach dessen Tod 1899 wurde das Haus abgerissen und das Grundstück geteilt.

41. Christopher Street Day Parade am 27.07.2019 in Berlin. Bei dem Umzug unter dem Motto "Stonewall 50 - Every riot starts with your voice" haben hunderttausende TeilnehmerInnen für Gleichberechtigung und gegen Ausgrenzung ein Zeichen gesetzt. (imago / Revierfoto)Christopher Street Day Parade am Kurfürstendamm, 2019 (imago / Revierfoto)

Auf dem vorderen Teil, der zum Ku'damm zeigte, wurden die Ausstellungsgebäude der Berliner Secession gebaut. Die Mitglieder der Künstlergruppe "Secession" hatte sich unter ihrem Präsidenten Max Liebermann dem Impressionismus verschrieben und wurden mit dieser damals noch neuen Kunstrichtung vom etablierten Kunstbetrieb abgelehnt und nicht ausgestellt. Also bauten sie eigene Ausstellungsräume am Kurfürstendamm 208.

In der Mitte des Secessonsgebäudes entstand ein Interimstheater, da es nicht durchgängig für Ausstellungen genutzt wurde. Auf dem hinteren Teil des Grundstücks gab es eine große Reithalle, damals "Tattersall" genannt, die der "Tattersall am Kurfürstendamm AG" gehörte.

1921 baute Oskar Kaufmann dann das Secessionsgebäude zum "Theater am Kurfürstendamm" um. Später übernahm Max Reinhardt dieses Theater. Nach den abendlichen Theateraufführungen gab es nachts zwischen 23 und 2 Uhr noch Revuen vom Komponisten und Regisseur Friedrich Holländer.

Vergnügungspark der Superlative

Johanna Niedbalski beschäftigt sich in ihrem Buch "Die ganze Welt des Vergnügens" mit den Berliner Vergnügungsparks von 1880 bis in die 1930er-Jahre, also auch mit dem legendären Lunapark am Halensee.

"Das Neuartige, was der Lunapark den Gästen erschloss, ist ein riesiges Wellenbad. Bis 1 Uhr nachts wird hier geschwommen! Unablässig stampfen die Maschinen und jagen Welle auf Welle ins Bassin. Meterhoch gehen die Wogen, und ihre Kämme machen Durst; denn sie erinnern an Bierschaum. Das Wellenrauschen wird vom Gezeter der badenden Fräuleins übertönt. Sie werfen große bunte Bälle und werden böse, wenn Herren, die Freunde des Anschlussgedankens sind, dass Spielzeug kassieren und damit schelmisch tun. Viele der Badegäste liegen lang im Wasser und warten auf die nächste Welle, die sie dicht bis unter die Augen der Restaurationsbesucher spült."

So beschreibt Erich Kästner das Treiben im Lunapark 1927 für die "Neue Leipziger Zeitung". Das Wellenbad war das größte Hallenbad Berlins mit der längsten Schwimmbahn. Hier wurden auch Wettkämpfe ausgetragen und dafür trainiert. Die meisten Schwimmbäder der damaligen Zeit hatten getrennte Bereiche für Männer und Frauen oder getrennte Badezeiten. Im Lunapark badeten alle zusammen.

Geburtsstätte des Tonfilms

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welchen Stellenwert das Kino für den Kurfürstendamm hatte und der Kurfürstendamm für das Kino. Bereits 1913 eröffneten die Kinos "Ufa-Palast am Zoo", das "Marmorhaus" und der Union-Palast am Kurfürstendamm.

Am 17. September 1922 zeigte das Kino Alhambra den weltweit ersten Tonfilm. Das war eine Sensation, obwohl viele Kritiker diese technische Neuerung aufzuhalten versuchten, die die Existenzgrundlage der Künstler des Rahmenprogramms der Filme bedrohte.

Auch heute noch lohnt es sich, auf dem Ku'damm von der Gedächtniskirche bis nach Halensee zu flanieren, sich die prachtvollen, alten Häuser anzuschauen und sich vom Strom der Besucher und den Geschichten des Boulevards treiben zu lassen.

Literatur:
Dieter Hildebrandt: "Die Leute vom Kurfürstendamm - Roman einer Straße", dtv 1991
Curt Moreck: "Ein Führer durch das lasterhafte Berlin / Das deutsche Babylon 1931", Btb Taschenbuch 2020
Alfred Döblin: "Schicksalsreise - Bericht und Bekenntnis", herausgegeben von Anthony W. Riley, 1996
Johanna Niedbalski: "Die ganze Welt des Vergnügens. Berliner Vergnügungsparks der 1880er bis 1930er-Jahre", be.bra Wissenschaftverlag 2018.
Regina Stephan und Erich Mendelsohn: "Gebaute Welten - Arbeiten für Europa, Palästina und Amerika", Hatje 1998

Das vollständige Skript zu dieser Langen Nacht finden Sie hier.

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021.

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