Hörspielmagazin, vom 30.04.2019, 20:10 Uhr

Der Komponist André DamiãoInterventionen aus Lärm

Der brasilianische Komponist und Klangkünstler André Damião bringt elektroakustische Musik in Bewegung - und in den Stadtraum. In São Paulo hat der Künstler einen alternativen Karnevalsblock gegründet, nun ist der Bloco Ruído - die Lärm-Gruppe - auch in Halle an der Saale zu hören.

Auf dem Bild ist der Musiker André Damiao zu sehen. Er spielt Tabletop-Gitarre und Elektronik (Marcus-Andreas Mohr)
André Damião performt live zur Eröffnung der Radio Art Residency in Halle (Marcus-Andreas Mohr)

Einmal im Jahr an Aschermittwoch zieht ein etwas anderer Karnevals-Block durch die Innenstadt von São Paulo. Mit selbstgebauten Instrumenten aus Schaltkreisen, Lautsprechern, Vinyl-Platten, Kontaktmikrophonen und anderen Lärmerzeugern interveniert eine Gruppe von etwa fünfzehn Menschen lärmend in den Klangraum der Großstadt.

Suche nach anderen Wegen des Musik-machens

Der "Bloco Ruído", die Lärm-Gruppe, wurde 2013 von dem Komponisten und Musiker André Damião ins Leben gerufen. Während seines Studiums der Sonologie und elektro-akustischen Komposition an der Universität von São Paulo suchte der Künstler nach anderen Wegen des Musik-machens und -hörens:

"Das war eine der frustrierendsten Erfahrungen meines Lebens. Die Universität, in der ich studiert habe, war sehr gut ausgestattet; wir hatten dieses "Lautsprecher-Orchester", bei denen du mehr als achtzig Lautsprecher hast, mit denen man diesen sehr räumlichen Klang erzeugen kann. Aber niemand kam zu den Konzerten. Diese Konzertraum-Atmosphäre kann verdrängen, was in diesem Raum eigentlich gesagt wird."

Die Sprache der elektro-akustischen Musik sollte also den Konzertraum verlassen.

"Das ist natürlich erst einmal eine sehr naive Intention, zu sagen: Lasst uns einfach die Lautsprecher auf die Straße tragen. Aber wenn man das tut, öffnet sich die Wahrnehmung für viele andere Komponenten des Musikmachens: Es verändert das Konzept der Aufführung und die Art und Weise, wie wir über Musik und den Prozess des Musik-machens nachdenken. Es stellt die Vorstellung und die Rolle von Komponist, von Ausführenden und Publikum infrage, das alles wird vermischt."

Das Musikmachen des Bloco Ruído findet kollektiv statt: Die Klangobjekte werden gemeinsam gebaut, das Kollektiv entscheidet über die Aufführung, den Weg, welchen es durch die Stadt nimmt, und wie es zusammen klingen will. Dies alles versteht Andre Damião als Teil der Komposition:

"Diese Art von Lärm auf die Straße zu tragen, und zu überlegen, wie man Klänge in den öffentlichen Raum bringt, war einerseits eine politische Haltung der elektro-akustischen Musik gegenüber. Aber der ästhetische Aspekt war, über das Verhältnis von Klang und Raum nachzudenken."

Mobile Musik

Mit dem musikalischen Konzept des Bloco Ruído bewegt sich Andre Damião in einem musikalischen Genre, das sich u.a. mit dieser Frage auseinandersetzt. Das Genre der "Mobile Music" ist eine Form der elektronischen Musik, die mobile Geräte, wie Mobiltelefone oder Radios, zu ihrem Instrumentarium macht - und damit auch die traditionellen Aufführungsräume verlässt. Der Bloco Ruído kritisiert aber zugleich auch den Gebrauch von Technik in der Mobile Music Szene:

"Zu Beginn waren die Instrumente mp3-Player und GPS, und als das Iphone auf den Markt kam, machten alle nur noch Musik mit dem Iphone. Das setzt der Mobile Music-Forschung viele Grenzen, meiner Meinung nach. Der Bloco Ruído ist also auch als Kritik der Technologie zu verstehen. Wir benutzen diese sehr instabilen Geräte, die wir selbst herstellen."

Auch in seiner Werkreihe "Narva" thematisiert Damião den Technik-konsum in kapitalistischen Verhältnissen. Titelgebend für das Werk ist der DDR-Glühbirnen-Hersteller "Narva". Dessen Produkte nicht darauf angelegt waren, vorzeitig zu veralten oder nicht mehr zu funktionieren – sondern sie können teilweise heute noch gebraucht werden. Damit verweist Damião auf die sogenannte "geplante Obszoleszenz" der technischen Geräte unserer Tage. Der eingebaute Verschleiß sorgt dafür, dass wir schnell und fortwährend umgeben sind von Technik, die keinen Nutzen mehr hat. Der Künstler widmet sich diesen Geräten und gibt ihnen eine neue Bedeutung, indem er sie zu Klangobjekten für seine Musik werden lässt:

In seinem Stück "Narva 2" besteht das Instrument aus einem tragbaren Röhren-Fernseher, der um Synthesizer und Mikrocomputer erweitert ist, die wiederum ein analoges Signal für Bild und Klang erzeugen:

"Es geht in meinen Arbeiten nicht um die "beste Klangqualität", sondern darum, verschiedene Erinnerungen hervorzurufen, die mit dem Klang verbunden sind. Wenn du diesen tragbaren Fernseh-Apparat siehst, denkst du an eine Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er, und du hattest dieses Medium schon vergessen. Als Musikinstrument bringt es versteckte Erinnerungen zurück. Es geht mir also mehr darum, viele verschiedene Ebenen von Klangqualität zu schaffen, um zu sehen, welche Erinnerungen und Texturen sie kreieren."

Derzeit ist André Damião Stipendiat der Radio Art Residency, einem Stipendium für Radiokunst, das gemeinsam vom freien Radio Corax in Halle/Saale und dem Goethe-Institut ausgerichtet wird. Bei Radio Corax entwickelt Damião sein Konzept des Bloco Ruído weiter, der die mobile Musik in den Stadtraum, sondern auch ins Radio bringt:

"Was passiert hier?" - "Soll ich erklären?" - "Ja" - "Also, was wir hören aus dem Radio ist ein Stück, was André komponiert hat, und wir können mit dem Stück interagieren, indem wir da anrufen. Wenn du eines davon anrufst, dann wirst du sofort on air genommen und hörst sozusagen – also kreierst 'n Feedback, weil du das wieder ins Radio spielst, was aus dem Radio kommt."

In Halle findet sich ein neue Lärm-Gruppe zusammen. Für ihre erste Performance hat sie verstärkte tragbare Radios gebaut, die wie die Radiosendung selbst als Instrument fungieren:

"Das Radio schafft eine weitere Ebene; es hat eine integrierende Funktion, in dem Sinne, dass jeder, der ein Radio hat, mitspielen kann. Es ging darum, Radio von der Straße aus zu machen und zugleich die Sendung sowie das Machen der Sendung hörbar zu machen. Ähnlich wie in der elektro-akustischen Musik der Konzertraum als Instrument gedacht wird, war für mich in der Performance das Senden selbst ein Instrument."

Ein Spiel mit der Wahrnehmung des Öffentlichen

Wenn der Bloco Ruído durch die Stadt und den Äther zieht, dann ist das nicht nur ein Spiel mit dem Hören und Klingen, sondern auch ein Spiel mit der Wahrnehmung des Öffentlichen. Hier wird infragestellt, wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen. Was höre und sehe ich da? Eine Demonstration? Eine Party? Oder doch "nur Kunst"?

"Also, die Menschen, die an uns vorbeigehen, könnten denken, "ah, das ist bloß Kunst", aber da ist immer noch ein befremdendes Moment, das zwischen dem liegt, was wir als alltäglich wahrnehmen und dem, was Kunst ist. Und diese Momente sind interessant, diese Momente sind wirkmächtig."

Hörspielmagazin 05/19 Neues aus der Welt der akustischen Kunst