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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.05.2010

Der Kleist-Geist im Pestlager

Thomas Thieme spielt den Normannenfeldherrn "Robert Guiskard" zum Start der Ruhrfestspiele

Von Stefan Keim

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Szene aus "Robert Guiskard" mit Juliane Koren und Mathieu Carrière (A. T. Schaefer/Ruhrfestspiele Recklinghausen)
Szene aus "Robert Guiskard" mit Juliane Koren und Mathieu Carrière (A. T. Schaefer/Ruhrfestspiele Recklinghausen)

Ein Mann, ein Tisch, ein Theaterstück. Im Jahr 1803 sitzt Heinrich von Kleist in einem engen Hotelzimmer, spricht immer wieder die Worte vor sich hin, die nicht aufs Papier wollen, Zitate aus seinem Schauspiel "Robert Guiskard". Schließlich verbrennt er das Stück.

Jahre später wird er es als Fragment in seiner Zeitschrift "Phönix" veröffentlichen. Kleist steht im Zentrum der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Deshalb beginnt Intendant Frank Hoffmann seine Inszenierung des "Robert Guiskard" mit einem biografischen Vorspiel.

Es ist mutig, das Festival mit dieser selten gespielten, völlig undramatischen Szenenfolge im großen Haus zu beginnen. Kleist beschreibt das Siechen und Verzweifeln des von der Pest geplagten normannischen Heeres vor Konstantinopel, einen als sinnlose Quälerei empfundenen Auslandseinsatz im 12. Jahrhundert. Robert Guiskard verkriecht sich in seinem Zelt, die Soldaten haben Angst, auch er sei von der Seuche befallen, und verlangen sein Erscheinen.

Frank Hoffmann inszeniert lange Pausen. Nach dem Prolog sieht man minutenlang einen erdigen Boden, umgeben von kleinen Feuern, die nach Weihrauch und Gewürzen riechen. Sie sollen den Verwesungsgestank überdecken, Menschen kriechen und gehen stumm umher, in einer gespenstischen Atmosphäre.

Schreckensbilder gibt es nicht in dieser sehr ästhetischen Aufführung. Dafür steckt sie voller Ideen. Normalerweise erscheint Guiskard erst am Ende des Fragments, in einer großen, wuchtigen Szene. Bei Frank Hoffmann ist er schon vorher durch kurze Videoeinspielungen präsent, überlebensgroß, als Medienabbild.

Das hat mit heutigen Inszenierungen von Machtmenschen zu tun, man ist ja oft verwundert, wenn so ein virtuell allpräsentes Wesen plötzlich körperlich vor einem steht. Thomas Thieme zeigt einen Mann, der mit bulliger Körpersprache seine Schwäche überspielt, die Situation mit seiner puren Präsenz beherrschen will, bis es nicht mehr geht.

Kurz zuvor sprach er per Video den berühmten "Ich habe das Grauen gesehen"-Monolog aus Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Ein Holzhammerverweis darauf, dass dieser Mann nicht nur Pestopfer, sondern auch ein gewissenloser Kriegstreiber ist. Aber Thieme spielt auch diesen dramaturgisch fragwürdigen Moment grandios.

Auch Wolfram Koch überzeugt mit seiner typischen Energie und Spielwitz als Heinrich von Kleist, der manchmal als Geist durch sein Stück wandert und schließlich die Rolle von Guiskards Neffen Abälard übernimmt, der die Seuche für seine eigene Karriere nutzen will. Matthieu Carriére hingegen gerät als Greis ebenso wie einige jüngeren Schauspieler des koproduzierenden Deutschen Schauspielhauses in Hamburg gelegentlich ins Deklamieren.

Frank Hoffmann hat aus den Schauspielern kein Ensemble geformt, jeder spielt und spricht, wie er will. Die Brüche und Unfertigkeiten der Inszenierung wirken dagegen oft anregend, wie ein Kleist-Labor, in dem verschiedene Möglichkeiten des Stücks ausprobiert werden.

Nach dem ungewöhnlichen Beginn bietet die folgende Kleist-Werkschau der Ruhrfestspiele wenig Überraschendes. Edgar Selge spielt den Dorfrichter Adam im "Zerbrochenen Krug", aus Berlin kommt Jan Bosses intelligente, vielschichtige Deutung des "Amphitryon" vom Gorki-Theater.

Erst gegen Ende wird es für das überregionale Publikum wieder spannend, wenn Hamburgs extrovertierte Theateramazone Jana Schulz in der Regie Roger Vontobels "Penthesilea" spielt. "Kontinent Kleist im romantischen Meer" ist der Untertitel der Ruhrfestspiele. Der literarische Ozean, in dem der Dichter einige Jahre gegen den Untergang kämpfte und sich dann doch nicht über Wasser halten konnte, wird vor allem in Lesungen prominenter Mimen erkundet.

Die Reihe der Uraufführungen haben die Ruhrfestspiele weiter ausgebaut. Auch hier finden sich große Namen wie Hanna Schygulla, die in einem neuen Monolog von Kerstin Specht die Dichterin Marieluise Fleißer spielt. Und mit Oliver Kluck hat sich das Festival den heißesten Jungdramatiker neben dem gerade allseits gehuldigten Nils-Momme Stockmann geangelt.

Es ist also zu erwarten, dass die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Ruhrfestspiele unter Intendant Frank Hoffmann weitergeht. Auch wenn mit dem etwas sperrigeren Kleist vielleicht kein neuer Kassenrekord erreicht wird. Aber die Mischung aus Stars, Klassikern und Novitäten stehet dem Festival gut zu Gesicht, und die Zahl der Kooperationen wächst. Auch "Robert Guiskard" siecht ab Anfang September in Hamburg weiter.

Service:
Weitere Aufführungen täglich bis 8. Mai 2010 im Ruhrfestspielhaus. Die Ruhrfestspiele gehen bis 13. Juni. Karten: 02361 92180. Internet: www.ruhrfestspiele.de

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