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Musikfeuilleton | Beitrag vom 09.06.2019

Der Klang des ArchitektenLe Corbusier und die Musik

Von Richard Schroetter

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Le Corbusier in seinem Pariser Studio-Apartment (FLC/ADAGP)
Le Corbusier in seinem Pariser Studio (FLC/ADAGP)

Er zählt zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts: Le Corbusier beschäftigte sich sein Leben lang auch mit Musik. Er sei, sagte Le Corbusier einmal, "mit dem Kopf voller Proportionen, vom Wunsch nach Harmonie besessen".

Le Corbusier (1887-1965), der Architekt der Kapelle von Ronchamps und der Unité d’Habitation, bzw. der Cité Radieuse von Marseille, beschäftigte sich sein Leben lang auch mit Musik. In der von ihm 1920 mitbegründeten Avantgarde-Zeitschrift "L'Esprit Nouveau" veröffentlichten Komponisten wie Milhaud, Satie und Strawinsky. Internationales Aufsehen erregte auch sein "Poème Électronique" für die Weltausstellung in Brüssel 1958, eine Art Gesamtkunstwerk, an dem Edgar Varése und Iannis Xenakis mitbeteiligt waren.  

Der Architekt wuchs in einem sehr musikalischen Elternhaus auf. Im Jahr 1900 besucht der heranwachsende Le Corbusier die Kunst und Gewerbeschule École d'Art in La Chaux-de-Fonds, seiner Heimatstadt. Er läßt sich auf Drängen des Vaters als Ziseleur, Graveur und Goldschmied ausbilden. Doch strebte er nach Höherem. Gefördert von einem seiner Lehrer belegt er zusätzlich das Fach Architektur. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten in dieser Profession beweist der Achtzehnjährige mit einem Villen-Entwurf, der 1905 sogar realisiert wird.

Wien - Paris - München - Berlin

Den Winter 1907/1908 verbringt er in Wien. Er hospitiert bei dem bedeutenden Wiener Architekten und Designer Joseph Hoffmann (1870-1951), einem Hauptvertreter der "Wiener Werkstätte". Oft besucht er die Oper. Einmal hört er Puccinis "La Bohème" und ist von der Musik hingerissen; von einer Art Ur-Erlebnis spricht er, das er nie vergessen wird.

Von Wien zieht es ihn weiter in Richtung Paris. Doch macht er in München Zwischenstation. Dort finden wir ihn tagsüber in der  Pinakothek und abends in der Oper. Gleich nach seiner Ankunft in Paris besucht er Vorlesungen von Romain Rolland, der an der Sorbonne lehrte. Den Schriftsteller und Musikwissenschaftler Rolland, den großen Beethoven-Verehrer und Pazifisten, der 1915 den Nobelpreis erhielt, umgab eine Schar von Bewunderern, zu denen auch der junge Edgar Varèse gehört haben soll. 

Im Jahr 1910 geht Le Corbusier nach Berlin. Hier lebten und arbeiteten so fortschrittliche Architekten wie Peter Behrens, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, die er alle kennenlernen sollte. Fünf Monate volontiert er im Atelier von Peter Behrens. Und wie schon zuvor in Wien, in München und Paris hört er in seiner Freizeit viel Musik, besucht Sinfoniekonzerte und geht regelmäßig in die Oper. 1917 ist er wieder in Paris, wo er schließlich bleiben wird. Dort gründet er mit Freunden im Oktober 1920 die Zeitschrift "L’Esprit Nouveau". 

Das Jahr 1923 markiert den Wendepunkt in Le Corbusiers Laufbahn zum internationalen Architekten. Seine Name wird zum Markenzeichen für Beton-Avantgarde-Architektur. Aus diversen zuvor schon in "L‘Esprit Nouveau" erschienenen Artikeln entsteht das Standardwerk "Vers une Architecture". In den folgenden Jahren spielt die Musik in Le Corbusiers Leben und Werk keine ersichtliche Rolle. Er wendet sich nun ganz der Architektur und seinen weltweiten Bauprojekten zu.

Das "Poème Electronique" für die Expo 58

Die aufsehenerregende Sakral-Architektur der Kapelle von Ronchamp (1955) mag schließlich den Ausschlag gegeben haben, dass sich der Philips-Konzern an den nun weltbekannten Architekten wandte, mit dem Ansinnen, für die kommende Weltausstellung 1958 einen Pavillon zu entwerfen. Für Le Corbusier war es ein Glücksfall, einen Mann wie den Komponisten Iannis Xenakis in seinem Team zu haben, denn der war ein hochsensibler Ohren- und Augenmensch, der gerade auf dem Gebiet, auf dem Le Corbusier sich nicht zuhause fühlte, äußerst bewandert war. Unter Hermann Scherchen hört Xenakis 1954 in Paris eine Aufführung von Edgar Varèses Komposition "Déserts". Varèse arbeitete mit Akkumulationen von Rhythmen, Klangfarben und Intensitäten. Der Raum wurde als Klangkörper und Ereignisfeld konsequent miteinbezogen. 

Le Corbusier setzt gegenüber Philips durch, dass er seine Ideen einer "Raummusik" – das sogenannte "Poème Electronique" – mit dem kompromisslosen Varèse verwirklichen kann: 

"Ich werde Ihnen nicht eine Pavillon-Fassade machen, sondern ein elektronisches Gedicht, das im Innern einer 'Flasche' enthalten sein wird. Diese Flasche, für einen symphonischen Ausdruck der bisher unverwendeten Möglichkeiten der Elektronik bestimmt, wird ihr Pavillon sein. Das Gedicht wird aus Bildern, farbigen Rhythmen, Musik bestehen. Das elektronische Gedicht wird in einem zusammenhängenden Ganzen vereinen, was Film, Musik auf Platte und Tonband, Farbe, Wort, Geräusch und Schweigen uns bisher getrennt gebracht haben. Das Gedicht wird zehn Minuten dauern; es wird sich jedesmal vor 500 Zuschauern entfalten. Der Pavillon wird also ein Magen sein, der 500 Zuschauer aufnimmt und sie nach Beendigung des Schauspiels automatisch wieder ausstößt, um den 500 folgenden Platz zu machen."

Philips Pavillon Expo 1958 (http://www.fondationlecorbusier.fr / FLC/ADAGP)Der Philips-Pavillon bei der Expo 1958 in Brüssel (http://www.fondationlecorbusier.fr / FLC/ADAGP)

Was Le Corbusier mit seinen Mitarbeitern zur Eröffnung der "Expo 58" am 2. Mai 1958 im Philips-Pavillon schließlich präsentierte, war mehr als bloße Raummusik, es war ein völlig neues, in dieser Form noch nie dagewesenes Multimedia-Spektakel, das weltweit durch die Presse ging.

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