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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.03.2011

Der klammheimliche Verzicht auf Universitäten

Verwertungsinteresse ersetzt immer mehr Erkenntnisinteresse

Von Christian Scholz

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Studenten sitzen in einem Hörsaal  in der Humboldt-Universität in Berlin. (AP)
Studenten sitzen in einem Hörsaal in der Humboldt-Universität in Berlin. (AP)

Der Grafiker und Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat es in einem einzigen Satz zusammengefasst: "Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Uniwersitäten ruhig verzichten."

Dieses Verzichten auf Universitäten läuft seit Jahren und ohne große Diskussion: Als Erstes schaffte man Ausbildungsgänge und Abschlusstitel ab, die typisch für Universitäten waren. Gab es früher vier- oder fünfjährige Studiengänge mit dem Abschluss Diplom-Ingenieur, Diplom-Kaufmann oder Diplom-Psychologe, so gibt es jetzt quer durch alle Hochschulformen nur noch verkürzte Bachelor- und Masterprogramme.

Gleichzeitig begann man, Hochschulformen bunt zu mischen. Man kann also beispielsweise nach dem Bachelor an der Berufsakademie in das Masterprogramm der Universität umsteigen. Universitäre Vorbildung ist offensichtlich verzichtbar für ein universitäres Haupt-Studium. Nichts gegen Bachelor-Programme, Fachhochschulen und Berufsakademien! Universitäten sind qualitativ nichts Besseres – wohl aber etwas Anderes. Diese Andersartigkeit geht verloren, wenn Berufsakademien Master-Titel und Fachhochschulen Doktor-Titel vergeben.

Auch im Innenverhältnis wird auf typisch universitäre Zutaten verzichtet. Früher konnten Fakultäten eigenverantwortlich Lehre und Forschung gestalten. Jetzt gibt es übermächtige Präsidenten und Rektoren mit absoluter Machtfülle. Sie entscheiden über Studiengänge, Forschungsschwerpunkte, Neueinstellungen und Gehälter. Zudem wurden nicht-universitäre Akkreditierungsinstitute geschaffen, die für viel Geld beurteilen wollen, was und wie Universitäten zu lehren haben. Über allem schwebt ein Universitätsrat: Hier entscheiden Praktiker und manchmal sogar Pensionisten darüber, wie moderne Universitäten auszusehen haben.

Im Ergebnis mutiert die Universität zu einem Industriebetrieb, der auch als solcher zu führen ist. Genau das kann man wollen, genau das will man offenbar und genau das will die Politik: Sie macht klare Vorgaben, die Studentenzahl an den Universitäten drastisch zu reduzieren und an den Fachhochschulen drastisch auszubauen. Die Verfechter dieser Entwicklung behaupten, der Verzicht auf Universitäten sei zwingender Bestandteil des Bologna-Prozesses. Dieses Argument entbehrt bei näherem Hinschauen jeglicher Grundlage und wird auch nicht durch permanente Wiederholung richtiger.

Universitäten gibt es seit 1000 Jahren. Wollen wir wirklich auf sie verzichten, nur weil wir erfolgreiche Boxer, Rennfahrer und eine falsch interpretierte Bologna-Erklärung haben? Es lässt sich nicht oft genug wiederholen: Universitäten sind nichts Besseres. Aber sie sind etwas Anderes. Diese Andersartigkeit gilt es angesichts der aktuellen Gleichmacherei zu verteidigen. Andersartigkeit bezieht sich auf Leitbilder, Strukturen und Verhaltensformen. Das alles macht eine Universität aus: Es sind die Menschen, die auf einem hohen professionellen und intellektuellen Niveau eigenverantwortlich und selbstmotiviert miteinander arbeiten wollen. Es geht um Erkenntnisinteresse und nicht um Verwertungsinteresse. Es geht um das Entfalten von Persönlichkeit und nicht um Hamsterrad-Lernen. Und es geht um innovative Grundlagenforschung und nicht um industrielle Auftragsforschung.

Universitäten sind jenseits bildungsökonomischer Scheinrationalität im neuen Jahrtausend unverzichtbar: Wir brauchen in der heutigen Welt mit ihren vielfältigen Herausforderungen Orte, an denen über Ethik, Wirklichkeit, Nachhaltigkeit sowie Wertekonsens nachgedacht und wo wissenschaftlich an der Beantwortung von Zukunftsfragen geforscht wird.

Zurück zum eingangs zitierten Satz: "Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Tennisspieler und Rennfahrer hat, kann auf seine Uniwersitäten ruhig verzichten." Klaus Staeck schreibt in diesem Satz Universität mit "w" und nicht mit "v". Mit diesem Schreibfehler will er auf eine kommende Generation hinweisen, die mangels Bildung sogar vergessen hat, wie man Universität buchstabiert.

Prof. Dr. Christian Scholz, geboren 1952 in Vöcklabruck/Oberösterreich, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes. Autor zahlreicher Fachbücher und Mitherausgeber des "Bologna-Schwarzbuchs". Bloggt als "Per Anhalter durch die Arbeitswelt" auf faz.net; schreibt unter anderem Kolumnen für "Die Welt" und "Der Standard".

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