Der Hype auf dem Kunstmarkt

Von Manfred Eichel · 09.07.2008
Heute Abend findet in Londons feiner New Bond Street ein spannungsvoll erwarteter Kampf statt. Und die Medien werden schon morgen über seinen Ausgang berichten - weltweit. Obwohl es sich doch nur um eine Kultur-Nachricht handelt. Schließlich wird nichts anderes als ein Ölgemälde verkauft: eine Flusslandschaft aus England. William Turner hat das stimmungsvolle Bild vor genau 200 Jahren gemalt – ein Landhaus an der Themse. Nicht weit von London entfernt hat es gelegen: die Villa des Schriftstellers Alexander Pope.
Schon die Zeitgenossen verehrten ihren Turner als ein Genie der Malkunst. Und noch heute hüten die Briten seine Werke in den Museen als nationale Schätze. Über die verfügen sie reichlich. Denn mehr als 20.000 Arbeiten hatte der Meister testamentarisch dem englischen Staat vermacht – darunter viele seiner 300 Gemälde. Nun kommt "Pope’s Villa in Twickenham", so der Titel des angebotenen Werkes, heute nach 19 Uhr unter den Hammer – und die Kunstwelt rechnet wieder mit einem Rekord-Zuschlag bei Sotheby’s.

Denn vor gerade einmal zwei Wochen wurde das Bild eines "Seerosen-Teiches" von Claude Monet für über 50 Millionen Euro verkauft. Es wurde damit zu dem teuersten Gemälde, das je in Europa versteigert wurde. Die Branche hält nun den Atem an: Wird Turner eine neue Rekordmarke legen? Das Bild ist offiziell nur mit 8 bis 10 Millionen Euro veranschlagt. Aber an Verblüffungen ist man auf Auktionen längst gewöhnt. Und auch daran, dass die Geschäfte mit der Kunst von Jahr zu Jahr lukrativer werden. Für diejenigen, die einzigartige Ware verkaufen können oder müssen - und für diejenigen, die diese Geschäfte vermitteln.

Sotheby hat beispielsweise das Rekordjahr 2006 im letzten Jahr noch einmal getoppt. Weltweit machte das Auktionshaus einen Umsatz von 5.2 Milliarden Dollar. Und ein Viertel davon, nämlich 1.3 Milliarden wurden damals auf dem Konto für zeitgenössische Kunst verbucht. Damit hat sich der Umsatz für Gegenwartskunst innerhalb nur eines einzigen Jahres unglaublicherweise verdoppelt.

Wie schnell auf dem Kunstmarkt die Moden kommen und gehen, beweisen ständig neue Namen an der Spitze der "Contemporaries". Neuerdings steht da – was die deutsche Szene anbetrifft – der schicke Anselm Reyle. Nicht mehr unbedingt der verrätselte Neo Rauch. Wie fix sich da die Positionen ändern und wie rasant die Preise zuweilen in die Höhe schießen, belegt aufs Schönste eine Versteigerung bei Christie’s: Da wurde eine Reyle-Abstraktion mit einem Schätzwert von 27.000 Euro markiert. Der erzielte Preis erreichte dann das 17fache – 470.000 Euro.

Als teuerstes Kunstwerk überhaupt gilt zurzeit noch ein Mark Rothko. Für eine seiner Arbeiten wurden in den USA 72 Millionen Dollar erzielt. Als deutscher Spitzenreiter gilt Gerhard Richter. Der hat immerhin mal 11,2 Millionen Dollar eingebracht. Wohl gemerkt: Nicht dem Künstler, sondern einem seiner Sammler. Künstler sind nur in den seltensten Fällen Nutznießer einer so spektakulären Auktion.

Die attraktiven Zeitgenossen sind längst an den Helden der Kunstgeschichte vorbeigezogen. Ein Raffael hat im vergangenen Jahr 18 Millionen Dollar gekostet. Ein Warhol ist so billig nicht mehr zu haben. Und selbst chinesische Zeitgenossen sind zuweilen teurer als manche Meisterwerke der Renaissance.

Wer den Kunstmarkt sorgfältig beobachtet, kann Geschäfte machen. Das gilt auch und gerade für das Gebiet der Fotografie. Da sind die Preise für manche Werke geradezu explodiert. Eine Arbeit von Andreas Gursky ist im letzten Jahr auf einer Auktion immerhin für 3.3 Millionen Dollar weitergereicht worden. Wer da rechtzeitig einkauft und über das richtige Gespür verfügt, wird aber nicht nur wohlhabend, sondern meist auch angesehen. Denn teuere Kunst ist nun mal ein Statussymbol und dann noch eines, das sich nun wirklich nicht jedermann leisten kann. Das wirkt sich allerdings nur aus, wenn diese Kunst NICHT in Safes verschwindet und nur nach Jahrzehnten zum gewinnbringenden Weiterverkauf rausgeholt wird.

James Morrison, der das Turner-Bild, das heute abend versteigert wird, vor 181 Jahren gekauft hat, und alle seine Nachfahren, haben "Pope’s Villa in Twickenham" auf ihrem Schloss Sudely immer – oder wenigstens meistens – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der neue Besitzer sich ebenso generös verhalten wird – wenn es denn ein Russe wird. Denn die meisten Milliardäre auf der Welt leben zur Zeit nicht mehr in New York, sondern in Moskau. Dort soll es ganze 87 von ihnen geben. Und einige aus dieser Clique sind in die Zunft der hochgeehrten Sammler eingestiegen. Und da man weiß, dass russische Sammler besonders gerne vorzeigen, was sie so alles an Kostbarkeiten zusammengetragen haben, könnte es durchaus sein, dass der Turner uns erhalten bleibt – für ein bloßes Flugticket mehr. Im immer globaler werdenden Ausstellungs-Geschäft sind solche Umwege zur Kunst längst normal.


Manfred Eichel, Historiker, Kunst- und Literaturwissenschaftler, journalistische Stationen: "Spiegel", NDR-Fernsehen und ZDF, dort lange Jahre Chef "Aspekte", 2000 - 2003 Chefkorrespondent Kultur im Berliner ZDF-Hauptstadtstudio, seit 1988 Professor an der UdK Berlin im Studiengang Kulturjournalismus