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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.07.2008

Der Hoffnungsträger kommt

Von Richard Herzinger

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Die Siegessäule in Berlin (AP)
Die Siegessäule in Berlin (AP)

Das also ist bei dem possenhaften Gerangel um den angemessenen Ort für Barack Obamas Rede in Berlin herausgekommen: Er wird an diesem Donnerstag ganz einfach vom einen an das andere Ende der Berliner Fanmeile ausweichen und an der Siegessäule sprechen.

Mit dem Brandenburger Tor in Sichtweite wird Obama die symbolkräftigen Bilder bekommen, die ihn vor der amerikanischen, der europäischen und der Weltöffentlichkeit als berufenen neuen Führer der freien Welt ausweisen sollen. Angela Merkel, die es vor zwei Wochen noch "befremdlich" fand, einem US-Präsidentschaftskandidaten, der noch nicht einmal offiziell nominiert ist, zu einem spektakulären Wahlkampfauftritt in der deutschen Hauptstadt zu verhelfen, wird sich mit einem Besuch des Shooting Stars der US-Politik im Bundeskanzleramt schmücken können. Berlins Regierender Bürgermeister und Partykönig Klaus Wowereit bekommt das ersehnte Superevent im Berliner Sommerloch und darf hoffen, dass etwas von dem Glanz des Charismatikers aus Übersee auf ihn abstrahlt. So wie der voraussichtliche SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und seine ausgelaugte Partei ein wenig von dem flammenden Aufbruchspathos Obamas für sich abzweigen wollen.

Doch nichts ist leichter, als sich über das deutsche Provinztheater um die größte Nähe zu dem wie eine Erlösergestalt erwarteten transatlantischen Polit-Animateurs lustig zu machen. Ausreichend wohlfeiler Hohn ist auch bereits über die zu erwartenden rhetorischen Leerformeln ausgegossen worden, mit denen Obama seinem deutschen und europäischen Publikum schmeicheln wird. Dabei fliegen ihm die deutschen Herzen nicht etwa zu, weil ein neuer transatlantischer Frühling bevorstünde.

Was in Obama hierzulande meist gesehen wird, ist ein imaginäres "anderes Amerika". In einer Mischung aus Selbstgerechtigkeit und Naivität wollen viele in ihm das Dementi all dessen sehen, was sie als das hässliche Gesicht Amerikas ausgemacht haben. Wenn sie an Obamas Präsidentschaft noch zweifeln, dann allenfalls, weil sie die amerikanischen Gesellschaft für zu rassistisch halten, um einen Schwarzen zum Präsidenten zu wählen.

Dabei sollte die amerikanische Wirklichkeit, die Barack Obamas Karriere möglich gemacht hat, uns selbst beschämen: in welchem europäischen Land wäre es denn denkbar, dass ein Politiker mit diesem Hintergrund auch nur in die Nähe des höchsten Staatsamts kommt?

Jenseits aller bizarren Projektionen ist Obamas Besuch in Deutschland aber ein wichtiges, womöglich Weichen stellendes politisches Ereignis. Vielleicht bekommt Obama es ja fertig, der deutschen Öffentlichkeit einige Wahrheiten über den Ernst der Herausforderungen zu sagen, mit denen die westlichen Demokratien heute konfrontiert sind. Etwa, dass eine Erneuerung der transatlantischen Freundschaft nur über den gemeinsamen Sieg über den internationalen islamistischen Terrorismus führen kann. Dass ein möglicher Präsident Obama von den Europäern deshalb ein wesentlich stärkeres militärisches Engagement verlangen wird, vor allem in Afghanistan. Dass er die US-Soldaten vor allem deshalb aus dem Irak abziehen will, weil er ihre Verwendung am Hindukusch als dringlicher ansieht. Eine Verstärkung der dortigen US-Truppen um 10.000 Mann hat er bereits angekündigt…

Womöglich hilft Obamas Nahost- und Europareise aber auch ihm selbst, die weltpolitischen Aufgaben, die auf den nächsten US-Präsidenten zukommen, und die tatsächlicher Hilfe, die er dafür von den Europäern erwarten kann, realistischer einzuschätzen. Bei seinem kurzen Irak-Besuch sollte ihm klar geworden sein, dass ein überstürzter Abzug der USA nur den Rückfall des Landes in das Chaos provozieren würde. Und das gerade jetzt, da der Irak sich so deutlich zu stabilisieren beginnt, dass selbst deutsche Investoren vom beginnenden Boom im Zweistromland angelockt werden.

In Israel kann sich Obama davon überzeugen, wie der Iran den jüdischen Staat über seine Hilfstruppen Hamas und Hisbollah mit Raketen umstellt, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, von seiner Atomaufrüstung abzulassen. Mal mit den Machthabern in Teheran zu reden wird als Antwort auf diese Bedrohung so wenig ausreichen wie fortgesetztes Bush-Bashing.

Vermittelt Obama den Deutschen, dass er kein Friedensengel ist, der die Übel der Welt einfach hinwegzaubern kann, wird er wirklich an Statur als neuer Hoffnungsträger der westlichen Welt gewinnen. Gerne lässt sich Obama mit John F. Kennedy vergleichen. Dabei wird oft vergessen, dass Kennedy 1963 die Berliner mit dem Aufruf zur standfesten Verteidigung der Freiheit gegen totalitäre Bedrohungen begeisterte.

Obama hat allen Anlass, daran anzuknüpfen. Etwa durch den Hinweis, dass die Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, bevor sie zur Fanmeile degradiert wurde, an einen Aufstand gegen eine totalitäre Diktatur erinnerte.


Dr. Richard Herzinger, Jahrgang 1955, ist Journalist und Buchautor. Er arbeitet als außenpolitischer Redakteur bei der "Welt am Sonntag". Zuvor war Herzinger Deutschlandkorrespondent der in Zürich erscheinenden "Weltwoche" und hatte als Redakteur und Autor der Wochenzeitung "DIE ZEIT" gearbeitet. Letzte Buchveröffentlichungen: "Die Tyrannei des Gemeinsinns - ein Bekenntnis zur egoistischen Gesellschaft" und "Republik ohne Mitte".

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