Hörspielmagazin, vom 30.07.2019, 20:45 Uhr

Der Hörspielkomponist Lutz GlandienMusik aus Stichwörtern

Was braucht man, um für ein Hörspiel die Musik komponieren zu können? Welche Zutaten erzeugen die Inspiration, erzeugen die nötige Gestimmtheit, auf die es ankommt? Der Komponist Lutz Glandien, der die Musik für über einhundert Hörspiele geschaffen hat, im Portrait.

Abgebildet: Shorty Scheumann (Ritschi Ratte), Ursula Werner (Maika Bärin), Lutz Glandien (Komposition), Carmen-Maja Antoni (Mauze Katze), Barbara Philipp (Kranja Krähe) v.lks. (Deutschlandradio / Jonas Maron)
Lutz Glandien bei der Produktion eines Kinderhörspiels (Deutschlandradio / Jonas Maron)

Drei Stichwörter und dann geht’s los!

Lutz Glandien: "Der Weg wenn wir ein Stück produzieren ist immer der, ich bekomm das Textbuch, les mir das zwei-, dreimal durch, … und dann leiste ich Vorarbeiten, zwei, drei Wochen lang und mache für mich so Studien, wo ich denke, das könnte passen, aber der eigentliche Moment kommt dann, … dass ich erst wirklich anfange zu arbeiten, wenn ich die … Tonaufnahmen habe, … also die aufgenommenen Texte im Rohschnitt. Und da fang ich dann meistens komplett neu an und komponiere die Musik direkt auf das gehörte Wort. Also auf die Ton-Art, auf den Rhythmus."

Für den Komponisten Lutz Glandien entsteht die Komposition von Hörspielmusiken in einem intensiven Prozess kommunikativer Zusammenarbeit.

Glandien: "Während der Mischung wird auch noch ständig geändert, wo die dann in der Mischung merken, das geht nicht, mach was neues, … und dann kommt ne mail, wir brauchen das und das neu, und dann sitz ich da und komponiere per Anruf. Ich krieg drei Stichwörter und dann geht’s los!"

Hörbeispiel

Das Hörspiel 'Ichi oder der Traum vom Roman' nach einem Text von Sabine Bergk, von DeutschlandradioKultur 2014 produziert, folgt der surreal anmutenden Erzählung von Ichi, die obdachlos, mit einem toten Vogel in der Hand, als wäre dieser nun ihr Schicksal, durch die Welt streift und versucht, einen Roman über ihr Leben zu schreiben.

Glandien: "Also ich mach das jetzt seit 35 Jahren, … und ich hab einen unübersehbaren Pool von Musiken produziert, also vielleicht 200 Stunden, und hab zehntausende Schnipsel Instrumentenklänge und alles, irgendwie, im Computer, also auf 10 Terabyte Festplatten, und ich führe dann ein kurzes Gespräch am Telefon, und dann tackert das los im Kopf. Das ist Handwerk."

Eine ewige Suche

Das Stück 'Schwarze Vögel', ein Krimi von Gunnar Gunnarson, mutet an wie ein Hauff'sches Märchen, mit den klassischen Figuren guter und schlechter Bruder, tatsächlich finden sich die beiden rätselhaften Tode des einen und der Frau des anderen aber in dänischen Gerichtsakten aus dem 19. Jahrhundert.

Glandien: "Das Hauptstichwort war Kälte, Kälte, Einsamkeit, Verlassen, und … dann versuch ich das dazustellen. Man versucht sich darein zu fühlen, … was ist das, was machen die da, oder was klingt dazu? Ödnis, Weite, menschenleer, da sucht man und guckt solange, bis man sagt, ja, das gefällt mir, das passt. (lacht) Es ist eine ewige Suche, näher kann ich‘s nicht sagen.

Hörbeispiel

Glandien: "Wir bewegen uns ja in der … sogenannten 'angewandten Musik', … also Musik die mit Genren zusammenarbeitet, mit Bild, mit Text, mit Bühne, mit Film, und das ist halt immer ein Kompromiss. "

Lutz Glandien ist in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen.

Glandien: "Mein Vater hat in den fünfziger Jahren Lieder und Kompositionen für die Karnevalsveranstaltungen gemacht, … damals gabs ja in der DDR noch Karnevalsveranstaltungen, die wurden denn ja irgendwann abgeschafft oder verboten. … Meine Mutter hat Akkordeon und Mundharmonika gespielt und mein Bruder hat Gitarre gespielt. Ich hab dann auch angefangen Musik zu machen, Klavier gelernt, später mir Gitarre selbst beigebracht und Schlagzeug und Bass."

Auf ein Betriebswirtschaftsstudium und nach einem Abstecher nach Dresden als 'Hauskomponist' am Schicht-Theater, folgte ein Kompositions-Studium an der Hanns Eisler Hochschule bei Wolfram Heicking, der zeitlebens versuchte, die E- und U-Musik unter einen Hut zu bringen, und anschließend an der Akademie der Künste in Berlin. Hier hatte Georg Katzer ein Elektroakustisches Studio aufgebaut. Lauter gute Voraussetzungen für die Hörspiel-Komposition. Wobei Lutz Glandien auch Neue Musik komponiert, seine Kinderoper 'Der Ring' wurde 2013 im Gewandhaus in Leipzig uraufgeführt. Er erhielt Kompositionspreise und zahlreiche Stipendien u.a. in Paris, Aarhus und Tokyo. Hörspielmusiken schreibt er auch für Kinder.

Hörbeispiel

Glandien: "Kinderhörspiel bedeutet … es gibt keine Synthesizer, keine Libraries oder alles sowas, sondern ich bau mir Instrumente oder umringe mich mit den Instrumenten, die ich habe, und spiele die meisten Sachen wirklich live ein. Und das ist dann der Gestus, also ich bin dann quasi ein spielendes Kind."

Es muss Spiel sein

'Ampelmännchen sind keine Haustiere' ist ein Hörstück von Anna-Luise Böhm. Auf ihrem Schulweg müssen Tim und Clärchen eine schwierige Rettungsaktion durchführen: Orje, ein kleines grünes Ampelmännchen, steckt in Schwierigkeiten. Sein bester Freund, das rote Ampelmännchen, ist spurlos verschwunden. Clärchens Vater ist natürlich strikt gegen jede Einmischung, aber die Kinder wissen es wie immer besser. Ganz nebenbei wird in dem Stück ganz sacht Verkehrserziehung betrieben. Die Musik dazu ist offenbar direkt in der Seele der Kinder entstanden.

Hörbeispiel

Glandien: "Ja, ich spring dann im Studio rum, … ich fang dann an zu spielen, und ich spiel ja eh, also komponieren ist ja für mich spielen, zusammenfügen im Spiel, und da gibt’s dann Sachen, die man vermeidet, also man vermeidet natürlich 'ne gewisse, ich sag mal, erwachsene Ernsthaftigkeit, … die vermeidet man. Es muss Spiel sein.

Hörbeispiel

'Vater Goriot' entstand 2018 als Dreiteiler für Deutschlandfunk Kultur. Der Roman von Honoré des Balzac, 1834/35 veröffentlicht,  ist Teil seiner 'Comédie humaine'.

Glandien: "Also für dieses Stück … sind Instrumente, die ich in den letzten 20 Jahren gebaut habe, zum Einsatz gekommen, … das sind Metallophone, ein riesen Xylophon und Flaschenspiele und all solche Sachen. Das Flaschenspiel das existiert immer noch original von 1986, das sind 14 Flaschen, die sind chromatisch gestimmt, in dem man Wasser eingefüllt hat, verkorkt und verklebt und da ist noch Original Ostwasser drin."

Mensch kommt immer vor Kunst

Vater Goriot ist wie besessen von seinen beiden Töchtern. Man könnte ihn als französischen 'Lear' betrachten, der seinen Töchtern seine Habe zu Lebzeiten vermacht, zum Dank von ihnen verachtet und gedemütigt wird, und seinen Lebensabend in einem stinkenden, heruntergekommenen Hotel zubringen muss.

Glandien: "Das spielt ja im 19. Jahrhundert … und dann kamen wir auf die Idee, ein präpariertes Klavier zu nehmen, und dann habe ich das Klavier, was ich habe, präpariert, so in Cage'scher Manier, also Schrauben, Nägel, Hölzer, Gummis, alles, was die Werkzeugkiste her gab, eingebaut, und dann gab das so einen ganz merkwürdigen Klang, der plötzlich zu dieser Pension passte, dieses Kaputte, Verrottete, Schiefe, Atonale. Und das war dann eigentlich so der Stil.

Hörbeispiel

Glandien: "Es gibt Stücke, wo ich das Gefühl habe, ich kann mich sehr gut einbringen, oder vieles von dem, was ich an Ideen hatte, … trifft auf offene Ohren, und es gibt Stücke, wo ich völlig falsch liege. Und wo ich dann eher einem Regie-Konzept folge, obwohl ich davon emotional weniger überzeugt bin. Generell ist es in meinem Leben immer so, Mensch kommt immer vor Kunst. Und die Beziehung, die menschliche Beziehung zu den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, die ist grundlegend wichtiger als das, was dann am Ende als Kunstwerk da raus kommt, weil, das Kunstwerk sendet sich weg und ist in zwei Monaten vergessen, aber die Beziehung, die muss Bestand haben, das Große kann man nicht riskieren wegen kleiner Empfindlichkeiten."

Abonnieren Sie unseren Newsletter!