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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.04.2012

Der grässliche Blutsauger auf Deutsch

Bram Stokers "Dracula" in zwei neuen Übersetzungen

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Bela Lugosi in der Dracula-Verfilmung von 1931. (AP Archiv)
Bela Lugosi in der Dracula-Verfilmung von 1931. (AP Archiv)

Derzeit gruseln sich Millionen weltweit über die <em>vampire diaries</em>, die modernen Vampirgeschichten. Deren Urvater ist Graf Dracula. Zum 100. Todestag von Bram Stoker sind nun zwei neue Übersetzungen des Romans erschienen: eine betont altmodische und ein Text von größerer Differenziertheit.

Der anhaltende Boom von Vampirgeschichten macht auch vor dem Vater aller Vampirgeschichten nicht halt. Anlässlich des 100. Todestages veröffentlichen gleich zwei Verlage Neuübersetzungen des umfangreichen Klassikers, obwohl einige Ausgaben auf dem Markt sind.

Der unheimliche Graf Dracula haust auf einem düsteren Schloss in Transsilvanien. Dem jungen Juristen Jonathan Harker, der während eines geschäftlichen Besuchs dort gefangen gehalten werden soll, gelingt in letzter Minute die Flucht.

Freilich hat sich der grässliche Blutsauger mittlerweile ein anderes Betätigungsfeld gesucht: die von Menschen wimmelnde Großstadt London. Dort tun sich Jonathan und seine Frau Mina, drei weitere Männer sowie der alte holländische Arzt van Helsing zusammen, um dem Grafen das tödliche Handwerk zu legen. Unsägliche Mühen und Gefahren warten auf die tapferen Helden, an deren Ende schließlich eine weitere Reise nach Transsilvanien steht.

Erzählerisch geschickt werden unterschiedliche Perspektiven entwickelt: Tagebucheinträge der Figuren, vereinzelte Zeitungsausschnitte, Logbücher und Briefe vermitteln umständlich und detailverleibt verschiedene Ansichten der Ereignisse.

Gruselige Atmosphären vermag der Roman zu erzeugen, Spannungsbögen hingegen nicht so recht, obwohl wir Lesenden oft Informationen erhalten, die sich die Protagonisten wechselseitig aus Rücksicht oder aus Besserwisserei verschweigen. Zuweilen mit fatalen Folgen.

Um das Böse zu bekämpfen, verbinden die Helden "wissenschaftliche" Analysen und Methoden (die indessen eher einer literarischen Laienphantasie als dem Stand zeitgenössischer Wissenschaft entsprechen) mit Methoden des Magischen und Parapsychologischen. Schwüle sexuelle Anspielungen verraten, wie gefährlich den Zeitgenossen der Vampirismus als Symbol für verbotene Wollust gegolten haben muss.

Schwer auszuhalten sind heute die soziale Arroganz und eine Arroganz gegenüber dem Fremden (den Rumänen, den Slowaken ebenso wie den psychisch Kranken) sowie die Geschlechterverhältnisse: Den fünf Helden steht eine zwar von allen ob ihrer Intelligenz bewunderte Frau gegenüber. Aber deren Rolle bleibt letztlich die der opferbereiten Trösterin für die verletzten Seelen der Männer.

Archetypische Helden, der klassische Kampf der Guten gegen das Böse, die Omnipräsenz des Todes und der Schauder des Zwischenreichs der Untoten - das macht den Roman seit einem Jahrhundert so immens erfolgreich.

Die handliche Reclam-Ausgabe enthält ein informatives Nachwort und Anmerkungen; Ulrich Bossiers Übersetzung liest sich gut, ist aber betont umständlich und altmodisch. Die Übersetzung von Andreas Nohl im Steidl-Verlag verleiht dem Text eine Frische und Differenziertheit, die ihm gut steht und nah am englischen Original bleibt. So lässt er den Nicht-Muttersprachler van Helsing des Öfteren einfach, grammatisch nicht immer ganz korrekt sprechen - wie das Original. Ein ausführliches Nachwort und umfangreiche Anmerkungen vervollständigen den schönen Band.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Bram Stoker: Dracula
Aus dem Englischen von Andreas Nohl
Steidl Verlag, Göttingen 2012
590 Seiten, 28 Euro

Bram Stoker: Dracula
Aus dem Englischen von Ulrich Bossier, Nachwort von Elmar Schenkel
Reclam Verlag, Stuttgart 2012
606 Seiten, 24,95 Euro

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