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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.03.2011

Der geschickte Mensch

Ian Morris: "Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden", 656 S., 24,90 Euro

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In Ost und West verfolgt Morris' eindrucksvolles Buch zivilisatorische, kulturelle, wirtschaftliche, politische Entwicklung bis heute. Es macht klar, dass die Dominanz des Westens nicht determiniert war - und auch, dass sie künftig keineswegs garantiert ist.

Vor sechs oder sieben Millionen Jahren waren einige ostafrikanische Affen in der Lage, aufrecht zu gehen, vor zweieinhalb Millionen Jahren hatte ihr Gehirn ein Volumen erreicht, das ihnen erlaubte, Steine als Werkzeuge benutzten. Von Paläoanthropologen im 20. Jahrhundert erhielten sie den Titel "homo habilis" - geschickter Mensch.

Der Brite Ian Morris, Archäologe und Historiker an der kalifornischen Stanford-Universität, beginnt sein neues Buch mit der Schilderung jener fernen Zeiten, und es endet mit einer Vorausschau auf die Entwicklung im 21. Jahrhundert. Dazwischen liegen gut 650 Seiten, auf denen Morris nicht weniger als die Entwicklung der Welt nachzeichnet: das Entstehen und Vergehen von Zivilisationen, Aufstieg und Untergang von Kulturen. Angesichts eines so üppigen Themas erscheint der Umfang seines Buches geradezu lächerlich bescheiden. Und doch ist es ein eindrucksvolles Buch, ungemein reich an Informationen, erhellend in der Verbindung interdisziplinären Wissens, klug und unterhaltsam geschrieben. Erfrischend unakademisch, dafür höchst anschaulich.

Der deutsche Titel stellt eine Frage: "Wer regiert die Welt?". Im englischen Original "Why the West Rules – For Now" ist die Antwort bereits erkennbar: Der Westen regiert die Welt. Dass es sich bei dieser Erkenntnis allerdings nicht um eine Selbstverständlichkeit handelt, verrät der kurze Nachsatz "For Now". Denn, so Morris, Geschichte verläuft nicht linear.

Bei Morris ist "Westen" ein geografischer Begriff, keine politische Größe. Erst ab ca. 17.000 vor unserer Zeit, infolge globaler Erwärmung, hätten "Westen" und "Osten" (China) eine Bedeutung bekommen. Die Wiege des Westens wurde die Gegend des "Fruchtbaren Halbmonds": Hügelland entlang der Täler von Jordan, Euphrat und Tigris. Günstige geografische Gegebenheiten hätten gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht. Guter Ackerboden und Wasser die Kultivierung der Landwirtschaft, Küstennähe überseeischen Handel, Holz- oder Kohlevorkommen die Industrialisierung.

In Ost und West verfolgt der Autor zivilisatorische, kulturelle, wirtschaftliche, politische Entwicklung bis heute. Er macht klar, dass die Dominanz des Westens im Verlauf der Menschheitsgeschichte keineswegs determiniert war. Und auch, dass sie künftig keineswegs garantiert ist. Er widerlegt rassistische Theorien, die davon ausgehen, die Menschen im Westen seien einfach klüger als andere. Biologistischen Argumentationen erteilt er eine klare Absage: "Alle heute lebenden Menschen stammen von Afrikanern ab, keine und keiner trägt genetische Spuren des Neandertalers oder des Peking-Menschen in sich." Anhand von Höhlenmalereien weist er nach, dass die Kreativität des Europäers für Jahrtausende unterbrochen war. Vom 6. Jahrhundert unserer Zeit bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, habe der Osten einen höheren gesellschaftlichen Entwicklungsstandard gehabt.

Dessen Niveau bemisst Morris nach vier Kriterien: Energieausbeute, Verstädterung, Informationstechniken und die Kapazität, Krieg zu führen. Je nach Verhältnis dieser Parameter zueinander könne eine Entwicklung aber auch rückläufig werden.

Entsprechend zwiespältig ist seine Prognose für unser 21. Jahrhundert. "Kurzfristig betrachtet, legen die Muster, die sich in der Vergangenheit herauskristallisiert haben, nahe, dass der Wechsel von Macht und Wohlstand von Westen nach Osten unausweichlich ist." Morris‘ Buch ist eine große Erzählung gesellschaftlicher Entwicklung. Die Vergangenheit ist darin nicht fern, die Gegenwart nur ein Aussichtspunkt, das menschliche Dasein überraschend und immer gefährdet.

Besprochen von Carsten Hueck

Ian Morris: Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
Aus dem Englischen von Klaus Binder, Waltraud Götting und Andreas Simon dos Santos
Campus Verlag Frankfurt/New York 2011
656 Seiten, 24,90 Euro

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