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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.11.2011

Der Geist des toten Country-Stars

Steve Earle: "I'll Never get Out Of This World Alive", Blessing Verlag 2011, 384 Seiten

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Der US-Musiker Steve Earle (AP Archiv)
Der US-Musiker Steve Earle (AP Archiv)

Der Country-Rocker Steve Earle hat bereits mehrere Grammys gewonnen, füllt in Europa aber nur kleinere Hallen. Parallel zu seinem neuen Album ist unter gleichem Titel nun auch sein Romandebut erschienen - eine Hommage an Earles großes Vorbild Hank Williams.

Der 55 jährige Wahl-New Yorker Steve Earle ist in erster Linie als Musiker bekannt und genießt als solcher hohe Anerkennung in der einschlägigen Countryrock-Szene. Schriftstellerisch trat er vor zehn Jahren zum ersten Mal mit einer Kurzgeschichten-Sammlung in Erscheinung. Nun legt er mit "I’ll Never get Out of this World Alive" sein Romandebüt vor.

Doc, ehemals ein aufstrebender Arzt aus guter Familie, schlägt sich zu Beginn der 60er Jahre in der texanischen Provinz mit illegalen Abtreibungen durch. Seine Zulassung hat er zehn Jahre zuvor verloren, weil er als Leibarzt der Country-Legende Hank Williams in dessen Tod verwickelt war. Doc hatte Hank die letzte Spritze Heroin verabreicht. Seitdem plagen ihn Schuldgefühle - und der Geist des toten Country-Stars. Unter anderen gesellschaftlichen Außenseitern wie Nutten, Dealern und Kleinkriminellen fristet er seine Junkie-Existenz. Als die junge Mexikanerin Graciella in sein Leben tritt, die sich nach erfolgter Abtreibung als engelsgleiches Wesen mit heilerischen Fähigkeiten erweist, erhält sein Leben plötzlich wieder eine Perspektive…

Earle hat sich geschickter weise an eine Debütanten-Grundregel gehalten, indem er eine Figur in den Mittelpunkt stellt, mit der er sich auskennt. Hank Williams ist musikalisch eines von Earles großen Vorbildern. Er liefert auch den Titel des Buches: "I’ll Never Get Out Of This World Alive" war ein postumer Nr. 1-Hit von Williams. Der historische Hank Williams starb 1953, unter anderem an einer Überdosis Heroin. Auch Earle war jahrelang heroinabhängig und lebte unter entsprechenden Umständen. Für seine Geschichte aktiviert er Hanks Geist - und hetzt diesen dem imaginären "Doc" an den Hals.

Steve Earle erzählt mit viel Empathie für seine Figuren. Der örtliche Polizist kommt genauso sympathisch rüber wie der Kleindealer oder die Nutten. Hanks Geist ist zwar ein Nervsack, im Endeffekt aber harmlos. Einzig der katholische Priester, der von Graciellas Wunder wirkender Engelhaftigkeit und den todsündigen Abtreibungen angezogen wird, erweist sich als echter Stinker.

Die einfühlsamen Schilderungen mögen mit der sozialen Realität des Milieus nicht wirklich übereinstimmen (und von Kritikern als Romantisierung des Elends abgetan werden), sorgen beim geneigten Leser aber für Identifikation und emotionale Wärme. Das geschickte Einflechten historischer Ereignisse wie der Besuch des Präsidentenpaares am Vorabend der Ermordung John F. Kennedys und vor allem die faszinierend zwischen Fakt und Fiktion schillernde Figur des Hank Williams machen den speziellen Reiz aus.

Die Sprache des Romanes ist, dem Sujet entsprechend, eher drastisch als kunstvoll-elegant (was auch der Übersetzung geschuldet sein mag) und erinnert streckenweise u.a. an Charles Bukowski. Aber der Autor beweist mit seinem Debütroman, der übrigens parallel zu einem gleichnamigen Album erscheint, dass sein Talent als Geschichtenerzähler auch über eine lange Strecke trägt.


Steve Earle: I’ll Never get Out Of This World Alive
aus dem Amerikanischen von Gunnar Kwisinski
Blessing Verlag 2011
384 Seiten, 19,95 Euro

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