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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.06.2017

"Der futurologische Kongress" in DortmundWenn die Wahrheit über die Welt keiner mehr kennt

Von Christiane Enkeler

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Der polnische Schriftsteller, Essayist und Philosoph Stanisław Lem, aufgenommen in seiner Bibliothek in Krakau im Jahr 1975 (picture-alliance / dpa / Forum Jalosinski)
Der polnische Schriftsteller, Essayist und Philosoph Stanisław Lem (picture-alliance / dpa / Forum Jalosinski)

Das Theater Dortmund entdeckt im berühmten Roman von Science-Fiction-Philosophie-Weltstar Stanisław Lem einen Stoff, der in unsere Welt passt. Sein Weltkongress wird zum G20-Gipfel, die Regierung kämpft nun auch gegen Terroristen - und Lems Dystopie wird tatsächlich gegenwärtig.

Ijon Tichy, Stanislaw Lems bekannter Sternenfahrer, wurde auf die Erde strafversetzt. Sein Vergehen: Wider Befehl ein abtrünniges Quantenschaum-Modul an die ISS angedockt zu haben. So erzählt das Dortmunder Theaterteam um Regisseur Nils Voges in "Der futurologische Kongress" die Geschichte. Die ISS ist nicht das einzige konkrete Einstreusel aus unserer Welt.

Dabei werden auf dem futurologischen Kongress sämtliche Weltprobleme behandelt, die man sich nur vorstellen kann. Der Weltkongress ist hier der G20-Gipfel. Er findet nach wie vor im Costricana der Romanvorlage von Stanislaw Lem statt, aber die begleitenden Proteste, die schon Lem festhielt, wirken damit gut vorstellbar und sind so, anders als bei Lem, konkret mit dem Kongress verknüpft. Die costricanische Regierung kämpft nicht nur gegen Protestler, sondern auch Extremisten und Terroristen. Und sie geht nicht nur mit großer Gewalt vor, sondern auch mit so genannten "Benignatoren": chemischen Substanzen, die zu Gewaltlosigkeit und Gewissen zwingen.

Besonders diese Proteste und die Szenen im All wirken eindrucksvoll in der Darstellungsform, die Nils Voges Performer um die Gruppe sputnic entwickelt haben: etwas, das sie "Live-Animation-Cinema" nennen. Das Publikum sieht im Grunde genommen einen Film auf der Leinwand.

Eindrucksvolle Animationen

Auf der Bühne davor stehen Animationstische, jeder davon ausgestattet mit einer darüber schwebenden, auf den Tisch gerichteten Kamera. Da in der Ausweichspielstätte "Megastore" die Bühne unten liegt, können die Zuschauer sehen, was die Darsteller auf den Tischen bewegen. Es sind Animationsplatten, insgesamt 120 Stück. Die Kameras nehmen nun nicht Einzelbilder auf, sondern filmen, jeweils aktiviert durch einen Button, den die Schauspieler drücken können. Kleine Mechanismen, ähnlich wie bei Glückwunschkarten, bewegen in den Zeichnungen auf den Animationsplatten Münder und Augen oder einen Molotow-Cocktail auf seiner Flugbahn. Echte Zäune und Drähte sind in die Bilder collagiert. Diese Szenen sind sehr eindrucksvoll.

In der Mitte steht ein Modell von der ISS. Tichy im Raumfahrerkostüm schwebt als handgroße Figur um das ISS-Modell herum, an einem Stab geführt. Die gerade mal vier Schauspieler müssen auch synchronisieren. Frank Genser, eine knappe Woche vor der Premiere für den erkrankten Carlos Lobo eingesprungen, spielt den Tichy eins a.

Leben in einer "Pharmakokratie"

Lems Hauptfigur Ijon Tichy wird nach den Protesten in einen Tiefschlaf versetzt und ein paar Jahrzehnte später erst wieder aufgetaut. Bis dahin ist die Entwicklung der Psychosubstanzen derart fortgeschritten, dass das komplette Gemeinwohl auf ihnen aufbaut: Wir befinden uns nicht mehr in einer Kryptochemokratie wie noch zu Zeiten des Kongresses. Die Figuren des Science Fictions leben jetzt in einer Pharmakokratie. Die Wahrheit über die Welt kennt keiner mehr. Sie ist unter zig Schichten von Illusionen und Halluzinationen verborgen, für die eine Menge Mittelchen sorgen. Der Weltpräsident stellt gleichzeitig diese Stoffe her.

Die Dortmunder Dramaturgie der Lem-Geschichte erinnert gleichzeitig an ein paar Filme: "Das fünfte Element". "2001: Odyssee im Weltraum". "Matrix" natürlich. Sie fügt einen Rahmen ein, in dem Tichy Astronaut sein darf. Das macht es einerseits konkreter, andererseits auch schon mal logisch schwierig. Die Handlung rast. Und Lems Text ist bereits sprachlich extrem stark, allein schon wegen der Wortneuschöpfungen. Und doch wirkt die Lem'sche Dystopie in ein paar Punkten gegenwärtiger – vielleicht auch dadurch, dass die Zeichnungen sehr "handmade" wirken. Dadurch stehen die Halluzinationen nicht im Vordergrund. Sondern die "alternativen Wahrheiten". Die "Interferenzen" zwischen Politik und Werbung. Konflikte, Straßenkämpfe. Der Einsatz von chemischen Stoffen im Krieg und von Neuroenhancement. "Der futurologische Kongress" ist in jedem Fall Stoff, der in unsere Zeit passt.

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