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Musikfeuilleton | Beitrag vom 26.02.2021

Der frühe Jazz in der SowjetunionRed and hot

Von Marika Lapauri-Burk

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Ein geputztes, golden strahlendes Saxophon liegt auf einem knallrotem Tuch. (IMAGO / agefotostock)
Erschwertes Musizieren: Jazzinstrumente wie das Saxofon waren in der frühen Sowjetunion nicht erhältlich. (IMAGO / agefotostock)

Ende der 1920er-Jahre wurden Jazz-Musiker wie Valentin Parnach in der Sowjetunion noch bejubelt. Aber schnell geriet der Jazz und damit auch seine Protagonisten unter den Bann der stalinistischen Ideologie.

Anfang der 1920er-Jahre ist Russland durch den Ersten Weltkrieg und die bolschewistische Revolution erschüttert. Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren. Es herrschte Hungersnot. Gegen die katastrophale Wirtschaftslage führte Lenin die sogenannte NÖP ein, die Neue Ökonomische Politik, quasi-kapitalistische Wirtschaftsverhältnisse innerhalb des ersehnten Sozialismus. 

Der Weg hinter den Eisernen Vorhang

Der Mann der Stunde war der Dichter und Tänzer Valentin Parnach. Dieser kehrte 1922 aus Paris über Berlin nach Russland zurück. Zuvor hatte er sich mit einer Bitte an den Avantgarde-Theaterregisseur Wsewolod Meyerchold gewandt: "Ich möchte die Instrumente der neuen afroamerikanischen Orchester nach Moskau bringen. Das kostet nur 20.000 Deutsche Mark. Bitte besorgen Sie einen Scheck für diesen Zweck." Valentin Parnach kauft die Ausrüstung für eine Jazzband, und kehrt voller Pläne nach Russland zurück.

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Am 1. Oktober 1922 kündigte die Zeitung "Izvestja" das "erste exzentrische Jazzbandkonzert Parnachs in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik" an. Ein Riesenerfolg. Parnach selbst führte dabei Fantasietänze vor. 

Parnachs Unternehmungen haben in den Werken der damaligen Intellektuellen deutliche Spuren hinterlassen: bei Eisenstein, Schostakowitsch, Bulgakow und Majakowski. Der Theatermacher Meyerchold bot ihm gleich nach dem ersten Konzert eine Zusammenarbeit an und stellte bald darauf seine Theatermethode vor.

Parnach wird in diesen Jahren mit Einladungen überhäuft. Er inszeniert Tänze, hält Vorträge, bringt den Menschen die Synkope bei, schreibt Artikel unter Titeln wie "Hurra, Jazzband!" und das Publikum ruft begeistert "Hurra!" zurück. 

Der Dichter Jewgenij Gabrilowitsch erinnerte sich später: "Woher ich das Repertoire besorgte? Schallplatten gab es nicht, Noten fast nicht. Aber manchmal hatten die Verleger auf Titelseiten von herausgegebenen Romanzen Noten der Anfangstakte bekannter Melodien gedruckt. Diese Melodien hörten etwa bei dem achten, neunten Takt auf und ich versuchte, sie auf meine Art weiter zu bearbeiten." Parnachs Jazzorchester wird einem staatlichen akademischen Theater zugeordnet.

Der russische Jazz beginnt zu swingen

Kurz danach tritt in der Öffentlichkeit ein zweites Jazzorchester auf, die "AMA-Jazzband" von Aleksander Zfasman. Zfasman, geboren 1906, hatte am Moskauer Konservatorium studiert und war mit den Pianisten Heinrich Neuhaus, Aleksander Goldenweiser, Konstantin Igumnow und Dmitrij Schostakowitsch gut befreundet. Durch Zfasmans phänomenale Musikalität fängt der russische Jazz erstmals an zu "swingen".

Parnach reiste noch einmal nach Frankreich. Als er 1931 nach Russland zurückkehrte, empfing man ihn nicht mehr mit Fanfaren. Das Land hatte sich zunehmend von der Welt isoliert. Bereits 1929 war in Russland ein "Beschluss für Überläufer" verabschiedet worden. Allen Russen, die im westlichen Ausland unterwegs gewesen waren und sich dort "im Lager der Feinde der Arbeiterklasse" befanden, wurde die Rückkehr verweigert. 

Von den Repressalien der 1930er-Jahre bleibt niemand verschont. Parnachs Künstlerfreund Meyerchold wird erschossen, sein Zimmergenosse, der Dichter Ossip Mandelstam, stirbt qualvoll im Lager. Der "Eiserne Vorhang" wird errichtet.

Aus Jazz wird Estradenmusik

Doch auch die Machthaber in Russland wussten, dass Musik ein Mittel der Ideologie sein kann. Durch Umbenennung werden Begriffe oder Namen "sowjetisiert". So erfindet man in Russland für die Unterhaltungsindustrie den Begriff ESTRADE. Die Jazzmusik wird in "Estradenmusik", umbenannt.

1934 dreht Grigori Alexandrow nach dem Vorbild Hollywoods das erste sowjetische Musical mit dem Titel "Lustige Burschen". Dieser Film vermittelt ein neues heiteres Bild von Sowjetrussland und wird ein außerordentlicher Erfolg.

Das verhinderte nicht, dass zum Kinostart beide Drehbuchautoren und mehrere Mitglieder des Filmteams bereits Repressalien erlitten hatten und in Arbeitslager verbannt worden waren. Parnach und einige andere Beteiligte am Film werden im Abspann gar nicht erst erwähnt.

Ein älterer Mann mit weißem Haar steht hinter einer großen Kamera und schaut begeistert auf die Filmspule. (IMAGO / ITAR-TASS)Filmemacher mit Musikgeschmack: Grigori Alexandrow war ein großer Fan das Jazz. (IMAGO / ITAR-TASS)

Der Trompeter Eddie Rosner, 1930 engagiert von den berühmten Berliner "Weintraub's Syncopators", war vor Nazideutschland nach Warschau geflohen, wo er 1936 sein eigenes Jazzorchester gründete. Dies war aber nur der erste Schritt in seiner langen Emigrationsgeschichte. Am 17. Oktober 1939 flüchtete Rosner mit seiner neugegründeten Familie aus Polen nach Weißrussland. Der KP-Sekretär Ponomarenko ermöglichte es Rosner, in Minsk ein staatlich finanziertes Jazzorchester aufzubauen. 

Unterwegs in "Jazz-Waggons"

Alle 32 Mitglieder des "Belorus-Orchesters" waren exzellente Musiker, die in der Vorkriegszeit in verschiedenen europäischen Städten ausgebildet worden waren. Die emigrierten Orchestermusiker hatten in der Regel keinen festen Wohnsitz. Sie lebten mit ihren Familien in Hotels, später während des Krieges in sogenannten Jazz-Waggons, mit denen sie in der nachfolgenden Zeit immer weiter nach Osten zogen.

Am 22. Juni 1941, einem Sonntagmorgen während einer Tournee in Kiew, versucht Rosner, im Radio westliche Sender mit Jazzmusik zu empfangen. Zufällig erwischt er einen Bericht über deutsche Luftangriffe. So erfährt Rosner vielleicht als einer der ersten in der Stadt, dass der Zweite Weltkrieg auch für die Sowjetunion begonnen hatte. 

Jazz im Arbeitslager 

Im Arbeitslager gelingt es Rosner, mit anderen Musikerhäftlingen ein Jazzorchester aufzubauen. Rosners Leben swingt auch als Häftling weiter. Erst nach Stalins Tod wird Rosner 1953 freigelassen. Er baut wieder ein neues Orchester auf. Er hat zwar den Beinamen "der weiße Louis Armstrong", aber sein Künstlerschicksal steht bis heute nicht im Rampenlicht, sondern gleichsam hinter dem Eisernen Vorhang.

Im Jahr 1948 wird eine Anordnung erlassen, gemäß der die sogenannte formalistische Richtung, also die Musik von Schostakowitsch, Prokofjew, Chatschaturian und anderen, als "fremd für die Sowjetbürger" kritisiert wurde. Obwohl der Begriff "Jazz" in dem Text nicht explizit erwähnt wird, ist das Wort "Jazz" für weitere acht Jahre aus dem Sprachgebrauch verbannt.

Verboten sind nun sogar Musikinstrumente wie die sechssaitige Gitarre und das Saxofon. Diese Zeit heißt in der sowjetischen Musikgeschichte "die Epoche der administrativen Begradigung des Saxofons".

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