Hörspielmagazin, vom 09.05.2020, 21:15 Uhr

Der Experimentalmusiker David Rothenberg Jam-Session mit der Nachtigall

Seit 2014 hat David Rothenberg jeden Frühling in Berlin verbracht, um dort zum Gesang der Nachtigallen auf seiner Klarinette zu improvisieren. Zusammen mit Autor Tobias Wenzel hat er das nun abgesagte Konzert zwischen Mensch und Vogel doch noch auf die Beine gestellt, wenn auch unter gänzlich anderen Voraussetzungen.

Der Musiker David Rothenberg spielt seine Klarinette mit geschlossenen Augen während eines Freiluftkonzerts im Brooklyn Botanic Garden in New York am 21. Juni 2017. (imago images / Xinhua / Wang Ying)
Der Musiker David Rothenberg spielt seine Klarinette während eines Freiluftkonzerts in New York (imago images / Xinhua / Wang Ying)

David Rothenberg sitzt in seinem Studio in New York. Der US-amerikanische Naturklangforscher und Experimentalmusiker ist aber mit dem Kopf in Berlin:

David Rothenberg/Voice-Over: "Berlin ist ja ein großartiger Ort, um sich musikalisch auszuprobieren. Hier ist die elektronische Musik entstanden. Diese seltsamen Laute, die erst wie Lärm wirkten, werden nun als Musik betrachtet. Und Nachtigallen produzieren ja alle möglichen Rhythmen, Klicklaute und Geräusche. Da gibt es diesen Klick: [macht ihn nach], und dann das hier: [macht es nach] Und dann ist da noch dieser Laut, der Wissenschaftlern zufolge extrem sexy wirkt: [macht ihn nach]. "

Rothenberg ist noch ganz euphorisiert von dem, was sechzehn Stunden zuvor um Mitternacht deutscher Zeit geglückt ist:

Ausschnitt Virtuelles Duett: Rothenberg (New York) musiziert mit Nachtigall (Berlin)

David Rothenberg spielt aus New York live ein Duett mit einer Nachtigall im Gebüsch des Treptower Parks in Berlin. Mensch und Vogel virtuell verbunden. Ich beschalle die Nachtigall über einen Lautsprecher mit der Musik des Klarinettisten und schicke ihren Gesang über das mobile Internet meines Laptops wiederum zu ihm nach New York. Ich bin nicht mehr nur in der Rolle des von außen beobachtenden Journalisten, sondern zwangsläufig selbst Teil dieser Aktion: Rothenbergs verlängerter Arm bei der Suche nach der ersten singenden Nachtigall Berlins in diesem Jahr und nun sein Sendetechniker im Treptower Park. Scheinwerfer, Kameras, Spezialmikrofone – alle auf den Vogel gerichtet. Ein enormer Aufwand, damit, in bester Audioqualität, David Rothenberg auch in diesem Jahr Musik mit einer Berliner Nachtigall machen kann. Aber macht die Nachtigall auch mit ihm Musik? Ist auch sie berührt von der Begegnung? Sollte man also überhaupt von einem Duett sprechen?

David Rothenberg /Voice-Over: "Wissenschaftler würden mir jetzt natürlich so etwas sagen wie: 'Der Vogel interessiert sich nur für seinen eigenen Gesang. Das Klarinettenspiel ist für ihn nur Lärm oder Ablenkung. Der Nachtigall sind Sie egal. Machen Sie sich nichts vor!' Auf der anderen Seite wissen diejenigen, die mit Nachtigallen musiziert haben, dass sie sich für Klänge interessieren."

Und vielleicht interessieren sie sich ja auch für die Klänge seiner Klarinette. Rothenberg vermutet, dass Nachtigallen auf seine Improvisationen reagieren, indem sie aus ihrem Repertoire von mehreren hundert Phrasen eine zur Klarinette passende oder gerade eine ihr entgegengesetzte wählen. Als Künstler spüre er jedenfalls eine Verbindung zum Vogel.
Seit Jahren sucht der Professor für Philosophie und Musik am New Jersey Institute of Technology nach dem vollkommenen Naturklang. Den glaubt er im Gesang der Nachtigall, der sich schon seit Millionen von Jahren bewährt hat, gefunden zu haben. Mehr noch im Gesang der Nachtigallen in Berlin. Denn gerade hier gibt es sehr viele besonders spektakulär singende Vögel. Einerseits scheinen sich die Nachtigallen im Wildwuchs der nicht übermäßig gepflegten Parks dieser Stadt wohlzufühlen. Andererseits, vermutet Rothenberg, suchen die Nachtigallen gerade Berlin auf, um mit den mannigfaltigen Klängen dieser Großstadt in einen Wettstreit zu treten, wie beim lautlichen Markieren des eigenen Reviers anderen Nachtigallenmännchen gegenüber.

Ausschnitt Virtuelles Trio: Rothenberg (New York), Lembe Lokk (Paris), Nachtigall (Berlin)

Zweites virtuelles Live-Konzert mit einer Nachtigall im Frühling 2020. Dieses Mal als öffentliche, ins Internet übertragene audiovisuelle Performance. Ein Trio. Denn David Rothenberg hat die befreundete Sängerin Lembe Lokk aus Paris dazu eingeladen, in sein Klarinettenspiel und den Gesang derselben Nachtigall im Treptower Park einzustimmen.

Rothenberg ist, das sagt er selbst, besessen davon, Klängen um sich herum zu lauschen und Klanglandschaften zu erkunden. Immer hofft er auf den so genannten Sharawaji-Effekt:

David Rothenberg /Voice Over: "Wenn an einem Ort alles perfekt zueinander passt. Man hört die Vögel auf eine gewisse Art an einem bestimmten Ort singen. Die Lufttemperatur stimmt. Auch der Wind. Man hört in der Ferne ein Geräusch, vielleicht das einer S-Bahn. Natur und Mensch vereint. Ein perfekter unerwarteter Augenblick. Aber wenn man ihn erlebt hat, denkt man: Genau so musste es sein."

In seinem Buch "Stadt der Nachtigallen" grenzt sich David Rothenberg von Bernie Krause ab, dem Pionier der Naturklangforschung. Während Krause bedauert, dass es kaum noch Orte gibt, die frei von menschengemachten Geräuschen sind, sieht Rothenberg das als Chance: Ihn reizt gerade das Zusammenspiel aus Klängen von Mensch und Natur. Da könne es eine gegenseitige Anziehung geben. So nähern sich Glattwale leise dröhnenden Schiffen, weil ihnen das Geräusch gefällt. In Berlin lassen sich Nachtigallen besonders häufig neben S-Bahn-Gleisen nieder. Vielleicht mögen sie das Geräusch der Bahn genauso wie David Rothenbergs Klarinettenspiel. Und vielleicht fühlte sich auch der Buckelwal inspiriert, den Rothenberg über einen Unterwasserlautsprecher mit seiner Live-Klarinettenmusik beschallte:

Ausschnitt Musik/Duett: Rothenberg (Klarinette) und Buckelwal

Wenn man die Klänge der Natur als Musik begreift, ist sich Rothenberg sicher, erweitert man damit nicht nur seinen Musikbegriff, sondern kommt der Natur selbst näher. Auch den Insekten. 2013 veröffentlichte David Rothenberg die CD "Bug music". Im New Yorker Hudson Valley hat er mit Millionen von Zikaden gejammt:

Ausschnitt Musik/Konzert: Rothenberg (Klarinette) mit Zikaden

David Rothenberg /Voice Over: "Da ist man selbst nur ein winziger Klang, der sich diesem gigantischen Chor anschließt. Da wird man schon demütig."

Als Natur- und Naturklang-Philosoph regt uns David Rothenberg dazu an, über unser Verhältnis zur Natur im Allgemeinen und zur Fauna im Besonderen nachzudenken. Dabei wird er auch systemkritisch:

David Rothenberg /Voice Over: "Im Berliner Zoo können Gorillas durch eine Glasscheibe beobachten, wie Menschen im Käfig des Einkaufszentrums Bikini Berlin dumme Dinge tun, nämlich shoppen gehen. Wir können die Tiere betrachten und die Tiere uns. Wer befindet sich im Käfig? Natürlich sitzen die Gorillas im Zoo fest. Aber wir, wir sitzen im kapitalistischen System fest und müssen wertlose Dinge kaufen."

David Rothenberg wünscht sich eine respektvolle, tiefempfundene Koexistenz zwischen Mensch und Natur. Nach der Lektüre seiner Bücher und nach dem Hören seiner Musik mit Tieren geht man tatsächlich mit offeneren Ohren durch die Welt. Selbst dann, wenn Rothenberg ein Phantast sein sollte und zum Beispiel die Nachtigall in Wirklichkeit nichts mit seiner Musik anfangen kann. Für den Experimentalmusiker war es jedenfalls sehr wichtig, wie jedes Jahr auch 2020, wenn auch dieses Mal virtuell und transatlantisch, Klarinette zum Gesang einer Berliner Nachtigall gespielt zu haben. Trotz oder gerade wegen der weltweiten Krise:

Ausschnitt Virtuelles Duett: Rothenberg (New York) musiziert mit Nachtigall (Berlin)

David Rothenberg /Voice Over: "Es gibt noch etwas Hoffnung für die Menschheit, wenn wir so etwas machen können."

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