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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.03.2017

Der Englische GartenDas grüne Wohnzimmer der Münchner

Von Michael Watzke

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Viele Ausflügler sitzen im Englischen Garten in München auf einer Wiese.  (dpa / picture alliance / Tobias Hase)
Ausflügler auf einer Wiese im Englischen Garten in München (dpa / picture alliance / Tobias Hase)

Der Englische Garten ist die größte Stadtparkanlage Deutschlands. Bayern machte ihn in den 70er-Jahren zu einem Natur- und Kulturgut. Dennoch gibt es unzählige Versuche, an den Rändern des Englischen Gartens Häuser zu errichten. Das sorgt für Konflikte.

Der Englische Garten in München an einem Dienstagmorgen im März. Am Ufer des Kleinhesseloher Sees steht ein gut gekleidetes  Ehepaar und lauscht.

"Wir hören die Natur. Die Vögel. Die Enten und Gänse, die hier auf dem See schwimmen.  Und den Wind in den Bäumen.  Wir hören aber leider Gottes auch den Mittleren Ring, und zwar richtig laut! Man verdrängt das, aber es ist da. Man spürt den Ring, einen Verkehrsweg mit 110.000 Autos am Tag."

Hermann Grub und Petra Grub-Lejeune, zwei Münchner Architekten, befinden sich in der roten Zone des Englischen Gartens. So haben sie selbst den lautesten Abschnitt des Parks genannt.

 "Wir sind hier im tiefroten Bereich eigentlich. Es kommt immer drauf an, wie der Wind steht. Wir haben jetzt Südwind, wie ich sehe. Und da hört man jetzt vom Ring nicht ganz so viel, wie das normalerweise der Fall ist. Bei normaler Witterungslage ist es hier noch lauter."

Vogelgezwitscher gegen Motorenlärm

Grub und Lejeune gehen Richtung Mittlerer Ring, der wichtigsten innerstädtischen Verkehrsachse Münchens. Vom beschaulichen Seeufer bis zur Fußgängerbrücke über die Stadtautobahn sind es gerade mal 50 Schritte. Auf diesem kurzen Weg schwillt der Verkehrslärm von einem Hintergrund-

"Unter der Brücke sehen wir jetzt einen mächtigen Verkehr fließen. Das ist der ganze Münchner Autoverkehr von Ost nach West, der hier bewältigt werden muss.  Und der rasant zunimmt. Das ist das große Problem. Momentan sind es 110.000 Autos pro Tag, und es sind für das Jahr 2020 prognostiziert: 130.000 Autos!"

Hermann Grub und seine Frau  Petra haben einen Traum, manche würden sagen: eine Vision. Sie träumen von dem Tag, an dem sich der Lärm der Blechlawine im Englischen Garten auf einen Schlag in Vogelzwitschern verwandelt.

 "In zehn Jahren könnte es hier wirklich ganz ruhig und ganz naturnah sein. Sie würden nichts vom Verkehr hören, der auf dem Mittleren Ring läuft, weil der in einem Tunnel geführt wird. Und wir hätten oben den durchgehenden Park."

Petra Lejeune hat diese Vision – mit einem Sinn für historische Dramatik – die Wiedervereinigung des Englischen Gartens getauft.

"Ich fand das naheliegend. Da ist etwas, das ist getrennt. Nicht durch eine Mauer, sondern durch eine Stadtautobahn. Und das gehört zusammen. Also muss man es wiedervereinigen. Und das ist der Versuch, das wollen wir machen: den alten, historischen Plan hier in Gänze realisiert und den Park wiederherstellt. Man hat ja, als der Ring hier gebaut wurde, alles wild abgepflanzt. Sckell ging hier unter, Sckell fand hier nicht mehr statt." 

Englischer Garten, Hausnummer 2

Friedrich Ludwig von Sckell, von dem Hermann Grub ehrfürchtig spricht, war einer der Schöpfer des Englischen Gartens. Er hat die Parklandschaft Ende des 18.Jahrhunderts aus Wäldern und Wiesen, Wegen und Wasserläufen angelegt. Der Originalplan von Sckell aus vergilbtem Pergamentpapier hängt heute im Büro seines Nachfolgers, des Parkverwalters Thomas Köster.
 
"Das ist der Originalplan von 1789. In dem Originalplan ist der Südteil des Englischen Gartens bis zum Kleinhesseloher See, so wie wir ihn heute kennen, schon konzipiert. Der Plan hieß damals noch Kurfürst-Karl-Theodor-Park. Letztlich ist der Park umbenannt worden in "Englischer Garten", denn der Stil kommt ja aus England. Und der Kurfürst war, ehrlich gesagt, nicht sehr beliebt. Und deshalb hat man den Park umbenannt in "Englischer Garten"."
 
Thomas Kösters Anschrift lautet "Englischer Garten, Hausnummer 2". Es ist die großartigste Dienstadresse Münchens. Mittendrin in der größten innerstädtischen Parkanlage der Welt. 
 
"Wir sind hier direkt im Englischen Garten, in der Nähe des Chinesischen Turms. Da ist mein Büro, in der sogenannten "Oekonomie". Die wurde gleich am Anfang gebaut und steht heute auch unter Denkmalschutz."

Die Grüne Lunge ist gefährdet

Unter Denkmalschutz steht heute der ganze Englische Garten. In den 70er Jahren ernannte ihn sein Besitzer, der Freistaat Bayern, zu einem Natur- und Kulturgut, in dem nicht mehr gebaut werden darf.  Eigentlich. Dennoch gibt es unzählige Versuche, an den Rändern des Englischen Gartens zu knabbern. Denn Münchens Einwohnerzahl  wächst und wächst. In den letzten sechs Jahren allein um 200.000 Menschen. So viel, wie heute in Erfurt oder Oberhausen leben. Mit den Menschen stieg auch der Autoverkehr. Hermann Grub deutet auf den Mittleren Ring.
 
"München steht unglaublich unter Druck. Und München ist – anders als die meisten es annehmen – keine grüne Stadt. München steht nur an neunter Stelle in der Bundesrepublik. Wir haben hier eine sehr steinerne Stadt. Mit sehr wenig Grünräumen. Und dieser Garten, den wir hier haben, der ist wirklich ein Wunder von München. Das Kleinod schlechthin. Und das gilt es weiterhin zu stärken und zu bewahren."

Ohne Hermann Grub und seine Frau Petra hätte die Stadt München den Englischen Garten wahrscheinlich noch stärker zerschnitten als bisher. Der Mittlere Ring entstand in den 60er Jahren, als sich München auf die Olympischen Spiele vorbereitete. Der damalige Münchner SPD-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sah keinen anderen Weg, als den Englischen Garten zu zerteilen – in einen Süd- und einen Nordteil. Heute, so lässt der mittlerweile 91-Jährige mitteilen, tue ihm diese Entscheidung leid. Seine Nachfolger stehen jetzt vor einem ähnlichen Problem:  der vier- bis fünfspurige Ring im Münchner Norden ist längst zu einem Nadelöhr geworden. Zur Rushhour stauen sich die Autos hier regelmäßig. Aber eine Verbreiterung der Stadtautobahn würde den Englischen Garten noch stärker zerschneiden. Ein Tunnel unter dem Park wäre die Lösung. Doch Alexander Reissl, Fraktions-Chef der Münchner SPD und Sprecher des Bau-Ausschusses, zögert noch.

"Ohne Probleme geht gar nichts durch. Weil man sich das natürlich genau anschauen muss. Vor allem muss man ja dann Vorplanungen machen, mit denen man wirklich die Kosten ermitteln kann. Momentan sind wir ja bei Kostenschätzungen."

Was plant der oberste Chef?

Die Schätzungen: zwischen 110 und 130 Millionen Euro - für rund 400 Meter Tunnel  und die Landschaftsgestaltung darüber. 35 Millionen Euro würde der Freistaat Bayern übernehmen, dem der Englische Garten gehört.  Bayerns Finanzminister Markus Söder ist als Chef der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung sozusagen Ober-Aufseher des Englischen Gartens.

 "Ich versuche, den Englischen Garten weiterzuentwickeln. Durch die ökologische Renaturierung von Bächen beispielsweise. Ich glaube, dass das für das Lebensgefühl der Stadt und auch für Bayern als Gegenbeispiel zum etwas unsortierten und hektischen Berlin wichtig ist. Im Englischen Garten fühlt man sich sicher und wohl. Da fokussiert sich Bayern."

Für Markus Söder, CSU,  dient der Englische Garten auch als schwarzer Keil im mehrheitlich rot regierten München.  Wenn die Stadt am vier Quadratkilometer großen Parkgelände knabbert, sieht sich Söder als Beschützer.
 
"Man merkt an einigen Ecken schon, dass da Siedlungsdruck da ist. Wenn auch sehr hochwertiger, denn am Englischen Garten zu wohnen, das können sich fast nur Bayernspieler leisten, weil es einfach zu teuer geworden ist.  Wir wollen, dass der Englische Garten nicht zu extrem genutzt wird im Sinne von Übernutzung.  Deswegen ist uns auch wichtig, da keine neuen Straßenbahnen durchzubauen.  Keine Tram. Sondern alles sehr ruhig machen."

Die Straßenbahn quer durch den Englischen Garten ist ein Plan der Münchner SPD und der Grünen. Mit der E-Garten-Tram will die Stadt die bestehende Busverbindung erweitern. Denn der Park wirkt wie ein riesiger Blockadestein zwischen dem Westen und dem Osten Münchens.  Söder sagt dazu: Nein. Endgültig?

 "Ja! Das entscheiden wir allein. Wir wollen da keine Tram. Da müsste man zu viele Gleise legen, Untergrund aufschürfen. Das würde nur zu mehr Verkehr führen, das wollen wir eigentlich nicht."

Erholungsgebiet und Politikum

Der Englische Garten ist nicht nur ein Erholungspark – er ist auch ein Politikum. Ein Zankapfel  zwischen München und Bayern, zwischen Stadt und Land, zwischen Touristen und Umweltverbänden und zwischen Parkverwaltern und Tierschützern.  Aktuelles Beispiel: Münchens größtes und gefräßigstes Wildtier. Der Biber.
 
"Wenn der Biber was will, dann ist er nicht davon abzubringen. Ähnlich wie der Mensch hat er da einen Dickschädel. Dem, wenn es wo gefällt, dann will er da bleiben."

Und im Englischen Garten gefällt es dem Biber ausgezeichnet, sagt Martin Hänsel vom BUND Naturschutz in München.  60 Nager gibt es bereits im Englischen Garten. Tendenz steigend. Hänsel  freut sich darüber. Auf dem Fensterbrett seines Büros steht eine Biber-Skulptur aus Holz.
 
"Das hat ein Künstler für uns gemacht. Im Rahmen einer Ausstellung zum Biber. Man sieht so ein bisschen: der Biber als Stütze für den Menschen, der auf ihm reitet. Bildlich gesprochen. Gleichzeitig sitzt der Mensch dem Biber aber auch im Genick.  Das soll das große Problem im Umgang zwischen Mensch und Biber verdeutlichen, das die beiden miteinander haben. Obwohl sie sich doch eigentlich sehr ähnlich sind."

Biber-Alarm

Mensch und Biber sind sich ähnlich? Da sieht Thomas Köster anders. Der Parkverwalter des Englischen Gartens würde zum Beispiel keine Bäume annagen. Und schon gar keine Buchen in Sichtweite des Chinesischen Turms!

 "Das ist jetzt eine Buche, die hat etwa 50 cm Stammumfang, und die ist schon zu zwei Dritteln durchgenagt! Und er muss hier irgendwo entlang des Bachs, da muss er sich wohlfühlen. Scheinbar muss er hier leben, aber ich hab‘ noch keinen Biberbau hier gesehen. Die ersten Biberbaue, die man sieht, sind auf den Inseln im Kleinhesseloher See. Da ist er halt auch sehr ungestört. Und dann geht’s weiter in den Nordteil."

Köster hat nichts gegen eine Handvoll Biber. Aber 60 sind ihm dann doch zu viel im Englischen Garten. Er hätte gern, dass der bayerische Biberbeauftragte – ja, sowas gibt’s wirklich – dem pelzigen Nager ein paar Fallen stellt. In der Zwischenzeit behilft sich Köster mit Drahtzäunen an den Baumstämmen.

"Das sind richtige Estrichmatten aus Metall, verzinkt. Und die – wenn Sie daran rütteln – die kriegt er nicht hochgedrückt. Auch wenn so ein Biber 35 Kilo wiegt – das schafft er nicht. Nur: fast jeder Baum hat schon einen Schaden. Und was er eben besonders liebt, sind die Buchen. Das hier ist jetzt keine, aber an die geht er besonders gern ran. Und das sind die Leitbaumarten im Englischen Garten. Die Buche ist ja der Parkbaum schlechthin.  Die ist künstlich hier eingeführt worden, weil wir sind ja in den Isar-Auen, die dann trockengelegt und bewirtschaftet wurden. Hier im Englischen Garten ist ja nichts dem Zufall überlassen, sondern alles ist gestaltete Natur."

Der Biber gestaltet seine Natur nach den eigenen Wünschen. In Deutschland ist er streng geschützt. Und er hat weniger Scheu vor Menschen als etwa Fischotter, sagt Thomas Hänsel vom BUND Naturschutz. Man müsse das Zusammenleben zwischen Mensch und Biber eben organisieren. Biber zu bekämpfen bringe gar nichts.
 
"Wenn ich heute in einem Revier, das grundsätzlich für den Biber geeignet ist, den Biber wegfange oder wegschieße – dann ist so viel Dynamik in der Biberpopulation, dass die Lücke sofort wieder von neuen Bibern gefüllt wird. Also der Biber war 100 Jahre lang von Menschen ausgerottet. 1966 wurde er wieder vom BUND Naturschutz und dem bayerischen Umweltministerium ausgesetzt. Seitdem hat er begonnen, große Teile seiner ehemaligen Lebensräume wieder zu erobern."

Dass der Biber den Englischen Garten so sehr mag, ist einerseits ein Kompliment: es zeigt, wie naturnah und ökologisch wertvoll der Park im Herzen der Stadt ist. Andererseits gefährden angenagte Bäume und untergrabene Uferwege die Spaziergänger, sagt Jost Albert, der Leiter der Gartenabteilung in der bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung.
 
"Wir sind wirklich wütend über diese Situation, weil wir eigentlich immer nur hinterherlaufen. Wir kommen nicht nach, die Biberpopulationen wachsen. In der freien Landschaft mag  der Biber Landschaftsgestalter sein, aber hier haben wir ja schon eine gestaltete Landschaft. Hier wollen wir ja nicht, dass der Biber alles ummodelt, umkrempelt und eine neue Gartenlandschaft anlegt. Also letztlich fühlen wir uns mit diesen Problemen, die der Biber in unseren Anlagen schafft, vom Naturschutz alleingelassen."

Mensch versus Natur

Der Problem-Biber ist längst nicht das einzige Sorgenkind des Englischen Gartens. Das größte Problem ist und bleibt der, für den der Park eigentlich geschaffen ist: der Mensch – vor allem, wenn er in Massen auftritt. Ein warmer Vorfrühlingstag am

Monopteros , dem pavillonartigen Wahrzeichen im Südteil des Englischen Gartens. Trommler, Musiker, Künstler, Sportler, Sonnenanbeter, Fahrradfahrer, Flussschwimmer, Hundebesitzer, Inlineskater, Wellenreiter. Sie alle sorgen für diese einzigartige Stimmung des Parks.
 
"Ich liebe den Englischen Garten. Ich komme jeden Tag hierher. Es ist so super, man kann sich entspannen, man kann sich auf die Wiese legen, den Blumen und den Bienen zusehen. Wir sitzen gerade am Eisbach, es ist so eine lockere Stimmung hier. Wenn man mal Hausaufgaben machen muss, kann man die hierher mitnehmen. It’s so beautiful here! Es ist gerade Besuch aus Italien hier, und die wollen den Englischen Garten sehen. Wenn man in München ist, geht man in den Englischen Garten."

Das tun an sonnigen Tagen mehr als einhunderttausend Menschen. Allein die beiden Biergärten des Parks haben zusammen 10.000 Sitzplätze. Aber die meisten Gäste liegen auf den grünen Wiesen, an den Bächen und unter den schattigen Bäumen der Gartenanlage.
 
"Wenn man die Menschen fragt, warum sie sich hier so wohlfühlen, dann sagen sie: weil’s hier so schee ist. Und warum ist es so schee? Das merkt man dann, wenn man fragt: warum gehen Sie nicht in die Isarauen? Dann sagen sie: Nein, hier ist es leiblicher, gestalteter. Es sind begehbare Landschaftsbilder, die zu diesem Park, zu diesem Eindruck führen. Das liegt in uns Menschen eher verankert als die wilde Natur. Vor der fürchtet man sich ja immer so ein bisschen."

"Weil’s hier so schee ist!" 

"I renn nackert durch‘n Englischen Garten. Sitz‘ high am Monoptero.  I  kauf‘ mir a Mass am Chinesischen Turm  und flanier‘ mit Dir auf der Leopold-Straß.  S’ist wieder Sommer, Sommer in der Stadt..."

So hat die Spider Murphy Gang den E-Garten schon 1982 besungen. Das Lied "Sommer in der Stadt" ist die inoffizielle Hymne Münchens und beschreibt die Stimmung an einem warmen Juli-Tag so gut wie kaum ein anderer Song.

 "S’ ist wieder Sommer, Sommer in der Stadt ..."

Thomas Köster, der seit Anfang der 90er-Jahre Parkverwalter ist, beobachtet in den letzten Jahren einen Wandel. Nicht nur mehr Menschen kämen in den Englischen Garten, sondern auch die Eventisierung nehme zu.  Der Versuch, den Park zu vereinnahmen - durch Veranstaltungen, Happenings, Lifestyle-Events. Gleichzeitig nehme die Achtsamkeit vieler Parkbesucher ab.

 "Also im Sommer haben wir ein erhöhtes Pflegeaufkommen, unglaublich. Wenn man überlegt, dass wir im Jahr mittlerweile 900 bis 1000 Kubikmeter Müll entsorgen! Und dieser Müll entsteht hauptsächlich in den Sommermonaten. Das ist schon eine enorme Belastung.  Dann haben wir Wochenend-Mülldienste. Wir müssen in der Früh manchmal schon um vier Uhr loslegen, um den Park überhaupt sauber zu halten. Und es gibt immer noch Leute, die sich beschweren. Aber wir können keinen Zaun drum machen, das ist ein Volkspark. Er ist ein Spiegelbild des Volkes. Und wenn das Volk den Park vermüllt, dann ist das ein Teil davon. Ich kann die Menschen nicht erziehen. Das müssen sie schon selber machen."

Hausputz im Englischen Garten

Manche machen das – sogar freiwillig. Die Umwelt-Aktion "Earth Guest" beispielsweise schickt Jugendliche zum Saubermachen durch den Englischen Garten.

 "Also ich hab mir eine Mülltüte an die Gürteltasche gehängt. Und dann mit einem Plastikhandschuh alles an Müll gesammelt, was ich auf dem Boden gefunden hab‘. Das meiste waren definitiv Zigarettenstummel. Und Plastikverpackungen von Gummibärchen und sonstigen Süßigkeiten. Am Ende war’s richtig viel. Mehr, als ich erwartet habe. Ich hätte nicht gedacht, dass man so achtlos die Natur verschmutzt. Wirklich krass."

Der meiste Müll fällt im südlichen Abschnitt  des Englischen Gartens an. Das ist kein Wunder – der Südteil liegt nun mal näher an der Innenstadt. Hier kommen mehr und andere Besucher hin als im stilleren, abgelegenen Nordteil. Die Trennung der beiden Parkteile durch die Verkehrsschneise des Mittleren Rings führt zu einer ungleichen Belastung des Parks. Architektin Petra Lejeune, die seit acht Jahren für die Wiedervereinigung des Gartens kämpft, sieht darin ein wichtiges Argument für den Tunnel.
 
"Die Befürchtung, dass es dann im Nordteil genauso voll wird wie im Südteil, das sehen wir nicht. Weil der Mensch als Fußgänger hat einen gewissen Radius, und es werden sich die Menschen als Fußgänger nicht auf 2,5 Kilometer in Massen nach Norden bewegen. Es wird sicher die ersten 500 Meter im Norden etwas voller werden, aber wir sehen das relativ entspannt."

Wanderer, Schäfer und seltene Vögel

Von der Nordspitze bis zum Südende misst der Englische Garten eindrucksvolle zehn Kilometer. Ganz oben im Norden können Wanderer  durchaus Überraschungen erleben. Dort weiden nicht nur Schäfer ihre Heidschnucken-Herden, es leben auch seltene Tiere in Jahrhunderte alten Bäumen.

Der Waldkauz ist im Englischen Garten ebenso heimisch wie Eisvögel, Wasseramseln und mehr als 50 andere, teils seltene Vogelarten. Sie können hier mitten in der Stadt überleben, weil die Stadt an den Rändern des Parks genügend Abstand hält. Noch. Aber die sogenannte Nachverdichtung, also die immer engere Bebauung der Stadt, macht auch dem Englischen Garten zu schaffen. Dichter und dichter rücken Bauplaner an den Garten heran, immer höher wollen sie an den Rändern bauen, klagt Parkverwalter Köster.

 "Wir hätten ja gern Abstandsflächen am Englischen Garten. Da ist diese Nachverdichtung, die von der Stadt gerade sehr propagiert wird – die schadet uns, muss ich sagen. Was schrecklich wäre, wenn am Rand vom Englischen Garten hohe Gebäude entstehen würden, wie im Central Park in New York, mit Hochhäusern. Dann würde dieses Gestaltungskonzept hier ad absurdum geführt. Denn da ist vorgesehen, dass man illusioniert den Blick in die Tiefe hat. Das heißt, man soll die Ränder gar nicht sehen. Der Park soll unendlich groß erscheinen. Vor allem im Sommer, wenn alles grün ist. Und nur ganz, ganz tolle Gebäuden hat man damals einen Blick in den Park gewährt. Das waren ganz kleine Fenster, die man da herausgeschnitten hat."

Der Mensch rückt immer näher

Fenster herausschneiden möchten manche Bauplaner auch jetzt wieder. Zwar werben sie für ihre Projekte mit dem Slogan "Wohnen am Park". Doch weil die Bäume des Parks den Mietern die Sicht versperren, reichen sie Klage ein. Manche möchten dem Park gleich ein ganzes Randstück entreißen. So wie es einer anderen großen Grünanlage in München passiert ist, dem Nymphenburger Schlosspark. Dort ist der sogenannte "Durchblick"  verbaut worden, klagt Martin Hänsel vom BUND Naturschutz. 
 
"Der Durchblick ist ein innerstädtischer Grünzug, der die Schlossanlagen miteinander verbindet. Der ist Erholungsfläche, da findet auch noch Landwirtschaft statt. Und in diese Fläche hinein ist jetzt ein sehr umfangreicher Schulerweiterungsbau gelegt worden. Natürlich ist Schulbau wichtig. Aber Grünflächen sind für die Stadt auch wichtig. Und eine Fläche, die bebaut ist, eine Grünanlage, die verloren ist, die wird nicht wieder kommen. So realistisch muss man sein. Im Gegenteil: wenn einmal an einer Stelle bebaut wurde, dann dient diese Stelle immer als Argument, warum an der Stelle noch weiter gebaut werden darf."

Diesen Effekt nennen Stadtplaner Arrondierung – zu Deutsch: Abrundung. Auch am Nymphenburger Park ist es nur eine Frage der Zeit, bis die spitze Nase der Neubebauung am Durchblick abgerundet wird – durch noch mehr Bebauung. Ähnliches passiert auch an der Nordgrenze des Englischen Gartens.
 
"Der Erweiterungsbau des Bayerischen Rundfunks ist so ein Beispiel. Genau in diesem Landschaftsschutzgebiet ist mal was gebaut worden, jetzt soll weitergebaut werden. Überall dort, wo die Prominenz nachlässt, wo die Fläche gefühlt beliebiger wird – obwohl sie natürlich rein fachlich gesehen dieselbe Wertigkeit besitzt wie einen Kilometer weiter stadteinwärts, wo es noch Englischer Garten ist und nicht "nur" Isar-Auen – da sind die Begehrlichkeiten sofort wieder da."   

Wie umgehen mit dem NS-Bau "Haus der Kunst"?

Aber auch direkt in der Münchner Innenstadt muss sich der Englische Garten gegen Angriffe wehren. Etwa beim sogenannten Dichtergarten nahe des Odeonsplatzes. Dieser Park gehört zwar technisch nicht zum Englischen Garten, wird aber von der Verwaltung des Englischen Gartens mitbetreut. Der Dichtergarten, so forderten einige Kommunal- und Landespolitiker, sollte einem neuen Konzertsaal in München weichen. Diese Pläne sind inzwischen vom Tisch. Nicht jedoch der Angriff vom "Haus der Kunst", das den Südrand des Englischen Gartens abschließt. Hier stört sich der Star-Architekt David Chipperfield daran, dass die Bäume des Parks den Blick auf das Monopteros verstellen, das Wahrzeichen des Englischen Gartens. Der Engländer Chipperfield möchte den Englischen Garten von der beliebten "Goldenen Bar"  des  "Hauses der Kunst" aus bewundern. 
 
"Früher wären Sie hier aus der Tür getreten und hätten eine herrliche Aussicht auf den Englischen Garten gehabt. Was Sie jetzt sehen, ist da unten der Parkplatz und die Bäume dahinter. Unsere Frage ist: wäre es nicht schön, das etwas zu öffnen? Die meisten Bäume sind junge Bäume, die sind zum Teil nicht mal angepflanzt. Wir sagen immer: Gebäude wollen dahin gehören, wo sie stehen. Sie wollen ihren Standort voll ausschöpfen und dessen Möglichkeiten maximal ausnutzen. Auf dieser Seite ist das Maximum die Beziehung zum Park."

Auf der Höhe der Zeit

"Trägt das Gebäude noch immer die Verbrechen seines Erbauers?", fragt Architekt Chipperfield. Der Erbauer des "Hauses der Kunst" war niemand anderes als Adolf Hitler. Der NSDAP-Führer  ließ dieses "Museum für deutsche Kunst" 1937 in den Englischen Garten hineinbauen.  Heute fragen sich die Münchner unsicher, wie sie mit dem denkmalgeschützten Säulenbau umgehen sollen.  Der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, der das NS-Doku-Zentrum am Münchner Königsplatz leitet, hält nichts von den Chipperfield-Plänen.

Das Haus der Kunst in München (dpa / pa / Gebert)Das Haus der Kunst in München (dpa / pa / Gebert)
 "Wenn ich das mache, hebe ich den Bau wieder ganz besonders hervor, und zwar in genau der Art und Weise, wie Hitler das wollte.  Das ist wieder völlig geschichtsblind. Denn hier ist ja die Zeit auch darüber hinweggegangen. Man hat das begrünt. Das sind ja auch Zeitschichten. Und wir sind ja heute Gottseidank so weit in der Denkmalpflege, dass wir sagen: nicht nur ein geschichtlicher Zustand muss gezeigt werden, sondern: wie hat sich das auch im Laufe der Jahrzehnte entwickelt? Wie gingen die verschiedenen Generationen mit einem solchen Bau um? Das ist heute "state of the art", das kann man nicht einfach so wegwischen."

Radikale Lösungen passen nicht zu Bayern

Am Ende wird die Politik über das "Haus der Kunst" und den Englischen Garten entscheiden müssen.  Für das "Haus der Kunst" ist der bayerische Kunstminister Ludwig Spaenle zuständig. Über den Englischen Garten dagegen wacht Finanzminister Markus Söder. 

"Ich sage immer: alles, was man im Englischen Garten macht, muss man ganz sanft machen.  Also das kann man nicht so stadtplanerisch nach der reinen Lehre angehen. Ganz sanft, sensibel und auf die Zeitachse hin. Egal, ob man Bäume pflanzt oder fällt. Ob man Wege öffnet oder schließt. So ein bisschen wie die Isar, wenn sie gerade kein Hochwasser hat: dem gemütlichen Gang des Flusses an der Stelle anpassen. Das wollen die Leute. Verschönern in kleinem Maße, verbessern in kleinem Maße. Aber nichts Radikales. Radikal passt sowieso nicht zu Bayern."

Star-Architekt David Chipperfield wird das nicht gern hören. Landschafts-Architekt Thomas Köster dagegen sehr gern. Für ihn, den Verwalter des Englischen Gartens, ist alles willkommen, das den Park entlastet, entschleunigt und schützt.

 "Sonst werden wir irgendwann überrannt. Und dann ist der Englische Garten nicht mehr zu halten. Dann müssten wir ihn einzäunen und die Menschen wie im Central  Park mit Ampeln lenken. Das fände ich pervers. Das passt hier gar nicht rein."

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