Donnerstag, 17.10.2019
 

Studio 9 | Beitrag vom 05.10.2019

Der Endicott-Birnbaum in DanversEin wundersam widerständiger Baum

Von Nora Sobich

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Ein Birnbaum mit einem Schild, das dem Baum bescheinigt, über 400 Jahre alt zu sein. (Deutschlandradio/Nora Sobich)
Der Endicott-Birnbaum trotzt seit fast 400 Jahren tapfer allen Umständen. (Deutschlandradio/Nora Sobich)

Fast 400 Jahre ist der Endicott-Birnbaum in Danvers, Massachusetts, alt - älter als die Vereinigten Staaten selbst. Feuer und Vandalismus konnten ihm nichts anhaben. Bis heute schmecken seine Früchte köstlich. Seit 2011 ist er Nationaldenkmal.

Der Baumpfleger Richard Grant steht auf einem gigantischen Parkplatz in Danvers, 30 Kilometer nördlich von Boston. "Nichts von alldem war hier", sagt er. "Hier war überall Wald. Und dann haben die Kolonisten das alles gefällt, um Bäume zu pflanzen, die sie beernten konnten."

Achtspurig rauschen die Autos auf dem Yankee Division Highway hier die US-Ostküste entlang. Hinter den parkenden Autos geht es einen kleinen Abhang steil hinab.

Ein eigenes Ökosystem

Dort steht er, gänzlich von der Öffentlichkeit versteckt, der älteste Obstbaum Amerikas. Fast 400 Jahre ist er alt, sagt Grant. Vielleicht vier Meter ist er hoch. Prächtig sieht er in seiner knorrigen Betagtheit aus. Nichts von morschem Holz:

"Die Blätter haben alle dieselbe Größe. Dass Blattwerk hat eine angenehme, satte Farbe. Die Insekten gehen da ein und aus. Er ist sein eigenes Ökosystem."

Seit zehn Jahren betreut ihn Richard Grant. Mindestens einmal im Monat schaut er hier vorbei, sagt er.

Einst war er eine gefeierte Berühmtheit

Seit 2011 ist er Nationaldenkmal, doch kaum jemand weiß, dass es ihn überhaupt gibt. Dabei war er bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch eine gefeierte Berühmtheit.

"In dieser benachbarten Stadt gibt es einen Birnbaum", schrieb 1879 Amerikas Nationaldichter, der Bostonian Henry Wadsworth Longfellow. "Ich nehme an, er treibt jedes Jahr frisches Holz, so dass er immer jung bleibt. Ich wünschte, es wäre so mit mir."

Detail einer abstrakten Karte, auf der ausgewiesen ist, wo man einen 200 Jahre alten Birnbaum findet. (Deutschlandradio/Nora Sobich)Schon im frühen 19. Jahrhundert galt der Baum als Attraktion, die man auf Karten vermerkte. Damals war der Baum mit 200 Jahren im Vergleich zu heute geradezu jung. (Deutschlandradio/Nora Sobich)

Gerade hat Richard die diesjährige Ernte eingebracht: an die hundert rundlich grüne Birnen. Winter Pears nennt sich die Sorte, auch Sugar Pears, Zuckerbirnen, oder Bon Chrétien. So urig sie aussehen, sie schmecken wunderbar süß, wie eine Reise in eine andere Zeit.

Er trotzte Feuer und Vandalismus

Als Sprössling kam er in die Neue Welt. Der erste Gouverneur der Massachusetts Bay Kolonie, John Endicott, ein hartgesottener Kolonist und fanatischer Puritaner, pflanzte ihn um 1632 nahe der Feuchtwiesen des Waters Rivers: mit klugem, prophetischem Spruch, so die Folklore:

"Wir werden nicht mehr sein, wenn der Baum noch lebt."

Endicott kultivierte auch Äpfel-, Pflaumen-, und Pfirsichbäume, über 500, Amerikas erste Obstbaumplantage.

Seine Kinder, so die Geschichte, legten 1641 versehentlich Feuer, und alle Bäume brannten ab, bis auf einen.

Es ist seine Lebensmelodie geworden, irgendwie zu überleben. Er könnte mit Anekdoten wahrscheinlich ganze Abende füllen. Viel Feuchtigkeit bekäme er vom nahen Fluss, der halte seine Wurzeln nass. Bevor der Winter beginnt, wird Richard ihm noch die Zweige schneiden. Weder Kälte noch Schnee stören ihn. Wie ein weißes Bettlaken haben sich die Schneemaßen im Jahrhundertwinter vor einigen Jahren meterhoch über ihn gelegt.

Der gewaltige Hurrikan von 1938 riss ihn um. 1964 sägten ihn Teenager aus Danvers mit der Kettensäge auseinander, auf zwei Meter runter. Ein Aufschrei des Entsetzens ging damals durch die Nation. Die New York Times titelte: "335 Jahre alter Baum gefällt."

Er überlebte, wie alles.

Ein Baum als Überlebenskünstler

Der malträtierte Stumpf trieb neue Zweige. Die nächsten Jahrzehnte verbrachte er hinter Hochsicherheitsdraht, wie ein Sträfling. Inzwischen schützt ihn ein schwarzes Gitter, Marke Baumarkt.

Seit 2009 ist er - samt Parkplatz - in Besitz des Krankenhauses North Shore Medical Center. Statt ihn öffentlich zu feiern, spannt man ihn dort lieber für private Marketing-Events ein, nach dem Motto: Lang und gesund leben wie der Endicott Pear Tree.

Auch geklont ist er schon, in über 14 US-Bundesstaaten gedeihen Ableger von ihm. Schon Gründervater John Adams, der ganz vernarrt in den alten Birnbaum war, versuchte, "kleine Endicotts" zu pflanzen, "damit auch sie in 200 Jahren noch gute Bürger erfreuen."

Die von Adams sind längst gefällt. Wahre Wunder, auch davon erzählt dieser wundersam widerständige Obstbaum, lassen sich nicht einfach wiederholen.

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