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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.02.2011

Der einsame Mann am Mikro

Thomas Glavinic: "Lisa", Hanser Verlag, München 2011, 17,90 Euro

Täglich sitzt der Protagonist vor seinem Mikro. (Deutschlandradio)
Täglich sitzt der Protagonist vor seinem Mikro. (Deutschlandradio)

Ein Mann auf der Flucht, verschanzt in einem Landhaus. Täglich redet er in seinem selbstproduzierten Internet-Radio über Gott und die Welt und eine Serienkillerin namens Lisa. Vielleicht weiß er bereits zu viel über sie.

Ein Mann auf der Flucht, verschanzt in einem Landhaus. Er hat seinen halbwüchsigen Sohn dabei – und sein Equipment, um Internet-Radio zu produzieren. So setzt er sich täglich vors Mikrofon –"Guten Abend, alle da? Ich leg gleich los …" – und redet wie angestochen über Gott und die Welt und eine Serienkillerin namens Lisa. Er weiß eine Menge über diese monströse "Foltermeisterin", die eine Blutspur durch Europa gezogen und ihre Opfer mit perverser Fantasie verstümmelt hat. Vielleicht weiß er bereits zu viel über sie. Jedenfalls ist Lisa in seine Wohnung eingebrochen – DNA-Spuren lassen keinen Zweifel daran. Und auch sein Freund, der hartnäckige Lisa-Ermittler Hilgert, ist plötzlich verschwunden.

Realer Bezug der Handlung ist eine der peinlichsten Fahndungsschlappen der letzten Jahre: Kriminalisten aus mehreren Ländern, die einer Serientäterin auf der Spur zu sein glaubten, waren buchstäblich einem Phantom aufgesessen. Die DNA-Spuren waren auf werkseigene Kontaminierungen der Untersuchungsstäbchen zurückzuführen. Eine groteske Story, die durch die Medien ging und als Kriminalkomödie von der Literatur nicht mehr zu toppen ist. Genau mit diesem Problem hat Glavinic’ Roman zu kämpfen – spätestens wenn das DNA-Debakel zur Sprache kommt, ist die Luft raus; ein weiterer origineller Dreh der Geschichte will nicht gelingen.

Trotzdem ist "Lisa" ein Schwadronierkunstwerk, das dem Lisa-Phantom die paranoide Konstellation verdankt. Der einsame Mann am Mikro ist eine reizvolle Erzählerstimme, ein zeitgemäßer Typ mit unkontrollierbarem Mitteilungsdrang, den er mangels eines wirklichen Gegenübers im "blinden Hinaussprechen" an die Welt richtet – oder zumindest an die eingebildete "Stammhörerschaft". Und er spricht eben nicht nur über die fabelhafte Lisa, sondern über alle Themen, die einen Mann in mittleren Jahren beschäftigen. Ununterbrochen erregt er sich über "Hohlbirnen" und "Kulturprotzer", über Polizisten, Ärzte oder die neuen Weinkenner, die schnuppernd das Glas drehen und dabei dreinschauen wie ein "Weinführerhilfsredakteur".

Oft liest sich das wie eine Übungsstrecke für den derzeit so beliebten unzuverlässigen Erzähler, der hier an extremer Gedankenflucht und Assoziationszwang leidet. Komik entsteht durch strong opinions und die forciert dialogischen Redegebärden eines manischen Monologisierers, der zudem ständig das Mikrofon verlässt, um sich schnell eine Dosis Alkohol, Kokain oder andere bewusstseinstrübende Muntermacher zuzuführen – "bin gleich zurück". Oder die pure Panik hetzt ihn auf: "Moment, ich muss nachsehen, ob ich die Tür abgesperrt hab, ich kann mich nicht erinnern, ist ja komisch …"

"Roman" steht drauf auf dem Buch. In Wahrheit ist es ein Ein-Mann-Hörstück, eine paranoide Farce. Der Premium-Vorleser Christian Brückner hat das offenbar sofort gemerkt und aus "Lisa" eine furiose Studio-Performance gemacht. Mag der Roman bei der Lektüre unbefriedigend bleiben, er erweist sich als erstklassige Vorlage für das parallel erschienene Hörbuch.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Thomas Glavinic: Lisa
Hanser Verlag, München 2011
208 Seiten, 17,90 Euro

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