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Zeitfragen | Beitrag vom 27.11.2019

Der Diesel in den USA und DeutschlandEin Motor auf den letzten Metern

Von Gerhard Schröder

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Ein VW Käfer steht an einer Tankstelle in den USA in den 60er-Jahren. (imago images / United Archives / Erich Andres)
60er-Jahre: VW-Käfer an US-amerikanischer Tankstelle. (imago images / United Archives / Erich Andres)

In Deutschland waren Diesel-Pkw jahrzehntelang populär. In den USA konnte sich der Diesel-Motor hingegen nie durchsetzen, die ausgestoßenen Rußpartikel galten als krebserregend. Mit dem Dieselskandal scheint nun das Ende der Technologie gekommen zu sein.

Es ist dunkel, Blitze zucken über den schwarzen Bildschirm. Aufgeregte Stimmen sind zu hören. Vom Dieselskandal ist die Rede. Ein Ingenieur im Halbdunkel ist zu sehen, verzweifelt, er rechnet, schreibt Formeln auf. Dann endlich die Lösung, die Schweinwerfer eines Autos gehen an.

In der Dunkelheit fanden wir das Licht, verkündet Volkswagen in dem Werbespot pathetisch, der im vergangenen Sommer in der Basketball-Finalserie in den USA erstmals vorgestellt wurde. Volkswagen gibt sich darin als ein geläuterter Konzern, der in die elektromobile Zukunft strebt. Und den Kampf um den Diesel endgültig aufgibt. Ein Kampf, den der Konzern schon vor 30 Jahren verloren hat, sagt der Wirtschaftshistoriker Christopher Neumaier: "Seit 1985 spielt der Diesel in den USA keine Rolle mehr, da ist der Anteil an den Neuanmeldungen auf unter ein Prozent gefallen."

Laut, lahm und wenig sportlich

Einen schweren Stand hatte der Dieselantrieb in den USA von Anfang an. Er galt als laut, lahm und wenig sportlich, eher etwas für große Baufahrzeuge und Lastwagen. Hinzu kam, dass die ersten Modelle in den 60er-Jahren nicht sehr zuverlässig waren, sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer:

"Die Dieselfahrzeuge waren sehr schlecht, die Motoren waren schlecht, und das hat dazu geführt, dass der Diesel in Amerika das Truck-Image hat. Deshalb war der Diesel immer verbrannt für die Amerikaner, es war nichts, worin man sich verliebt hat."

Das änderte sich – zumindest zwischenzeitlich – in den 70er-Jahren, als auch die Amerikaner anfingen, sich mehr Gedanken über Spritverbrauch und Abgaswerte zu machen.

Smogalarm in Los Angeles, das kam Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre immer häufiger vor. Das lag vor allem am zunehmenden Autoverkehr, Benzin war billig in den USA und große spritfressende Wagen beliebt, das sorgte für schlechte Luft in den Städten. Und ein zaghaft wachsendes Umweltbewusstsein.

Noch wichtiger waren die geopolitischen Erschütterungen, die folgten. Das Rohstoffkartell OPEC drehte den Ölhahn zu, die Spritpreise stiegen. Und das machte den Diesel interessant, in den USA wie in Europa: Denn er war sparsamer als viele Benziner und hatte bessere Abgaswerte. Der Historiker Christopher Neumaier:

"In den USA hat man von einer Dieselmanie gesprochen, die sich verbreitet hat, in Deutschland von einem Dieselfieber. Also für beide Länder gilt, dass der Dieselabsatz signifikant angestiegen ist, weil der Diesel als umweltfreundlich und als verbrauchsarm galt. Verbrauchsarm war da aber nicht als ein wirtschaftlicher Faktor relevant, in den USA war vielmehr entscheidend, dass man die Abhängigkeit vom importierten Rohöl reduziert hat. Es galt als ein Faktor der nationalen Sicherheit."

Überraschender Dieselboom in den 70ern

Auch die Hersteller reagierten auf den überraschenden Dieselboom mit einer Vielzahl neuer Modelle, Hersteller wie Volkswagen begannen Ende der 70er-Jahre, auch Kleinwagen mit Dieselantrieb anzubieten. Das ließ den Absatz weiter in die Höhe schnellen. 

Dann der Rückschlag. Anfang der 80er-Jahre erhärteten sich Berichte, dass die Rußpartikel, die die Dieselfahrzeuge in die Luft blasen, krebserregend sind. Eine Nachricht, die vor allem in den USA hohe Wellen schlug.

Neumaier: "Und im Zuge dessen hat sich eine Hysterie in den USA breitgemacht und man ist vor dem Kauf eines Diesel zurückgeschreckt. Seitdem gilt er in den USA als krebserregend. Und entscheidend war weniger, ob ein Auto die offiziellen Grenzwerte einhält, sondern vielmehr das Gefühl, dass man Krebs bekommt, wenn der Nachbar einen Diesel fährt. Das hat eine Spirale in Gang gesetzt und das hat sich noch verstärkt, weil es den Herstellern nicht gelungen ist, einen Partikelfilter zu entwickeln."

Mit dem Negativimage kam der Einbruch

Der Absatz von Dieselfahrzeugen sank dramatisch, in Nordamerika und – mit einer gewissen Verzögerung – auch in Europa. Der Unterschied war jedoch: In Europa schüttelte der Diesel das Negativimage erstaunlich schnell wieder ab. In den USA dagegen war der Ruf nachhaltig beschädigt. Auch weil der größte Hersteller, General Motors, technische Probleme nicht in den Griff bekam:

Neumaier: "Im Prinzip erinnert man sich in den USA an zwei Ereignisse, nämlich dass der Diesel unzuverlässig ist, dass er auseinanderbricht, wegen der GM-Fehlschläge. Und man erinnert sich, dass er krebsauslösend ist."

In den USA fristet der Diesel seitdem ein Nischendasein. In Deutschland dagegen setzte er kurze Zeit darauf schon wieder zu einem erstaunlichen Höhenflug an. Und dabei half die Politik kräftig mit, die Autoindustrie galt als Schlüsseltechnologie, die für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sorgte.

Der Diesel galt wieder als umweltfreundlich

Mögliche Krebsgefahren traten in den Hintergrund, der Diesel galt wieder als umweltfreundlich, was die Bundesregierung untermauerte, indem sie die Mineralölsteuer für den Diesel senkte, seitdem ist Dieseltreibstoff deutlich billiger als Benzin, was den Absatz spürbar ankurbelte.

Auch die aufkeimende Debatte über den Treibhauseffekt und damit letztlich den Klimawandel machte den Diesel plötzlich wieder attraktiv:

Neumaier: "Die Debatte um den Kohlendioxidausstoß und den Treibhauseffekt hat den Diesel sicherlich auf eine neue Wolke gehoben in Deutschland, es ist auch ein Unterschied zu den Vereinigten Staaten, wo die Treibhausdebatte keine ähnliche Virulenz entfaltet hat. Und da der Diesel traditionell als sparsam galt, konnte man den auch als neue umweltfreundliche Technologie vermarkten. Und umweltfreundlich in dem Sinne meint: niedriger CO2-Ausstoß."

Das sorgte für neue Verkaufsrekorde in Europa. Und ermutigte die deutschen Hersteller, eine neue Offensive in den USA zu starten. Dort waren die Autofahrer weiter skeptisch, was den Diesel anging. Das wollten Mercedes, VW und Co. nicht akzeptieren und präsentierten vor zehn Jahren den Clean Diesel, ein letzter verzweifelter Versuch, die tiefsitzenden Vorbehalte gegen die Technologie aus Deutschland zu bekämpfen.

Drei Omis für den Diesel

Volkswagen schickte drei streitlustige ältere Damen ins Rennen, die mit dem Auto übers Land fahren und sich lautstark darüber unterhalten, ob der Diesel nun stinkt und dreckig ist oder nicht.

Dann der ultimative Beweis, die Fahrerin hält ihren weißen Schal erst vor den Auspuff, dann vor die Kamera: Kein Ruß, kein Dreck. Der Diesel ist sauber. Das sollte die Botschaft sein.

Retten konnte die Kampagne den Diesel nicht. Denn nur kurze Zeit später kam raus: VW und andere Dieselhersteller hatten die Abgaswerte jahrelang manipuliert, sauber waren die Fahrzeuge nur auf dem Prüfstand.

"Und damit ist das Kartenhaus zusammengebrochen", sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Er gibt dem Diesel keine Chance mehr, in den USA nicht, aber auch in Europa nicht.

"Und damit ist der Diesel in einer Situation, dass er ein Auslaufmodell ist, und in vielleicht fünf oder zehn Jahren in den Industriemuseen zu sehen sein wird."

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