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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.02.2011

Der Bürgermeister als Kuppler

Tschechisches und slowakisches Kino auf der Berlinale

Von Jörg Taszman

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Auf der Berlinale sah man bislang nur selten Filme aus unserem Nachbarland.  (AP)
Auf der Berlinale sah man bislang nur selten Filme aus unserem Nachbarland. (AP)

Mit drei Filmen würdigt das Forum der Berlinale das junge tschechische und slowakische Kino. Die stilsicher erzählten Alltagsgeschichten haben es verdient, auch nach dem Festival dem deutschen Publikum präsentiert zu werden.

"Hier spricht euer Bürgermeister", schallt es aus den Lautsprechern im slowakischen 1000-Seelen-Ort Zemplinské Hámre. Seit 12 Jahren ist ein Ex-General Bürgermeister des Ortes und sein Regierungsstil ist hemdsärmelig. Da werden via Lautsprecher die Alkoholiker beschimpft und der Bürgermeister beschwert sich, dass sich die etwa 70 Singles über Dreißig ihrer moralischen und biologischen Verantwortung entziehen. Sie heiraten nicht und setzen so auch keine Kinder in die Welt. Also wird von der Stadtverwaltung ein Abend für Singles organisiert mit "Tombola" und einer Band. Eher zufällig hatte die junge, tschechische Regisseurin Erika Hnikova von diesem "verrückten" Bürgermeister gehört. Vier Jahre lang arbeitete sie an ihrem Dokumentarfilm, der auch drei Singles des Ortes in den Mittelpunkt rückt. Bei der gestrigen internationalen Premiere im Berliner Delphi Kino war die Stimmung ausgelassen. Ist aber Erika Hnikovas Film "Nesvatbov/Ein Bürgermeister als Heiratsvermittler" eine Komödie?

Erika Hnizkova: "Wenn es auf den ersten Blick wie eine Komödie erscheint und man danach über den Film nachdenkt, auch die traurigen Momente wahrnimmt, dann habe ich kein Problem damit. Wir brauchen auch gute Komödien. Ich hoffe aber, dass dieser Film doch ein wenig mehr in die Tiefe geht. Es geht hier um echte Probleme und ist ein Film über Einsamkeit. Ich hoffe, man denkt beim Sehen auch über sein Leben nach, über die eigenen Beziehungen und Partner. Lachen im Kino und zu Hause über den Film nachdenken und etwas traurig zu werden, ist völlig okay."

Regisseurin Erika Hnizkova beweist viel Einfühlungsvermögen. Ihr Film, der in einem Dorf der Ostslowakei spielt, ist eine Koproduktion des tschechischen und slowakischen Fernsehens. Auch der Spielfilm "Dum/Das Haus" entstand als Koproduktion der beiden Nachbarstaaten und rückt eine Familiengeschichte in einem slowakischen Dorf in den Mittelpunkt.

Eva, eine junge Frau, die gerade ihr Abitur macht, möchte als Au-pair-Mädchen nach London. Ihr Vater Imrich, ein ebenso sturer wie autoritärer Patriarch baut ihr als Geschenk ein Haus. Jede freie Minute muss Eva mit ihrem Vater beim Hausbau verbringen, dabei will sie einfach nur weg. Als sie dann Jakub, einen linkischen Mann kennenlernt, der später ihr Englischlehrer am Gymnasium wird, verliebt sich Eva. Aber Jakub ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ohne zu moralisieren erzählt die slowakische Regisseurin und Drehbuchautorin diese zarte Liebesgeschichte zwischen einem verheirateten Mann und einer sich von ihrem Vater lösenden jungen Frau. Und so wird "Dum" eine Parabel über konservative, veraltete Familienstrukturen auf dem Land, über das Erwachsenwerden und diffuses Fernweh. Das alles ist genau beobachtet und so beeindruckend gespielt, dass "Dum/The House" ein echtes, filmisches Kleinod geworden ist.

Auch in "80 dopisu/80 Briefen" ist England das Ziel der Wünsche eines etwa 14-jährigen Jungen und seiner Mutter. In England wohnt der Ehemann und Vater, dem die Mutter ausführliche, lange Briefe schreibt. Regisseur Václav Kadrnka erzählt in seinem Spielfilmdebüt eine autobiografische Geschichte. Er beginnt seinen Film mit einer langen Einstellung, in der ein Junge nach dem Aufwachen entdeckt, dass die Mutter fort ist, dann durch die Kleinstadt rennt bis zum Busbahnhof und sie einen Tag lang bei ihren Behördengängen zur Emigration begleitet. Lange Zeit weiß man als Zuschauer nicht, wann dieser Film spielt und welche Geschichte er genau erzählt. Das war die Intention des Filmemachers.

Vaclav Kadrnka: "Ich wollte nicht, diese klassische, dramaturgische Struktur aufbauen. Dabei gibt man dem Zuschauer zu viele Informationen, den Film zu verstehen. Wenn man zu viel verrät, muss man immer mehr Informationen preisgeben und manipuliert den Zuschauer. Das wollte ich nicht. Ich mag keine Filme, die manipulieren. Ich wollte dem Betrachter Raum und Freiheit lassen. Es war auch nicht meine Absicht, einen klassischen, historischen Film zu drehen, weil ich möchte, dass der Zuschauer Dinge vermutet. Deswegen habe ich diese Spannung aufgebaut. "

Ohne die Berlinale hätte Vaclav Kadrnka seinen auf 16 mm gedrehten Film nicht beenden können. Im eigenen Land erhielt er lange Zeit keinerlei Unterstützung, weil sein Werk persönlicher und roher wirkt, als die gefälligeren, tschechischen Komödien, die an der Kinokasse reüssieren. Schön, dass im Forum der Berlinale nun endlich das junge, tschechische und slowakische Kino gewürdigt wird. Alle drei Filme sind stilsicher erzählte Alltagsgeschichten und haben es verdient, auch nach dem Festival dem deutschen Publikum präsentiert zu werden.

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