Seit 01:05 Uhr Tonart

Sonntag, 23.09.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.07.2009

Der Bürgerkrieg durch das Auge des Fotografen

Robert Capa und Gerda Taro im MNAC

Von Julia Macher

Podcast abonnieren
Robert Capa: Tod des Milizionär Federico Borrel Garcia, bei Cerro Muriano,  in der Nähe von Cordoba, 5. September 1936 (Robert Capa, 2001 Cornell Capa / Magnum Photos)
Robert Capa: Tod des Milizionär Federico Borrel Garcia, bei Cerro Muriano, in der Nähe von Cordoba, 5. September 1936 (Robert Capa, 2001 Cornell Capa / Magnum Photos)

Robert Capas Aufnahme eines fallenden Soldaten während des spanischen Bürgerkriegs im September 1936 wurde zur Bürgerkriegesikone schlechthin. 70 Jahre nach Bürgerkriegsende kehrt diese Fotografie jetzt zurück. Das Nationalmuseum für Katalanische Kunst MNAC würdigt mit einer Doppelschau den bedeutendsten Fotoreporter des Bürgerkrieges und zeigt auch das Werk seiner Lebensgefährtin Gerda Taro.

Es ist eine Geschichte, wie sie sich kein Marketingstratege schöner ausdenken kann: Eine fotobegeisterte, junge Deutsche namens Gerda Pohorylle und Endre Ernö Friedmann, ein junger ungarischer Journalist, wandern in den 30er Jahren gemeinsam nach Paris aus, um sich als Fotografen durchzuschlagen. Um sich von den vielen anderen Künstler-Emigranten zu unterscheiden, erfinden sie einen berühmten amerikanischen Kollegen, für den beide angeblich arbeiten: er als Assistent, sie als Sekretärin. Ein Trick, durch den es dem Paar gelingt, seine Bilder zum dreifachen Preis zu verkaufen. Der Name des erfundenen amerikanischen Fotografen lautet: Robert Capa.

"Die beiden kamen gleich zu Beginn ihrer Karriere zusammen und haben ihre künstlerische Persönlichkeit, ihr fotografisches Projekt gemeinsam entwickelt. Capa hatte etwas mehr Erfahrung als Fotograf, Taro brachte ihre Fähigkeit als Organisatorin und Verkäuferin mit ein. Die Idee, sich als dieses glamouröse Paar unter anderem Namen neu zu erfinden, eine neue Identität zu erfinden, stammt von ihr."

sagt Kristen Lubben vom International Center of Photography in New York. Als das Paar im August 1936, einen Monat nach dem Putsch des Generals Franco und seiner Mitverschwörer, die Pyrenäen überquert, um vom spanischen Bürgerkrieg zu berichten, verkaufen die beiden ihre Arbeiten noch immer gemeinsam und werden im ersten Medienkrieg des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Fotoreportern. Ihre Reportagen werden in Magazinen wie "Vu", "Match" oder "Life" veröffentlicht.

Etwas länger als ein Jahr währt dieses "Joint Venture", dann verunglückt Gerda Taro mit gerade einmal 27 Jahren tödlich, Capa wird alleine die japanische Invasion in China und den D-Day dokumentieren.

Das Künstlerpaar in getrennten Ausstellungen zu würdigen, macht sowohl unter kunsthistorischen wie auch ästhetischen Gesichtspunkten Sinn.

"Ich denke, Capa vertritt einen sehr viel physischeren, dynamischeren, gestenreicheren Stil. Taros Bilder sind statischer, sie fotografiert oft heroische Posen, von unten, gegen den Himmel, arbeitet viel mit diagonalen Linien, wie es die moderne Schule der Fotografie damals lehrte."

Dass die Doppelausstellung in Barcelona nun zum ersten Mal in dem Land zu sehen ist, in dem das Drama des Bürgerkrieges und das persönliche Drama des Künstlerpaares stattfand, ist für die Kuratoren des International Center of Photography eine besondere Herausforderung. Nirgends wurden die Debatten über die Urheberschaft der Bürgerkriegsikone des "Fallenden Soldaten" intensiver geführt als in Spanien. Auch wenn letzte Details wohl nie geklärt werden, deuten die meisten Indizien auf Robert Capa als Urheber hin.

Fast die Hälfte der Capa-Ausstellung beschäftigt sich mit dem Bürgerkrieg. Mit Sorgfalt hat Co-Kurator David Balsells die Bilder von der Einnahme Kataloniens durch die nationalistischen Truppen, von den Flüchtlingen, die mit apathischem Gesicht am Straßenrand sitzen, inszeniert - und sie ins geographische Zentrum der Doppelschau gerückt.

"In gewisser Weise ist die Ausstellung hier nach Hause gekommen, viele Bilder sind in Barcelona entstanden. Natürlich wird auch die Lesart eine andere sein und gerade bei der Generation der Nachkriegskinder von Nostalgie und persönlichen Erinnerungen geprägt sein."

Da sich das Bürgerkriegsende in diesem Jahr zum 70. Mal in Spanien jährt, versteht Balcells die Capa-Taro-Ausstellung nicht nur als wichtigstes kulturelles Ereignis des Gedenkjahres, sondern auch als pädagogische und erinnerungspolitische Maßnahme:

"Die offizielle Erinnerungskultur in Spanien boomt, eben weil es früher nicht möglich war. Über Generationen wurden Bürgerkriegserinnerungen in Spanien mündlich weitergegeben. Diese Ausstellung bietet auch die Möglichkeit zu überprüfen, wie viel die junge Generation heute noch davon weiß."

Der spanische Bürgerkrieg durch die Augen des deutsch-ungarischen Künstlerpaars, das ermöglicht fürs spanische Publikum zugleich Nähe und Distanz. Für die Ausstellungsmacher die richtige Haltung um dieses zentrale Ereignis der jüngeren spanischen Geschichte zu würdigen.

Service:
Die Ausstellungen "This is war! Robert Capa in action" und "Gerda Taro" im katalanischen Nationalmuseum Barcelona sind noch bis zum 27. September zu sehen.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKlassiker unter #MeToo-Verdacht
Dominique Swain und Jeremy Irons in der "Lolita"-Verfilmung aus dem Jahr 1997. (imago stock & people)

Steht Vladimir Nabokov mit seinem Roman "Lolita" unter #MeToo-Verdacht? Was sagt die 79-jährige Feministin Germaine Greer zu dieser Bewegung? Und was würde Romy Schneider darauf antworten, wenn sie noch leben würde? Damit beschäftigen sich die Feuilletons.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur