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Literatur | Beitrag vom 20.10.2019

Der BriefromanIrrwege der Literatur

Von Hans von Trotha

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Mit einem Federhalter wird auf einem Stück Papier geschrieben. (imago/imagebroker/theissen)
In einem Briefroman sprechen sich, so scheint es, Briefschreiberinnen und Briefschreiber direkt aus, unbehindert von Rücksichten auf andere. (imago/imagebroker/theissen)

Das Briefeschreiben ist längst aus der Mode. Wer heute Nähe oder Flirt sucht, greift zur Maus, nicht zum Stift. Ist damit auch der Briefroman tot? Ein literarisches Genre mit wilder Blütezeit und zarter Renaissance.

Der Briefroman ist das literarische Genre, in dem vor mehr als 200 Jahren der Aufstand der Gefühle stattfand. Die Leidenschaften triumphierten über die Vernunft, das Besondere über das Allgemeine, die Abweichung über die Regel. Unumwundene Offenbarungen und emotionale Eruptionen zogen männliche wie weibliche Leser in den Bann.

Erforschung und Formung der Gefühle

Am Ende des 18. Jahrhunderts wurden Gefühle in vorher ungekannter Weise gesucht, ergründet und gefeiert. Die aufklärerische Vernunft galt nun als kalt und mechanisch, und die von ihr als kritisierten Emotionen erfuhren eine kräftige Rehabilitation. In der Empfindsamkeit erforschte das entstehende Bürgertum die Terra incognita der Gefühle, und indem es sie sprachlich fasste, formte es sie gleichermaßen. Das populäre Medium für beides war der Briefroman.

Wahrheit und Lüge sind starke Reize

In ihm sprechen sich, so scheint es, Briefschreiberinnen und Briefschreiber direkt aus, unbehindert von Rücksichten auf andere als den Adressaten. Allerdings hat auch der Briefroman einen Autor, öfter noch eine Autorin, auch wenn er oder sie sich bedeckt halten und hinter den Verfassern der Briefe verschwinden. Das Wissen um den Autor sät Zweifel am Wahrheitsgehalt des Geschriebenen und am Authentischen des Gefühls, ebenso wie der beständige Perspektivwechsel durch den nächsten Brief. Auch das gern frivole Kokettieren mit Privatem im (Halb-) Öffentlichen und die Überschreitung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wahrheit und Lüge sind starke Reize des Briefromans.

Renaissance als E-Mail-Roman

Jahrzehntelang entstanden viele Briefromane und wurden begeistert gelesen. Dann ebbte die literarische Mode ab. Aber verschwunden ist der Briefroman nie. Viktor Sklovskij, Ricarda Huch und andere griffen im 20. Jahrhundert auf ihn zurück. In jüngster Zeit erlebt der Briefroman eine Revitalisierung bei Daniel Glattauer oder Zsuzsa Bank. Modernisiert heißt er zuweilen E-Mail-Roman. Hans von Trotha geht den Spuren des Briefromans in der Literaturgeschichte nach.

Das Manuskript der Sendung finden Sie hier.

Sprecher: Bettina Kurth, Jule Böwe, Helmut Mooshammer, Christoph Gawenda und Hans von Trotha
Ton: Alexander Brennecke
Regie: Karena Lütge
Redaktion: Carsten Hueck

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