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Weltzeit | Beitrag vom 25.09.2019

Der Brexit und seine FolgenBritisches Gesundheitssystem in Gefahr

Von Marten Hahn

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Jugendliche Aktivisten von 'Our Future, Our Choice' haben vor dem "Department of Health and Social Care" in London Boxen mit Medikamentenrationen als Protestaktion gegen den Brexit aufgebaut. (Getty / Dan Kitwood)
Medikamentenlager für den Fall eines Brexits: Der EU-Austritt könnte zu Lieferschwierigkeiten führen. (Getty / Dan Kitwood)

Der EU-Austritt würde wöchentlich 350 Millionen Pfund in die Kassen des staatlichen Gesundheitssystems NHS spülen, versprach Boris Johnson vor dem Brexit-Referendum. Aber nun droht ausgerechnet der Brexit, dem NHS das Genick zu brechen.

Es ist Montagabend in der britischen Hauptstadt. Ich treffe mich mit James. Er steckt mitten in einem 48-stündigen Bereitschaftsdienst. James ist Mitte Vierzig, leitender Kinderarzt in einem großen Londoner Krankenhaus – und heißt eigentlich anders.

Ich möchte herausfinden, wie es um den NHS steht, den National Health Service, und welche Auswirkungen der EU-Austritt auf das britische Gesundheitssystem haben könnte. Aber die Recherchen sind schwerer als gedacht. Wegen des drohenden Brexit haben Politiker und Experten entweder kaum Zeit oder springen kurzfristig wieder ab.

Interviewanfragen werden abgelehnt

Andere wiederum haben Angst, überhaupt zu reden. Ein Krankenhaus in Liverpool, das ich angefragt hatte, verbietet seinen Ärzten grundsätzlich Interviews und teilt mir per E-Mail mit: "Unser Haus und unsere Angestellten lehnen Ihre Anfrage ab. Unser Krankenhaus wird sich über die Medien nicht auf eine Brexit-Debatte einlassen."

James hingegen sieht es als seine Pflicht zu reden, wenn auch anonym. Seit elf Jahren arbeitet er für den britischen NHS. Wie viele ist er stolz auf das für Patienten kostenlose, steuerfinanzierte Modell. Aber James hat erlebt, was passiert, wenn ein Gesundheitssystem immer mehr leisten muss, aber kein zusätzliches Geld erhält.

"Ich habe gemerkt, wie das finanzielle Defizit immer weiter wuchs. Jahr für Jahr musste die Versorgung deswegen unerbittlich zurückgefahren werden. In der Vergangenheit wurde das meist durch die Mitarbeiter kompensiert. Die Leute haben sich immer weiter aufgeopfert und es am Laufen gehalten. Aber ich habe die Sorge, dass da nun das Maximum erreicht ist."

Krankenhäuser sind chronisch unterfinanziert

Im vergangenen Winter mussten fast ein Drittel aller Notfallpatienten mehr als vier Stunden auf eine Behandlung warten. Tausende harrten vor den Türen von Notaufnahmen in Krankenwagen aus. Einige Patienten starben in den Fluren von Krankenhäusern, weil sie nicht rechtzeitig versorgt wurden. Auch im Sommer ist der NHS überlastet. Aber im Winter bricht das System regelrecht zusammen. Experten sprechen von einer chronischen Krise.

"Die Bevölkerung ist gewachsen und die Lebenserwartung gestiegen. Es gibt bessere Medizin, die Menschen leben länger. Gleichzeitig haben Fettleibigkeit und lebensstilbedingte Krankheiten zugenommen. Unsere Bevölkerung ist größer und kränker geworden. Und der NHS wurde nicht entsprechend ausgestattet, um da mitzuhalten. Wir haben die Gesundheit unseres Landes aus den Augen verloren."

Operation am Queen Elizabeth Hospital in Birmingham. (picture alliance / dpa / PA Wire / Rui Vieira)Schlecht bezahlt und überlastet: In Großbritannien beklagen Ärzte die den schlechten Zustand des staatlichen Gesundheitswesens. (picture alliance / dpa / PA Wire / Rui Vieira)

Könnte James etwas ändern, würde er die Zahl der Betten und Krankenschwestern um zehn bis 15 Prozent anheben. Es mangelt an beidem. An dem kaputtgesparten System leiden nicht nur die Patienten sondern auch die Angestellten des NHS.

"Ich liebe meine Arbeit. Aber es ist manchmal hart und hat in meinem Familienleben auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Es gab Zeiten, in denen bin ich monatelang nicht mit auf Familienurlaube gefahren. Ich war eigentlich gar nicht anwesend. Meine Frau ist da unheimlich tolerant."

NHS ist kein attraktiver Arbeitgeber

Oberärzte wie James verdienen zwischen 80.000 und 100.000 Pfund pro Jahr. Dafür arbeitet er manchmal bis zu 80 Stunden die Woche. Junge Ärzte starten mit einem Gehalt von rund 30.000 Pfund. Schwestern verdienen im Durchschnitt 23.000 Pfund. Es gibt attraktivere Arbeitgeber als den NHS.

Bei James klingelt das Telefon, die Station ruft an. James wird gebraucht. Bei allem Stress – er selbst hat nie darüber nachgedacht hinzuschmeißen. Aber er hat Kollegen erlebt, die nicht mehr konnten.

"Ich habe Leute gesehen, die es weit gebracht haben und dann gegangen sind, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Den einen ging es um die Familie. Aber manche haben einfach zu viel von sich gegeben und es war nichts mehr übrig. Das ist sehr traurig."

Adam Kay ist einer von denen, die gegangen sind. Kay lebt in einem beschaulichen Randbezirk Londons. Er ist heute Komiker, Buchautor und Drehbuchschreiber. Aber sieben Jahre lang arbeitete er als Geburtshelfer in Krankenhäusern des NHS. "Eigentlich ist der Kreißsaal in der Medizin einer der dankbarsten Orte. Man hat am Ende zweimal so viele Patienten wie am Anfang. Das ist eine sehr gute Statistik, wenn man sich andere Bereiche der Medizin anschaut. Aber dann gab es einen Tag, an dem wir weder eine gesunde Mutter noch ein gesundes Baby hatten."

Bei einem Kaiserschnitt kam es zu Komplikationen. Kay machte alles, was ihm möglich war, blieb anschließend traumatisiert zurück. Niemand gab ihm die Schuld. Aber er bekam auch nicht die Zeit, zu Hause zu bleiben und alles zu verarbeiten.

Kay fühlte sich alleingelassen und kehrte der Medizin den Rücken. Das ist neun Jahre her. Seitdem hat er seine Erfahrungen in Büchern verarbeitet. "Jetzt tut es gleich ein bisschen weh" wurde ein Bestseller. Es ist ein witziges Buch, voller Anekdoten über den Alltag in britischen Krankenhäusern. Aber auch ein Buch mit einer Botschaft: Ärzte sind auch nur Menschen.

"Wenn du ausgebildet wirst, spricht niemand darüber, wie du mit den schlechten Tagen fertig wirst. Dabei liegt es doch in der Natur des Jobs, dass die schlechten Tage die guten Tage zahlenmäßig übertreffen. Aber es gibt kaum Unterstützung für Ärzte. Es gibt da diese Kultur, dass man nicht darüber spricht."

Todesfälle, Überstunden und totale Erschöpfung

Bis heute erhält Kay Post von Ärzten und Pflegern, die ihm von ihren schlimmsten Tagen erzählen. Von Todesfällen, Überstunden und totaler Erschöpfung. Denn seit Kay gegangen ist, hat sich einiges verändert: "Es ist schlimmer geworden. Wer mein Buch gelesen hat, kann mir nicht vorwerfen, ich hätte da ein besonders rosiges Bild des Jobs gemalt. Aber nun stellt sich heraus: Das waren die guten, alten Zeiten."

Wer Kay auf der Bühne erlebt hat, weiß, wie wütend ihn das macht. Der fehlende Respekt der Politiker gegenüber NHS-Angestellten auf der einen Seite. Und die fehlende Finanzierung auf der anderen. In diesem Jahr erhält der NHS rund 133 Milliarden Pfund. Das sind zwar drei Milliarden mehr als im Vorjahr. Aber allein um das System zu stabilisieren wäre das Doppelte nötige gewesen.

"Es gibt da diese Konzept der medizinischen Inflation. Die besagt, wie viel mehr Geld man in ein Gesundheitssystem stecken muss, um die gleiche Versorgung wie im Vorjahr zu gewährleisten. Normalerweise sind das drei bis vier Prozent mehr. Historisch gesehen bekam der NHS das und konnte so auf der Stelle treten. Aber als ich vor neun Jahren ging, gab es einen Regierungswechsel. Dann fiel der Betrag auf einen Prozent."

Sparpolitik der Tories brachte NHS an den Abgrund

Die Sparpolitik der Konservativen Partei, die das Land seit neun Jahren regiert, hat das Gesundheitssystem an den Abgrund gebracht. Das hielt den Konservativen Boris Johnson im Jahr 2016 aber nicht davon ab, den NHS für seine Brexit-Kampagne zu nutzen.

"We've got one month to go folks until we take back democracy and we take back control for our country. Can we do it?" – Diese Rede hielt Johnson vor einem roten Bus mit der Aufschrift: "Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen Pfund. Lasst uns lieber den NHS finanzieren." Es war nicht die erste und auch nicht die letzte Lüge des heutigen Premierministers.

Boris Johnson vor dem Brexit-Kampagnen-Bus (2017) (picture alliance / dpa / Stefan Rousseau / PA Wire)"Wir schicken der EU pro Woche 350 Millionen. Finanzieren wir den NHS stattdessen." - Brexit-Kampagne von Boris Johnson 2017. (picture alliance / dpa / Stefan Rousseau / PA Wire)

"Der NHS ist eine sehr symbolische und zentrale Angelegenheit in der britischen Politik", sagt Mark Dayan. Er arbeitet für den Nuffield Trust. Die parteiunabhängige Stiftung untersucht regelmäßig den Zustand des britischen Gesundheitssystems. "Dieses System, dass die Menschen im Moment der Anspruchnahme kostenlos versorgt, hat einen besonderen Platz in der britischen Gesellschaft und Kultur."

Brexit könnte Gesundheitssystem ins Wanken bringen

Wer das nicht glaubt, muss sich nur mal die Lieder, die Lobeshymnen anhören, die für den NHS seit seiner Gründung 1948 entstanden sind. Dayan sagt auch: "Als die Leave-Kampagne im EU-Referendum den Brexit attraktiver machen wollte, haben sie ihn mit einem Thema verbunden, das den Menschen wirklich wichtig war: dem NHS. Denn der NHS hat schon immer eine große Rolle gespielt in der Öffentlichkeit. Die EU hingegen hatte für die Briten keine Priorität, bis das Brexit-Referendum passierte."

Und nun droht ausgerechnet der Brexit, dem NHS das Genick zu brechen. Ein wirtschaftlicher Abschwung zum Beispiel hätte fatale Konsequenzen. "Der NHS wird aus Steuern finanziert. Es kommt auf die Art des Brexit an, aber ein möglicher wirtschaftlicher Abschwung könnte zu niedrigeren Steuereinnahmen und zu höheren Ausgaben im Bereich Arbeitslosengeld führen. Das hätte einen Einfluss darauf, wie viel Geld für den NHS zu Verfügung steht", sagt Dayan.

Die 350-Millionen-Pfund-Lüge

Die von Boris Johnson versprochenen 350 Millionen Pfund werden auch wenig helfen. Denn es gab sie nie. Zum einen zahlt Großbritannien nur knapp 250 Millionen Pfund pro Woche an die EU. Und zum anderen fließt ein Teil des Geldes zurück nach Großbritannien, als Hilfe für arme Regionen, Forschungsgelder oder Agrarsubventionen.

Doch nicht nur Geld, auch Fachpersonal könnte nach dem Brexit noch knapper werden. Ohne Arbeitnehmerfreizügigkeit würde es für EU-Bürger schwieriger im Königreich zu arbeiten. Und das in einer Zeit, in der es bereits an heimischen Ärzten und Pflegern mangelt. Momentan arbeiten 65.000 EU-Bürger für den NHS. Das sind 5,5 Prozent. Insgesamt stammen über 13 Prozent der NHS-Mitarbeiter aus dem Ausland.

"Darauf war der NHS in den vergangenen Jahren angewiesen, um die Löcher in der Personaldecke zu stopfen. Und dann ist da das große Thema Pflege. Dort wurden die Kosten sehr zurückgeschraubt. Die Zahl der Stellen, die nicht besetzt sind, steigt. Es gibt nicht genug Personal. Der Brexit könnte diesem Sektor den Rest geben", sagt Dayan. 

Anti-Brexit-Demonstrant Steve Bray hält ein Schild "Rettet den NHS" hoch. (picture alliance / Photoshot)"Rettet den NHS", fordert der Anti-Brexit-Demonstrant Steve Bray. (picture alliance / Photoshot)

Doch Personal und Finanzierung sind Probleme, mit denen der NHS sich schon seit Jahren herumschlägt. Neu ist ein Problem, das erst durch den drohenden Brexit aufgetaucht ist: Logistik. Zwei Drittel der in Großbritannien benötigten Medikamente werden aus der EU importiert. Dayan befürchtet: "Die Versorgung mit Medikamenten und Medizintechnik wäre gefährdet. Sollte es einen No-Deal-Brexit geben, würde die plötzliche nötige Bürokratie es sehr erschweren, Produkte nach Großbritannien zu bekommen. Der NHS hat deswegen drastische Maßnahmen vorbereitet, darunter das Chartern von Spezialflügen für Medikamente und die Erschließung neuer Häfen."

Medikamentenversorgung könnte schwierig werden

300 Millionen Pfund hat die britische Regierung für die Notfall-Versorgung mit Essen und Medikamenten bereitgestellt. Fast alle Medikamente gelangen derzeit über die Häfen Dover und Folkstone ins Land. Weil man Angst hat, dass sich auf diesen Strecken im Fall eines Brexits alles staut, schaut man sich nach neuen Häfen um.

"Wir haben den Hafen von Felixstowe über die vergangenen Jahre bedeutend vergrößert, vor allem für Container-Verkehr", sagt Paul Davey. Er arbeitet für den Hafen von Felixstowe an der Ostküste. "Und wir haben neue Lagerflächen geschaffen für den Fährverkehr und so die Kapazität für den Handel mit Europa vergrößert. All das war sowieso geplant, weil es mehr Nachfrage gab. Aber das Timing in Bezug auf Brexit ist günstig."

Ich treffe den Hafenmanager in einem Park neben dem Britischen Parlament. Er ist unterwegs zu einem Termin mit Beamten des Zollamts. Im Gehen dreht er sich um und sagt, er habe bisher nicht eine Person in Großbritannien getroffen, die das System der Grenz- und Zollkontrollen vollkommen überblickt. Es ist also unwahrscheinlich, dass der Warenhandel nach dem EU-Austritt problemlos weiterläuft.

Vor Kurzem hat die Boris-Johnson-Regierung dem NHS erst 1,8 Milliarden Pfund für die Renovierung von Krankenhäusern versprochen. Und kurz darauf weitere 250 Millionen Pfund. Allerdings sollen damit Lösungen rund um Künstliche Intelligenz entwickelt werden. Vielleicht übernehmen ja bald Roboter die Nachtschichten.

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