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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 14.06.2006

Der ''Boss'' aus dem Pott

Helmut Rahn

Von Volker Wagener

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Helmut Rahn (Mitte) beim WM-Endspiel 1954 (AP)
Helmut Rahn (Mitte) beim WM-Endspiel 1954 (AP)

In Essen haben sie ihm ein Denkmal gesetzt. 50 Jahre nach dem "Wunder von Bern" wurde vor dem Georg-Melches-Stadion eine lebensgroße Bronze-Plastik enthüllt, die Helmut Rahn so zeigt, wie er berühmt wurde: als kraftvoller Stürmer, kurz vor dem entscheidenden Torschuss. "Rahn müsste schießen, Rahn schießt - Toor! Toor! Toor!". 3 zu 2. Deutschland wurde Weltmeister und der Junge aus dem Ruhrpott unsterblich.

Geprägt wurde Helmut Rahn vom Arbeitermilieu im Essener Stadtteil Katernberg. Hier wuchs er auf, hier fing er an Fußball zu spielen, hier arbeitete er zunächst unter Tage. Als Fußballer hatte er Talent, aber er war lebenslustig und wenig diszipliniert. "Ich war der Sensible, er der Optimist", erzählte Fritz Walter. Weil "der Boss", wie Helmut Rahn genannt wurde, dem Fußballgenie aus der Pfalz gut tat, sah Sepp Herberger über manchen Ausrutscher hinweg und machte aus dem Wackelkandidaten für die Nationalmannschaft den WM-Helden.

Dieter Elbers, Friesenwirt: "Für mich war das ein Pop-Star, hab ihn angehimmelt..."
Helmut Rahn: "Ich will nicht leugnen, ich hab immer mein Bier getrunken. Ich kenne wenig Fußballer, die nach dem Spiel nicht ihr Bierchen getrunken haben."
Herbert Zimmermann, TV-Kommentator: "Rahn und Tor, nur noch 2 zu 1."
Friedhelm Bußfeld, Jugendfreund: "Da konnte es passieren, dass er mal ne Zigarette mit nem Zwanziger ansteckte, das hat uns dann als Freunde doch etwas schockiert.”"
Herbert Zimmermann: ""...und Tor! 2 zu 2."
Rainer Doliv, Sammler von Rahn-Berichten: "Er soll mal gesagt haben, mit dem dritten Tor fing die ganze Scheiße an."
Herbert Zimmermann: ""Rahn müsste schießen, Rahn schießt und Tor, Tor, Tor!"

In einem Nachruf in der Hamburger "Zeit" war am 21. August 2003 zu lesen, Helmut Rahns drittes Tor im Berner Wankdorf-Stadion habe das damals erst junge Land verändert. Beckenbauer hat mit seiner Spielkunst das Land bloß unterhalten, schreibt der Autor, Rahns Linksschuss in der 84. Minute am 4. Juli 1954 war hingegen so etwas wie die eigentliche Gründung der Bundesrepublik. Ein wirklich historisches Tor also. Eines, das den ersten Sieg aus eigener Kraft bedeutete nach der größten Niederlage aller Zeiten. Der gebeugte Gang vieler Deutscher wurde mit diesem Tor wieder etwas aufrechter. Der frühere Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Peer Steinbrück, hatte über Rahn und das Wunder von Bern einmal gesagt, dieser Sieg sei das emotionale Fundament für das deutsche Wirtschaftswunder gewesen. Eine englische Studie drückte es einmal so aus: Für die Deutschen stehen Goethe, Schiller und Herbert Zimmermanns Rahn-Reportage auf einer Stufe.

Und weil das so ist, konnte der eigenwillige Bergmannssohn aus Essen-Katernberg irgendwann diese geschichtliche Bedeutung eines banalen Flachschusses in die linke Torecke, nicht mehr ertragen. Irgendwann hielt er nur noch den Mund. Keiner weiß genau, wann aus dem lebenslustigen Helmut "von um die Ecke" der traurige Mann wurde, der nur noch stumm um die Häuser in Essen-Frohnhausen schlich, da, wo er zuletzt zuhause war. Er wollte einfach nicht mehr antworten auf die ewig gleiche Frage. "Hömma Helmut, erzähl mich ma dat dritte Tor!"

Der Himmel ist blau über der Ruhr, die ganz Kleinen von "Altenessen 12" schwitzen beim Trainingsspiel über das Halbfeld. Im Vereinsheim hat Rainer Doliv seine Erinnerungsstücke zu Helmut Rahn auf den langen Tischen ausgebreitet. Zeitungsartikel, Fotos, Postkarten. Doliv, Jahrgang 47, war sieben als Helmut Rahn zum Fußballgott aufstieg. Der Mann mit dem Schnauzbart sammelt alles, wo auch nur der Name Rahn erwähnt ist. Rainer Doliv, ein Nachbar einige Häuser weiter, war zu klein, um damals von Rahn wahrgenommen zu werden. Umso mehr schaute er zu dem Anführertyp auf.

"Er war ein typisches Koloniekind, er war der Uwe Seeler von Essen.”"

Zur Kolonie, Wohnsiedlungen, die von den Zechenbetreibern gebaut wurden, gehörte auch die Adresse "Leseband 28", hier wohnte Helmut Rahn. In der Mannschaft Sepp Herbergers war er der "Boss", hier im Essener Norden, da wo Rahn als Straßenfußballer auf einem Bolzplatz in einem Wäldchen - "im Busch" genannt - seine ersten Tore schoss, da nannten sie ihn anders, erzählt Friedhelm Bußfeld, Platzkassierer beim SV Altenessen.

""Das war der Köttel, weil er so klein war - und nachher war er der Boss."

Rahn war ein Typ mit Ecken und Kanten, schon als Kind, sagen die, die ihn erlebten. Der konnte schon immer seine Ellenbogen einsetzen. Er gab Widerworte, er war unbequem. Eine sympathischere Variante von Mario Basler, schrieb einmal die "Süddeutsche Zeitung". Typ schlampiges Genie.

Frohnhauser Straße, "Friesenstube". Neben dem Eingang eine Tafel, die auf Helmut Rahn hinweist. In einer Vitrine das Trikot des früheren Rechtsaußen, Fotos von ihm mit und ohne 54er-Mannschaft. Ein "Rahn-Altar". Dieter Ellers, der Wirt, Anfang 60, schwarzes Haar, kariertes Hemd, macht aus seiner Bewunderung für den Fußballer und Menschen Helmut Rahn keinen Hehl.

"Wenn einer Weltmeister wird... für mich war das ein Popstar. Ich hab ihn angehimmelt, der war ein echter Kumpel, der hätte nie einen im Stich gelassen."

Sepp Herberger hatte ein besonderes Verhältnis zu seinem stets lauten, aber lustigen Stürmer. Manche behaupten, es sei eine Hassliebe gewesen. Einerseits schätzte der Bundestrainer Rahns Unberechenbarkeit auf dem Platz, seine Vorstellungen von Disziplin teilte er hingegen nicht. Typisch für das besondere Verhältnis Herbergers zu Rahn ist eine Episode aus dem Spiel gegen Jugoslawien bei der 54er-WM, erinnert sich Rudi Michel, der langjährige Fußball-Fernsehkommentator des Südwestfunks.

"Rahn hatte versprochen, gegen Jugoslawien ein Tor zu schießen. Herberger fragte an der Seitenlinie, Helmut, wo ist denn ihr Tor? In der gleichen Minute machte er das 2:0. Dann kam er vorbei gelaufen und sagte zu Herberger, na, hier ich, wie versprochen."

Eine nette Großspurigkeit, die nicht nur Herberger klammheimlich gut hieß. Im Freundeskreis gefiel er vor allem durch seine Bodenständigkeit mitten im Ruhm. Vor allem daran erinnern sich seine Vereinskollegen vom "SV Altenessen 1912" immer wieder gern. Rahns Triumphfahrt durch Essen nach der Heimkehr aus Bern gehört zu den liebsten Anekdoten seiner Freunde. Denn Rahn ließ sie als Held spüren, wie er sich mit ihnen und ihrer gemeinsamen Straßenfußballer-Zeit eins fühlte.

"Da kam er von Bern. Triumphfahrt durch Essen. Als der uns sah, im Busch, sofort ließ er anhalten. Im feinsten Zwirn kam er zu uns und hat mit uns Fußball gespielt. Und zum Kollegen Rolf hat er gesagt, komm mal her, geh mal nach de Bude und hol mal ne Kiste Bier, hier hasse Geld."

Deshalb lieben sie ihn immer noch im rauen Essener Norden. Auch weil er nach dem Endspiel in der Vereinskneipe in Altenessen angerufen hatte, erinnert sich Rolf Rothaar, der damals dabei war.

"Das weiß ich auch noch genau. Der hat direkt von Bern ins Vereinslokal angerufen. Der Wirt rief dann in den Raum, der Köttel hat gerade angerufen."

Helmut Rahn hat den Ruhm genossen, so schien es. So sehr, dass ihm Kritiker 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden vorwarfen, er habe vier Jahre lang den Erfolg von Bern zelebriert. Er war etwas rundlicher geworden, dennoch traf er sechsmal ins Tor, genauso oft wie der damals junge Pele. Auf 40 Länderspiele brachte es Rahn, dann war Schluss.

Im Verein war noch lange nicht Abpfiff. Nach Rot-Weiß Essen folgten noch Wechsel zum 1. FC Köln und in die holländische Ehrendivision zu Twente Enschede. Wenig bekannt ist, dass er mit diesem Club 1962 nach Israel reiste und als erster deutscher Fußballer hier spielte. Seine letzte Station hieß Meidericher SV. Rahn hatte es sogar in die damals neu gegründete Bundesliga geschafft. Seine letzten Profijahre waren schon zunehmend eingetrübt durch Schlagzeilen außerhalb des Spielfeldes. Alkohol soll immer mal wieder sein Problem gewesen sein. 1957 musste er nach einem Unfall wegen Trunkenheit am Steuer sogar zwei Wochen ins Gefängnis. Sepp Herberger hielt dennoch an ihm fest. 1979 äußerte sich Rahn in einem Fernsehinterview zum Thema Alkohol. Er blieb unkonkret.

"Ich will nicht leugnen, ich hab immer mein Bier getrunken. Ich kenne wenig Fußballer, die nach dem Spiel nicht ihr Bierchen getrunken haben. Sicher, die Schlagzeilen, die da gebracht worden sind, das weiß nur der Helmut Rahn, wenn er sie gelesen hat Und ich habe mir dann mein eigenes Bild davon gemacht und gesagt, die müssten erst mal den Helmut Rahn richtig kennen lernen, dann könnten sie sich ein richtiges Bild machen."

Ein verletzter, nur noch milde die Medien bespöttelnder Rahn ist da zu hören. Fußball-Fernseh-Reporter Rudi Michel fällt es noch heute schwer über Rahns tatsächlichen oder nur aufgebauschten Alkoholprobleme zu richten.

"Natürlich, der Helmut hat auch mal einen getrunken, aber das muss man auch aus der damaligen Zeit heraus sehen. Ich kann über den Helmut Rahn kein negatives Urteil fällen."

Er selbst hatte sich oft beschwert, an einem einzigen Tag würden ihn hundert Menschen ansprechen und zu einem Glas Bier oder Wein einladen, sage er dann nein, heiße es dann gleich, dem ist wohl der Ruhm zu Kopf gestiegen. Sage er ja, werde er als unsolider Bursche angegangen. Seine Freunde aus Altenessen kennen die Geschichten und haben eigene im Angebot.

"Er hatte ja auch die stillschweigende Genehmigung von Herberger gehabt, ne Flasche Bier im Spint zu haben. Weil der Herberger genau wusste, wenn ich dem die wegnehme, dann schmollt der."

Und doch hatte Helmut Rahn irgendwann erkennbare Probleme mit dem Ruhm. Keiner weiß so genau, wann die Wende in seinem leben einsetzte, im Nachhinein bleiben nur die Geschichten, die wie Anekdoten immer wieder die Runde machten.

"Er hatte ja später dann auch Angebote. Da gab's ja schon richtig Geld für ihn. Da konnte es passieren, dass er mal ne Zigarette mit nem Zwanziger anzündete, das hat uns dann als Freunde doch etwas schockiert."

Und so manche aus seinem Essener Umfeld wollten sich selbst auch noch in Rahns schlechteren Zeiten über ihn profilieren. Wenn er in seiner Stammkneipe, der "Friesenstube" in der Frohnhauserstraße an der Theke stand, erwuchsen in der Einbildung einiger zufälliger Gäste wahre Rahn-Phantasien, hat Friesenwirt Dieter Ellers erlebt.

"Ja, ja, so war das. Wenn irgendeiner 20 Meter entfernt den Helmut Rahn am Tresen gesehen hatte, dann hat der am nächsten Tag erzählt, er hätte mit Rahn gesoffen."

Zimmermann: "Aus, Aus, Aus! Deutschland ist Fußball-Weltmeister!"

Helmut Rahn hat viel später das gehört, was Millionen Deutsche an diesem 4. Juli 1954 an den Hörfunkgeräten mitverfolgt hatten. Die Radio-Reportage von Herbert Zimmermann. Auch der wurde durch diesen einen Nachmittag zu einer Ikone seiner Branche. Rahn soll, so will es die Legende, beim Hören der Stimme Zimmermanns, die ja vor allem ihm gehuldigt hatte, vor Rührung geweint haben. Da erst soll ihm bewusst geworden sein, was er vollbracht hatte.

Der Weltmeister hatte versucht, aus seinem Ruhm ein wenig Kapital zu schlagen. Er hatte ein Angebot von Real Madrid, doch seine Freunde von damals meinen noch heute, was hätte denn der Helmut ohne uns in der Fremde angefangen. Ein Hinweis auf die starken Bindungen, die der Reviermensch Rahn zum Bergarbeiter-Milieu im Ruhrgebiet immer hatte. Aber auch eine Floskel, mit der sich all diejenigen, die mit ihm in der gleichen Siedlung gewohnt, auf dem gleichen Bolzplatz geflankt und geköpft hatten, aber nicht mit zur Weltmeistermannschaft gehörten, wie sehr sie den Erfolg ihres Helmut auch für sich immer wieder vereinnahmt hatten.

Wirtschaftlich hat es für Helmut Rahn nur zu einer Mietwohnung, einem Schrebergärtchen und einem Gebrauchtwagenhandel gereicht. Eine magere Beute für einen Helden.

Bußfeld: "Er hatte mit seinem Bruder Autos verkauft. Ganz arm war er nicht. Wenn über dem Laden stand: 'Helmut Rahn', dann haben doch viele gekauft."

Ganz zum Schluss wurde Helmut Rahn etwas häufiger in der Nähe der Kirche in Essen-Frohnhausen gesehen und gar nicht mehr so oft auf dem Fußballplatz. Ein Held hatte mit dem Irdischen abgeschlossen, der große Unterhalter scheute den Kontakt mit seinen Nachbarn und Freunden. Am Ende hat ihn Pfarrer Bernhard Alzhude dann immer öfter begrüßen können.

Alzhude: "Ich hab immer gesagt der Mann mit der Mütze. Der hatte wohl das Bedürfnis hier mal ein Kerzchen anzuzünden. Also er war am Ende nicht mehr der große Kämpfer und Fußballspieler."

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