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Religionen | Beitrag vom 31.01.2021

Der Boom der "Ersatzreligionen""Kulturelle Phänomene übernehmen religiöse Funktionen"

Hendrik Meyer-Magister im Gespräch mit Christopher Ricke

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Porträt des Philosophen Hendrik Meyer-Magister. (Meyer-Magister)
Viele Menschen erproben neue Formen von Religiosität, beobachtet Hendrik Meyer-Magister, Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Tutzing. (Meyer-Magister)

Menschen machen spirituelle Erfahrungen beim Angeln, feiern in Fußballstadien quasi-religiös und missionieren für vegane Ernährung. Und doch fehlt da etwas im Vergleich zur Religion, meint der evangelische Theologe Hendrik Meyer-Magister.

Christopher Ricke: Wir haben uns heute mit spirituellen Erfahrungen außerhalb der Religionen beschäftigt und waren beim Fußball, beim Angeln und bei der veganen Ernährung. Ich spreche jetzt mit dem evangelischen Pfarrer Hendrik Meyer-Magister. Er ist der neue Studienleiter für "Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Spiritual Care" an der Evangelischen Akademie in Tutzing. Herr Meyer-Magister, ganz offenbar haben andere Lebensbereiche Funktionen übernommen, die früher ausschließlich Sache der Religionen waren. Fußballbegeisterte haben die emotionale Gemeinschaft, Veganerinnen und Veganer die Mission und die Moral. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Hendrik Meyer-Magister: Ich erlebe das als eine interessante Transformation unserer religiösen Landschaft, die wir seit einigen Jahrzehnten beobachten. Vermutlich würde man sagen, dass das religiöse Feld nie so statisch und so stabil war, wie wir das in die Vergangenheit zurückprojizieren. Es ist, glaube ich, eine offene Entwicklung, in der viele Menschen neue Formen von Religiosität ausprobieren, in der viele kulturelle Phänomene religiöse Funktionen übernehmen, und ich beobachte das mit einer großen Neugier, auch mit einem professionellen Interesse, aber nicht unbedingt gleich mit Ablehnung.

Fussball und Veganismus als Sinn des Lebens

Ricke: Aber mit Verständnis! Dieses Verständnis haben die Betroffenen selber vielleicht gar nicht. Eine Veganerin wird nicht sagen, ich bin Angehörige der Veganer-Religion, oder ein Fußballer, ich bin Angehöriger der Fußball-Religion.

Meyer-Magister: Ja, da haben Sie völlig recht. Ich denke, im Hintergrund steht sehr stark, was man eigentlich unter Religion versteht. Es gibt funktionale Religionsdefinitionen, die von der Funktion her kommen, welche ein Phänomen – sei es jetzt Veganismus oder sei es der sonntägliche Kirchenbesuch in der evangelischen oder katholischen Kirche – für ein Individuum, aber auch für eine Gesellschaft hat.

Da kann man sagen: Wenn Veganismus, wenn Fußball, ja, wenn auch das Angeln dazu führt, dass ich in meinem Leben Sinn erfahre, dass ich eine Weltdeutung bekomme, die mir eine Gesamtsicht auf mein Leben bietet und auf das, was mich in meinem Leben umtreibt, was mir begegnet, und dazu führt, dass ich das Gesamte integrieren kann, dann hat es eine religiöse Funktion.

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Gleichzeitig kann man aber sagen, dass Religion auch substanziell definiert werden kann. Man könnte also sagen, Religion ist immer nur dann Religion, wenn Sinnstiftung mit Bezug auf Transzendenz – christlich-klassisch gesprochen: auf Gott – stattfindet.

Und da würde ich sagen, diese Phänomene sind interessant, weil sie funktionell äquivalent zu sein scheinen, aber ich würde dann doch fragen, ob sie substanziell diese Sinndeutung wirklich in dem Sinne "religiös" vollziehen, dass sie sich auf etwas ganz Transzendentes, etwas dieser Welt ganz Enthobenes, auf etwas ganz anderes beziehen. Das würde ich doch mehr und mehr infrage stellen und sagen, dass diese Phänomene deswegen eher als religionsanaloge Phänomene zu verstehen sind.

Reliquienkult im Fußballstadion

Ricke: Es ist vielleicht auch eine Frage nach Sein und Haben, also: Bin ich in einer Art und Weise religiös oder habe ich den Stempel "Christ" oder "Jude" oder "Muslim"?

Meyer-Magister: Ja, das stimmt. Ich würde es nicht als Stempel bezeichnen, eher als soziale Zuschreibung. Auch das hat ja viel damit zu tun: Wie sehen mich eigentlich andere? Wer bestimmt eigentlich, wer ich bin? Nur Veganer oder Veganerin, nur Christ oder Christin? Was zeichnet mich eigentlich in meiner Identität aus?

Das hat ganz viel auch mit Praktiken zu tun – nicht nur das, was ich bin, sondern auch das, was ich tue, wie ich handele. Das merkt man ganz stark, glaube ich, im Fußball. Die Analogien zum Religiösen im Fußball sind eben religiös-analoge Praktiken: die Pilgerreise ins Stadion, das gemeinsame Singen, das Unterstützen dessen, was auf dem heiligen Rasen passiert, der Reliquienkult, wenn der heilige Rasen nach einem großen Sieg mit nach Hause genommen wird. All das sind Praktiken, die eine Parallelität zu Religionen haben.

Und in diesem Spannungsfeld von Überzeugungen, Zuschreibungen und Praktiken, denke ich, wird man darüber nachdenken müssen, ob diese Phänomene als Ersatzreligion zu beschreiben sind.

Warnung vor Fanatismus

Ricke: Jetzt gibt es ja in diesem Bereich tatsächlich auch falsche Propheten. Ich denke da mal an einen berühmt-berüchtigten Veganer: Attila Hildmann. Der hat Kochbuch-Bestseller geschrieben, wirklich eine Gemeinde um sich geschart und fällt seit einiger Zeit mit Verschwörungsmythen eher unangenehm auf. Da gibt es ja anscheinend auch Risiken in diesem Bereich.

Meyer-Magister: Ja, es ist wie überall in der Religion, auch das ist eine analoge Entwicklung: Religion kann befreiend sein, kann stützend sein, kann Menschen in ihrem Leben unterstützen, Halt geben, aber sie kann eben auch einengend sein, kann ideologisch werden, kann gefährlich werden.

Ich denke, auch diese Parallelitäten sieht man in all diesen Phänomenen. Sie kann fanatisch werden, das haben wir sozusagen in der Wortwurzel Fußball-Fans fast schon mit drin.

Unscharfe Grenzen zwischen Religion und Spiritualität

Ricke: Es gibt ja auch innerhalb der regulären Religionen ganz unterschiedliche spirituelle Pfade. Da gibt es in jeder Religion Mystiker, es gibt die Kombination aus christlicher Kirche und Zen-Meditation. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Grenzen sind unscharf. Sie haben es zwar vorhin so schön erzählt: Ohne Gott ist es noch keine Religion, wenn ich das sehr stark zusammenfassen darf. Aber trotzdem gibt es ja unscharfe Grenzen, und da gibt es Schwierigkeiten zu unterscheiden zwischen Glauben, Religiosität und Religion. Wie helfen Sie mir da?

Meyer-Magister: Tatsächlich ist man sehr lange davon ausgegangen, dass sich unsere Gesellschaft und die Sinnstiftung der Menschen schlichtweg säkularisieren, also ohne Gott auskommen. Man hat dann erst sehr spät, in den 70er-Jahren, gemerkt, dass sich die Religiosität vielleicht auch nur ändert, und zwar zu einer Unkenntlichkeit verändert, die die bisherige Religionssoziologie nicht erkannt hat.

Ich würde sagen, dass sich "Religiosität" je nach ihrer Definition als ein sehr weit gefasstes menschliches Phänomen – letztlich das Bedürfnis nach Sinnstiftung – auffassen lässt. "Religion" kann man dann vielleicht auch tatsächlich in einem etwas engeren Sinne beziehen auf die klassischen Religionen, und "Spiritualität" würde ich noch mal davon abheben, mit dem Verweis darauf, dass häufig Spiritualität fragmentarischer ist als eine geschlossene Religion oder Religiosität.

Zukunft der Seelsorge

Ricke: Dann lassen Sie uns das doch mal anwenden. Zu Ihren Themen gehört ja Gesundheit und Spiritual Care. Wenn ich jetzt Krankenhausseelsorge sage, stimmt vielleicht die Richtung, aber Spiritual Care ist natürlich etwas anderes, richtet sich auch an Menschen, die eben keiner Religionsgemeinschaft angehören. Ist also Spiritual Care das, was in Zukunft an die Stelle zum Beispiel der Krankenhausseelsorge treten kann?

Meyer-Magister: Der Tendenz nach ist es völlig richtig, dass Spiritual Care eine Entwicklung der jüngsten Zeit ist und insofern auch gewissermaßen die Richtung vorgibt, mit der sich die Krankenhausseelsorge auseinandersetzen muss.

Dahinter steht die Entdeckung, dass Menschen, die schwer erkrankt sind, eben nicht nur körperlich erkrankt sind. Dass sie auch spirituell Heilung oder Behandlung, Care, Fürsorge brauchen. Das ist eine Entwicklung, die vor allen Dingen aus der Palliativmedizin kommt. Die klassische Krankenhausseelsorge muss sich zu Spiritual Care nun eben verhalten.

Viele Seelsorgende sind da auch sehr offen, auch die Kirche ist da sehr offen, sich mit ihrem Eigenen sozusagen an der Spiritual Care im Krankenhaus, in anderen Einrichtungen zu beteiligen. Ich glaube, der Weg, die Tendenz geht deutlich da hin.

Gleichwohl sind auch Fragen offen zwischen Spiritual Care und Seelsorge, wie genau sich eine kirchliche, auch eine konfessionelle Seelsorge eben einbinden lässt in einen spirituellen Heil- und Behandlungsplan in einem konfessionslosen Krankenhaus.

Kirche als Stimme in der Mitte der Gesellschaft 

Ricke: Jetzt sind Sie aber Pfarrer, und Sie arbeiten an einer evangelischen Akademie, da muss es doch ein Interesse geben, die suchenden Schäflein tatsächlich zurück zu Mutter Kirche zu führen?

Meyer-Magister: Der Auftrag der Akademie ist in diesem Sinne vielleicht nicht unbedingt ein missionarischer, die Schäfchen zurück zu Mutter Kirche zu führen. Der Auftrag einer Akademie oder die Idee einer Akademie war immer, wie ein dritter Ort gerade sozusagen zwischen der Gesellschaft und der Kirche, einen Gesprächsraum, ein offenes Forum anzubieten, eine Begegnungsstelle und eine Begegnungsfläche, einen Ort zu bieten.

Das verändert sich radikal – diese Idee stammt aus den 50er-Jahren – unter Bedingungen, in denen eben die Kirche vielleicht aufgrund ihrer Mitgliederverluste nicht mehr so selbstverständlich in der Gesellschaft präsent ist. Ich glaube, wir haben als Kirche eine ganz andere Aufgabe, nämlich in der Mitte der Gesellschaft weiter gehört zu werden, und das wird die Zukunft zeigen.

Da müssen wir auch als Akademie – das kann ich jetzt sozusagen nur in der Projektion auf meine zukünftige Aufgabe sagen – wieder in die Mitte der Gesellschaft hinein sprechen. Aber gesellschaftliche Bedeutung von Kirche entscheidet sich nicht allein an der Zahl ihrer Mitglieder.

Ricke: Sie sprechen dann auch zu Fußballern, Veganern und Anglern?

Meyer-Magister: Ich hoffe das. Ja.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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