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Zeitfragen | Beitrag vom 12.06.2019

Der Blick der USA auf die WeltSelbstbestimmungsrecht – aber nicht für "unreife Völker"

Von Max Paul Friedman

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Ein US-Panzer während des Vietnamkrieges 1969. (picture alliance/akg-images)
Ein US-Panzer während des Vietnamkrieges 1969. (picture alliance/akg-images)

Vor 100 Jahren trat US-Präsident Woodrow Wilson für das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein. Dieses Recht galt aber nur für Weiße. Auch Jahrzehnte später änderte sich daran wenig, wie der Umgang mit Ländern wie Vietnam oder Chile zeigte.

Hundert Jahre nach Wilson bleiben die Widersprüche, die sein Konzept der Selbstbestimmung umgaben, so schwer auflösbar wie am ersten Tag. Er wollte Selbstbestimmung nur für Weiße. Buchstäblich. Sein Ziel im Ersten Weltkrieg war es, wie er privat sagte, "die weiße Zivilisation und ihre Herrschaft über den Planeten" zu bewahren. Andere Rassen waren einfach unterentwickelt. "Die Demokratie ist Gift für das Kind, aber Stärkungsmittel für den Mann", meinte er. "Unreife Völker können es nicht haben." Unreife Völker...!

Damals kamen der junge Ho Chi Minh aus Vietnam, Saad Zaghlul aus Ägypten und Francisco Henríquez aus der Dominikanischen Republik nach Versailles, sie versuchten erfolglos, Wilson davon zu überzeugen, dass Selbstbestimmung auch für ihre Länder gelten sollte. Seitdem setzen sich die Vereinigten Staaten rhetorisch weiterhin für das Prinzip ein, während wir es selektiv anwenden, abhängig von unseren geostrategischen Interessen.

Derselbe Präsident Wilson, der für das Selbstbestimmungsrecht der Völker eintrat, befahl den Marines, Haiti, Nicaragua und die Dominikanische Republik zu übernehmen, um ihre Volkswirtschaften und Regierungen an die Bedürfnisse der USA anzupassen und die Widerständler zu erschießen. "Ich werde diesen südamerikanischen Republiken beibringen, gute Männer zu wählen", sagte er.

Die Vereinigten Staaten wollen die Selbstbestimmung der Völker, aber sie soll, bitte, die gewünschten Ergebnisse hervorbringen: In Vietnam, wo der ältere Ho Chi Minh sowohl im Norden als auch im Süden zu 80 Prozent unterstützt wurde, aber die USA führten einen Krieg, um die Vietnamesen daran zu hindern, die Selbstbestimmung nach ihrer Art zu verwirklichen. Ähnlich gingen die USA mit dem Iran 1953 um, mit Guatemala ‘54, Kuba ‘61, Chile ’73, Nicaragua ‘79.

Wie sich Russen und Amerikaner ähneln 

In dieser Hinsicht waren die Russen, obwohl Lenin schon vor Wilson für die Selbstbestimmung eingetreten war, nicht anders als die Amerikaner: Nennen wir Ungarn, die Tschechoslowakei, Afghanistan, später Georgien und die Ukraine. Was Thukydides schrieb, gilt auch im Zeitalter des Selbstbestimmungsrechts der Völker noch: Große Mächte tun, was sie wollen; kleine Mächte tun, was sie müssen. 

Auch erfolgreiche Fälle von nationaler Selbstbestimmung hatten ihre Schattenseite, sie brachten ethnische Säuberungen und erzwungene Bevölkerungsverlagerungen mit sich, was in der Ukraine und in Polen ein blutiger Prozess war und heute im Nahen Osten ein blutiger Prozess ist. Israel – Palästina. Oder die Kurden, die größte ethnische Gruppe der Welt ohne eigene Staat, über vier Länder verteilt, von denen keines will, dass die Kurden unabhängig werden. Wilsons Ruf nach Selbstbestimmung sollte alle Kriege für immer beenden, aber das Prinzip kann ebenso leicht neue Kriege auslösen. 

Trumps Auffassung von Selbstbestimmung

Präsident Trump hat vor kurzem gesagt, dass "Selbstbestimmung das heilige Recht aller freien Völker sei", und als Beispiel nannte er Brexit. Sein Schwiegersohn und Sonderbeauftragter für den Nahen Osten sagt, dass die Palästinenser Selbstbestimmung haben sollten, doch mit Wilson fügt er dazu, dass sie noch nicht in der Lage sind, sich selbst zu regieren. Donald Trump folgt Steve Bannons Denken und sieht die Selbstbestimmung als gleichbedeutend mit Nationalismus, während die internationale Kooperation für sie suspekt ist.

Die Ironie ist aber, dass in einer Zeit der Klimakrise, die nur durch internationale Kooperation angegangen werden kann, einige Nationalstaaten ihr Selbstbestimmungsrecht vollständig verlieren, indem sie buchstäblich von der Landkarte verschwinden und im Meer versinken. Im 21. Jahrhundert würde der Satz von Thukydides dann so lauten: Große Mächte tun, was sie wollen; kleine Mächte können gar nichts mehr tun.

Wenn das Selbstbestimmungsrecht des 21. Jahrhunderts das Recht auf nationales Überleben einschließt, geht das nur durch die Abgabe eines Stücks Souveränität an multinationale Institutionen. Aber das ist wohl für den heutigen amerikanischen Präsidenten eine genauso große Zumutung wie der Gedanke für Wilson vor hundert Jahren, dass das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für Länder wie Haiti gelten müsste.

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