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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.02.2011

Der bewegte finnische Mann

Von Jenni Roth

Archaischer Waldarbeiter und emanzipierter Großstadtmann? (Stock.XCHNG / Anne Syrjälä)
Archaischer Waldarbeiter und emanzipierter Großstadtmann? (Stock.XCHNG / Anne Syrjälä)

Finnland gilt als Musterland der Emanzipation. Frauen haben 40 Prozent der Spitzenjobs in Privatunternehmen inne, auch die meisten Ministerposten sind an Frauen vergeben. Zeit für die Männer, aktiv zu werden: Ein Gleichberechtigungsverein kümmert sich nun um ihre Belange.

Eine Szene aus dem finnischen Dokumentarfilm "Miesten vuoro", übersetzt "Männerrunde in der Sauna": Hier hackt ein Mann jeden Tag Holz – so viel, dass seine Frau bis an ihr Lebensende mit Brennholz versorgt sein wird. Es ist eine Liebeserklärung an sie.

Dass der finnische Mann "nicht spricht und nicht küsst" ist eine Volksweisheit. Und schon dem Nachwuchs wurde eingetrichtert: "Jungs weinen nicht." Doch der Archetypus vom finnischen Mann, der schweigt und angeln geht und der redegewandteren Frau in vielen Bereichen das Feld überlässt, scheint aufzuweichen: Neuerdings hinterfragen die Männer ihre Geschlechterrolle und pochen auf ihre Rechte.

Allen voran Juuso Erno. Er ist der Vorsitzende des Gleichberechtigungsvereins für Männer. Der Verein berät in Fragen des Sorgerechts oder bei Arbeitslosigkeit. Für ihn ist die Benachteiligung der Männer sogar schuld an der hohen Selbstmordrate.

"Finnland gilt als Musterland in Sachen Gleichberechtigung – aber dabei ist immer nur von Frauen die Rede! Frauen 'dürfen' Hilfe holen, wenn es ihnen schlecht geht – und sie sind als Zentrum der Familie besser eingebettet. Aber Männern fehlt oft ein soziales Netz. Im Moment ist es besonders schlimm: Die Männer-dominierte Forstwirtschaft steckt tief in der Krise – und Arbeit ist hier für viele eine Art Therapie."

Doch die Männer gehen neue Wege. So ist der Holz hackende Mann in "Miesten vuoro" die Ausnahme: Die anderen Männer im Film sprechen über ihre Gefühle, die Kamera weicht auch Tränen nicht aus.

Damit ist "Miesten vuoro" auch ein Zeichen der Zeit: Er ist einer von drei Männer-Dokumentarfilmen, die 2010 in die finnischen Kinos kamen. Und auch bildende Künstler oder Dichter machen die Geschlechterfrage zum Thema.

Neben der erfolgreichen Gleichberechtigungsbewegung der Frauen spielt auch die Geschichte des Landes eine Rolle. In wenigen Jahrzehnten ist Finnland vom Agrar- zum Industriestaat geworden: Wer früher Hafenarbeiter war oder in der Einöde Bäume fällte, arbeitet heute als IT-Manager in der Stadt. Die Männer ziehen sich besser an, sie trinken Cocktails und fragen sich, wer sie sind und was sie wollen. Doch ganz können sie sich vom agrarischen Mythos noch nicht lösen, meint der Dichter Jukka Viikilä:

"Die jungen Männer ironisieren das archaische Bild. Sie machen daraus eine Alltagsperformance. In den Straßen von Helsinki sieht man die Jungs mit ihren Holzfällerhemden, die ihre Bärte um die Wette wachsen lassen, ohne sich dabei ernst zu nehmen Im Fernsehen gibt es eine Serie, in der Männer in 'männlichen' Jobs wie Waffenschmied oder Kranführer gegeneinander antreten."

Manche Männer sind überfordert – von den Wahlmöglichkeiten und von dem Erwartungsdruck, Empfindungen in Worte zu fassen. Im Gleichberechtigungsverein prangert man gar eine Doppelmoral der Frauen an: Einerseits sollten die Männer gefühlig sein. Aber wenn sie es sind, gälten sie als Jammerlappen.

Mika Hotakainen, der Regisseur von "Miesten vuoro", geht noch weiter: Er meint, dass Frauen in Sachen Kommunikation von den Männern lernen können:

"Sie sollten einfach mal zuhören! Frauen lassen einen nie zu Ende reden, man weiß am Ende gar nicht mehr, was man sagen wollte. Unser Film zeigt sehr schön, wie es funktionieren kann: Der eine redet, der andere hält still. Und am Ende wird ein Bier aufgemacht."

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