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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.06.2019

Der Begriff "Heimat"In Zeiten des Umbruchs wird das Vertraute wichtig

Susanne Scharnowski im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Person steht dem Betrachter mit dem Rücken zugewandt auf einem Felsvorsprung an einem See und schaut auf die Berge. (EyeEm / Esther Kelleter)
Zwischen Kampfbegriff und Geborgenheit: "Heimat" ist ambivalent. (EyeEm / Esther Kelleter)

Mit dem Wort "Heimat" verknüpfen viele typisch deutsch, konservativ, politisch rechts. Doch sei das keine Frage von Links oder Rechts - und der Begriff müsse nicht zwangsläufig negativ besetzt sein, meint Literaturwissenschaftlerin Susanne Scharnowski.

Mit dem Begriff "Heimat" sind viel Assoziationen verbunden – auch viele negative. Für die Literaturwissenschaftlerin Susanne Scharnowski, Forscherin an der Freien Universität Berlin, sind es vor allem viele Missverständnisse, nämlich, "dass es typisch deutsch ist, dass es was mit Nationalsozialismus zu tun hat und dass es zwangsläufig mies, klein und spießig ist".

Scharnowski hat zum Thema das Buch "Heimat. Geschichte eines Missverständnisses" geschrieben, und derzeit findet auch ein Kongress zum Heimatbegriff statt.  Heimat ist heutzutage Schlüsselwort, Reizwort und Kampfbegriff zugleich: auf der einen Seite verbunden mit Rückständigkeit, Konservativismus, Volkstümelei und Nationalismus, anderseits aber auch mit Vertrautem, mit Identität, mit Geborgenheit.

Es spielt eine Rolle, wer den Begriff benutzt

Der Begriff gewinne immer in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und Unsicherheiten Wirkungsmacht und einen besonderen Wert, sagt Scharnowski.

"Immer wenn der Eindruck entsteht, die eigene Heimat sei gefährdet, prekär, aber auch, wenn man die Heimat verlässt – also, zu Zeiten von Auswanderungen und Migration – kommt Heimat in den Blick. Das ist so etwas wie eine Grundkonstante des Denkens: Dass man Dinge, die einem vertraut sind, kaum wahrnimmt oder sogar als lästig und beengend empfindet."

Darüber hinaus spiele immer auch eine Rolle, wer diesen Begriff benutze: Literaten, die Kulturindustrie - oder ob die Politik ihn sich für Propaganda zu eigen mache. Letzteres sei immer ein Trigger für neue Debatten – das belege etwa die von der CSU durchgesetzte Bezeichnung "Heimatministerium".

Interessant auch: Der Begriff "Heimat" sei keine Frage von Links oder Rechts, er werde von beiden Lagern gleichermaßen benutzt. Eher sei es eine Frage von "oben" und "unten" – wer den Begriff eigentlich definieren dürfe und wer die Hoheit über den Diskurs beanspruche.

(mkn)

Susanne Scharnowski: "Heimat. Geschichte eines Missverständnisses"
wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2019
272 Seiten, 40 Euro

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